C. J. Tudor – Der Kreidemann (Buch)

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C. J. Tudor - Der Kreidemann (Cover © Goldmann)«Wenn unsere Welt eine Schneekugel wäre, war dies der Tag, an dem irgendein Gott vorbeigeschlendert kam, sie einmal kräftig schüttelte und wieder hinstellte. Und nachdem Schaum und Flöckchen sich gesetzt hatten, war nichts mehr wie zuvor.»

Vor dem Tag, nach dem nichts mehr sein würde wie zuvor, waren Eddie, Hoppo, Fat Gav, Metal Micky und Nicky einfach nur beste Freunde, die in der Kleinstadt Anderbury lebten. Doch nachdem Eddie einen schrecklichen Unfall auf dem Jahrmarkt mitansehen musste, verändert sich alles. Das Unglück ist nur der Auftakt zu weiteren grausigen Vorfällen, die den Weg der fünf Freunde säumen. Eines Tages folgen sie mysteriösen Kreidezeichnungen in den Wald – und finden eine Mädchenleiche. Dreißig Jahre später wird Eddie plötzlich wieder mit den Zeichnungen konfrontiert. Ist der Kreidemann zurück?

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Fünf junge Freunde, ein Sommer, eine Leiche – ja, „Der Kreidemann“ erinnert ein wenig an „Stand by me“ und – insbesondere aufgrund der Konstellation der Clique – an „Es“. Immer wieder denkt man beim Lesen an diese beiden Geschichten und doch ist „Der Kreidemann“ ganz anders. Erzählt wird in zwei Zeitebenen, die kapitelweise wechseln: 1986 und 2016. Aus Eddies Sicht erleben wir den fraglichen Sommer und begleiten ihn als erwachsenen Mann, der sich plötzlich wieder mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen muss. Mittlerweile ist Eddie Englischlehrer, der seinen Alltag vorzugsweise mit Alkohol meistert. Die Erlebnisse aus seiner Kindheit sind nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.

Sehr detailreich und komplex erzählt Eddie, was damals geschehen ist. Ein wenig zu detailreich, denn seine Geschichte kommt nur langsam in Fahrt und braucht etwa 100 Seiten, bis sie richtig packt und ein hohes Spannungsniveau erreicht. Zahlreiche Nebenhandlungen lassen den Beginn etwas zäh erscheinen, ergeben aber im weiteren Verlauf durchaus Sinn. Viel Raum nehmen zudem persönliche Schicksale ein, wie zum Beispiel die Demenz von Eddies Vater. Der positive Effekt dabei ist, dass wir die Menschen, die Eddie nahestehen, genauso wie ihn selbst, sehr gut kennenlernen. Die Charaktere erhalten viel Tiefe, als Leser möchte man mehr über ihr Schicksal erfahren.     

Allgegenwärtig sind die Kreidemännchen. Sie ziehen sich als roter Faden durchs Buch und schaffen eine mysteriöse, beklemmende und bisweilen sogar gruselige Atmosphäre. Was hat es bloß mit ihnen auf sich? Wie wird sich alles auflösen? Man kann die Beantwortung dieser Fragen kaum erwarten und fliegt dementsprechend im Mittelteil nur so durch die Seiten.   

Das Ende kann dann leider nicht ganz überzeugen. Es will nicht so recht zur restlichen Story passen. Die geheimnisvolle Atmosphäre wird aufgebrochen und macht Platz für einen ziemlich abrupten, eher platten Showdown, der das Besondere vermissen lässt. So ähnlich hätte er auch in jedem anderen Thriller passieren können.

Stilistisch wiederum ist die Geschichte wunderbar rund. Eddie erzählt überaus flüssig und detailreich in der Ich-Perspektive. Dabei gibt er nicht alle Geschehnisse sofort preis, sondern verrät manches erst zu einem späteren Zeitpunkt. Das führt dazu, dass sich der Sinn oftmals erst im Verlauf offenbart. Die Spannung wird nicht zuletzt dadurch langsam aufgebaut, ist manchmal eher unterschwellig spürbar, bevor sie schließlich vollends durchbricht. Nach einem etwas holprigen Start, schafft es Eddie, die Leser mitzureißen und sie in seine Geschichte zu ziehen.

Fazit: „Der Kreidemann“ überzeugt nach einem etwas langatmigen Beginn mit einem sehr starken Mittelteil, der die Spannung auf die Spitze treibt, leider aber in einer zu platten Auflösung endet. Insgesamt ist die Geschichte definitiv lesenswert und ein überaus gelungenes Debüt.

Cover © Goldmann

  • Autor: C. J. Tudor
  • Titel: Der Kreidemann
  • Originaltitel: The Chalk Man
  • Übersetzer: Werner Schmitz
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 05/2018
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 384
  • ISBN: 978-3-442-31464-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 Kreidemännchen


Über den Autor

Jasmina Driller


Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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C. J. Tudor – Der Kreidemann (Buch)

von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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