Buch-Kurzrezensionen (Seeberg, Malmsheimer, Spiotta, Brechmann, Snickers für Linkshänder)

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Wie bereits andernorts auf diesen Seiten ausführlich erklärt, bremsten mich zahlreiche äußere Faktoren in meinem Rezensionsfluss erheblich, und seit rund einem Jahr geht es mir wieder richtig gut. Dennoch hat sich dermaßen viel angesammelt, dass ich mich hier und dort bei den schon (sehr) lang hier liegenden Rezensionsexemplaren für Kurzrezensionen entscheiden muss, um den Mengen langsam mal wieder Herr zu werden – zumal bald noch einmal erheblicher Stress anstehen wird, denn ich wage mit meiner Familie ab Sommer einen Neuanfang in Berlin. Aber mein Versprechen an Verlage und Labels ist keine Luftblase: Was bei mir ankommt, wird auch zu 100% rezensiert. Hier fünf Kurzrezensionen zu diversen Büchern, etwas Drama, etwas Unterhaltung und einmal eine Mischung aus beidem.

Bücherabbildung privat, Bücher © Knaur, WortArt, Knaus, berlin Verlag und Snickers für Linkshänder

Cover © WortArt (l), Knaur (r)Sophie Seeberg – Die Schanin hat nur schwere Knochen
(Knaur, 2015, Produktlink beim Verlag)

Hierbei handelt es sich um den Nachfolger von „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!“ und den Vorgänger des mittlerweile längst erschienenen dritten Teils aus dieser Reihe, „Der Maik-Tylor verträgt kein Bio!“. In einem Kapitel treibt ein Ehestreit die Frau in die Esoterik, und der Mann glaubt, sie habe den Verstand verloren. Nur: Wie kommt das Kind unbeschadet aus dieser Situation? In „Mammut-Stammbaum“ wird es gar richtig chaotisch: Sandy erwartet ein Kind vom Exfreund ihrer Mutter, der der Vater ihres kleinen Bruders ist. Und dann wird die Mutter noch vom Exfreund der Tochter schwanger.
Man sollte sich von den ulkigen Covern der Bücher und solchen „Kann-doch-nur-ein-Witz-sein“-Situationen nicht in die Irre führen lassen, denn die unglaublichen Geschichten, die Familienpsychologin und Gerichtsgutachterin Seeberg aus ihrem Arbeitsleben äußerst bildhaft erzählt, sind zwar anhand ihrer Absurdität oftmals durchaus zum Schreien komisch und erinnern hinsichtlich Setting an RTL II-Dokusoaps, doch dann wieder stimmen einen manche Erzählungen fassungslos, traurig, wütend – und wenngleich Sophie Seeberg alles mit Humor zu nehmen versucht, so stehen ihr häufig auch – herrlich „unprofessionell“ – lesbar die Tränen in den Augen, und dem Leser bleibt das Lachen im Halse stecken. Nein, „Die Schanin hat nur schwere Knochen“ ist beileibe keine effekthaschende Freakshow der Mindergebildeten, sondern schildert überaus menschlich die unterschiedlichsten inakzeptablen familiären Situationen, vor allem auch, was im Kopf der Familienpsychologin vorgeht – und da berührt es besonders, wie Seeberg versucht, ihr Inneres durch die Kollisionen zwischen Emotion und Professionalität nicht erschüttern zu lassen.

12/15 Aufreger


Jochen Malmsheimer – Geänderte Wochenübersicht. Ein Vademecum der guten Laune
(WortArt, 2015, Produktlink beim Verlag)

Normalerweise steht Jochen Malmsheimer auf der Bühne und liest seine fürwahr edlen Wortschwälle, zuweilen köstlich piefigen Aufregervorträge, seine Lobhudeleien und all die anderen textlichen Exponate ihn beschäftigender Dinge aus Politik und Gesellschaft, aus dem eigenen Leben und seinen Beobachtungen des Umfelds mit unglaublicher Leidenschaft vor. Mit diesem handlichen, leinengebundenen und mit Lesebändchen versehenen Büchlein, das immerhin 350 Seiten stark ist, kann der Leser nun vor dem heimischen Kleiderschrankspiegel selbst einen auf Malmsheimer*in machen, denn hier werden ein paar der besten Stücke aus „Wenn Worte reden könnten, oder: Vierzehn Tage im Leben einer Stunde“, „Ich bin kein Tag für eine Nacht, ein Abend in Holz“, „Flieg Fisch, lies und gesunde! Oder: Glück, wo ist dein Stachel?!“, „Ermpftschnuggn trødå – hinterm Staunen kauert die Frappanz!“ in reiner Schriftform dargereicht. Ebenso gibt es noch ein paar textliche Bonustracks, nämlich in den Teilen „Nachreichungen und Dreingaben“ sowie „Stil- und Fingerübungen, sonderbar und abwegig“. Auch wenn es abwegig (sic!) erscheint, Malmsheimers Werke auf diese Weise zu goutieren, bereitet es riesigen Spaß – zumal man ohnehin des Meisters Stimme, Körpersprache und Schweißperlen in nahezu synästhetischer Manier mitdenkt. Und wer den Kabarettisten tatsächlich nicht kennen sollte, dem sei ans Herz gelegt, einen Streifzug durch die Untiefen YouTubes zu machen.

14/15 Pfund GUTE BUTTER!


Cover © Snickers für Linkshänder, berlin Verlag, KnausSnickers für Linkshänder (Willy Kramer) – Was ist das für 1 Buch?
(Future Pace Media Verlag, 2016, Produktlink bei Indiegogo, leider ausverkauft)

Willy Kramer, bald auf TELE 5 in der Sendung Metabohéme zu sehen, dürfte vielen bekannt sein durch seine Beiträge in Satiresendungen, seine Reihe Deutsches Fleisch, die Kunstfigur Dr. Artjom Khasan des Novo Magazins (zdf_neo), im Netz besonders durch seine unberechenbare Facebookseite Snickers für Linkshänder, in der der Anarcho-Entertainer, mitunter getrieben vom Synergieeffekt durch die kreative Community, allerlei Hirnflatulenzen, Holzhammerhumorattacken, schön schlechte Wortspiele, absurde Erzählungen, Grafiken, Videos auf die Menschheit loslässt (und durchaus schon mal Sperren dafür kassieren durfte). Was ist das für 1 Buch? war 2016 nun also das erste Sammelsurium der in Papierform bringbaren Zerebralejakulate. Wer es mitunter geschmacklos, mitunter so schlecht, dass es wieder gut ist, mitunter vollig banane mag, ist hier gut beraten, zumal inmitten zahlreicher „Was soll das denn jetzt?“-Momente dann auch fast schon geniale Verbalexzerpte in des Kramers Tastatur gehämmert wurden (und damit nicht genug, denn in Metaplinko, dem nächsten Buch, geht der Wahnsinn weiter). Nonsens und total Deepes für Fortgeschrittene. Und nicht einfach so für jeden. Hoffen wir, dass dieses ausverkaufte, durch ein Crowdfundingprojekt entstandene Buch bald wieder als Printversion zu haben ist.

12/15 Nüsse


Dana Spiotta – Glorreiche Tage
(berlin Verlag, 2014, Produktseite e-Book beim Verlag)

Der Rockmusiker Nik schreibt Alben am laufenden Band – doch er kündigt an, dass das aktuelle, welches er kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag fertiggestellt hat, sein letztes Album sein wird. In der Familie war er schon immer der Künstler, und auch wenn er sich stets verkannt fühlte, zeigte er unbändigen Ehrgeiz. Doch eines Tages ist er wie vom Erdboden verschluckt. Seine Schwester Denise, die ihren Bruder über alles liebt, ihn deshalb irgendwie mitzieht und ihm sein Leben angenehm zu machen versucht, möchte herausfinden, was sich da ereignet hat. Warum er verschwunden ist. Und als sie auf seine Tagebücher stößt, darf sie feststellen, dass Nik sich mehr als je erahnt in einer Scheinwelt verloren hat. Der Künstler phantasiert von Plattenbesprechungen, Interviews, galaktischen Plattenverkaufszahlen, erfindet eine typische Rockstarbiographie, und auch Gossip kommt nicht zu kurz. Im Grunde hat er eigentlich nichts, seine Alben bleiben in der Familie, und finanziell hält er sich leidlich gut über Wasser, unter anderem mit Gelegenheitsjobs. Oft muss sie sich fragen: Wer war Nik eigentlich? Doch er schreibt auch über Denise. Und so lernt sich selbst aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen.
Im Grunde ist dieses Buch liebevoll und herzerwärmend geschrieben, und eigentlich braucht es auch Atempausen, wie man sie hier findet. Obendrein passt die Struktur von „Glorreiche Tage“ zum Groove der Geschichte, stets ist man zu Besuch in den Köpfen der grundverschiedenen Geschwister. Doch hin und wieder ufert das Buch schlichtweg zu sehr aus, und ab und an tritt man beim Lesen mehrere Seiten lang auf der Stelle. Auch macht sich manchmal eine unsichtbare Barriere bemerkbar, die den Leser dann doch nicht ganz an die Charaktere heranlässt. Das verleiht sowohl Denise als auch Nik eine gewisse Unnahbarkeit. Hinzu kommt, dass „Glorreiche Tage“ auch diverse Längen aufweist, die ein klein wenig an der Geduld nagen. Das sorgt immer wieder für Frustschübe. Auch wenn dieses Werk grundsätzlich eine eher ruhige Note hat, so hätte „Glorreiche Tage“ etwas mehr Tempo gut getan, ebenso etwas mehr Fokus und weniger Gedankenmäander.

Wertung: 10/15 Rockakkorde


Jan Brechmann – Ein Fliesenleger fugt sich durch (Handwerker-Doku-Soap)
Aufgeschrieben von Oliver Uschmann und Sylvia Witt
(Knaus Verlag, 2014, Produktseite beim Verlag, leider nur noch e-Book)

Klappentexte zu zitieren, ist eigentlich nicht die schönste Art, eine Rezension zu eröffnen, aber es ist bereits zu köstlich, dies lesen zu dürfen: » … Wenn er mit seinem Werkzeugkoffer kommt, verlieren die Menschen Scheu und Scham. So wird Jan Brechmann unfreiwillig fast zum Geburtshelfer, bändigt Kampfhunde, wird als Babysitter zweckentfremdet und als Werbemodel für einen Swingerclub missbraucht.«
Jan Brechmann ist Mitarbeiter einer Münsterländer Firma für Bautrocknung und Klimatechnik und war im Jahr 2012 mehrmals bei Uschmann und Witt vor Ort, als dort aus der Tapete des Treppenhauses Wasser schoss, und die beiden waren so begeistert von dieser heiteren und redseligen Gestalt, dass sich irgendwann der Plan ergab, die verrücktesten und skurrilsten Erlebnisse aus dem brechmannschen Arbeitsleben doch niederzuschreiben. Und so erfährt man, wie der vom Cover strahlende Brechmann beispielsweise von dem halbstarken Ilkay böse angerappt wird.
Es wird beteuert, dass sich alles genau so ereignet hat – lediglich Kontexte, Farben, Settings wurden zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte der Kunden etwas fiktionalisiert-, doch selbst wenn nur die Hälfte dessen wahr ist, bleibt immer noch genug Stoff, um sich köstlichst zu amüsieren.

13/15 akkurat gelegte, perfekt verfugte Badezimmerfliesen

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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