Die rote Schildkröte (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Die erste Kooperation des beinahe legendären Studio Ghibli mit einem europäischen Filmemacher. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Für booknerds.de durfte ich mir dieses filmische Kleinod anschauen: Für diesen minimalistisch handgezeichneten Film, der 2017 bei den Oscars in der Kategorie „bester Animationsfilm“ nominiert wurde, haben sich mit dem Regisseur Dudok de Wit und dem in Asien und mittlerweile auch in der westlichen Welt berühmten Studio Ghibli ungewöhnliche Kooperationspartner gefunden.

Studio Ghibli und ein niederländischer Trickfilmregisseur

Die Schöpfer der sagenhaft schönen Animationsfilme bei Studio Ghibli setzen auf traditionelle Animationskunst, geizen aber in aller Regel dennoch nicht mit Farben, Details und opulenten Schauplätzen. Im Gegenteil wissen die Filme häufig durch wunderschöne handgezeichnete Landschaftsaufnahmen zu gefallen (z.B. „Arrietty – Die wundersame Welt der Borger“ aus dem Jahr 2010). Aufmerksame Sammler der Filme des Studios wissen allerdings, dass mit der “Legende von Prinzessin Kaguya“ bereits mindestens ein anderes dem Minimalismus verbundenes Werk erschienen ist. Ein altes japanisches Märchen (die Geschichte vom Bambussammler) wird darin mit einfachen Zeichnungen erzählt, die dennoch mehr sagen als manch aufwendige Rendersequenz moderner Animationsfilme. Wie für Filme des Studios üblich hebt sich die Geschichte durch mehr Melancholie und weniger Slapstick und einen, wenn vorhanden sehr leisen Humor von westlichen Animationsfilmen ab.

Der Niederländische Animator und Trickfilmregisseur Michael Dudok de Wit bekam mit dem vorliegenden Werk nicht etwa seine erste Oscar-Nominierung. Die gab es 1994 für den Kurzfilm „Der Mönch und der Fisch“. Der Ghibli-Gründer Isao Takahata wurde auf den europäischen Filmemacher durch dessen im Jahre 2000 erschienen Film „Father and daughter“ aufmerksam.

Und gesprochen wird auch nicht

Was man meiner Meinung nach prominenter beim Bewerben des Films hervorheben sollte, ist die Tatsache, dass der Film vollkommen ohne Sprache auskommen möchte. Die Formulierung ist bewusst gewählt, da zumindest meiner Meinung nach der Film durchaus Längen hat, die durch den Stummfilmcharakter eher in Szene gesetzt als überbrückt werden. Neben den Bildern sollen lediglich Musik und die Geräusche der Natur die Handlung unterstützen. Ich muss sagen, dass mich das vermutlich ein wenig abgeschreckt hätte, wenn ich es vorher gelesen hätte.

Und die Schildkröte steht für…

Der gesamten Geschichte haftet der Charakter eines parabelhaften Lehrstücks an, bei dem man sich nacheinander fragt, wie genau es weiter geht, ob noch mehr passiert, ob das alles war und schließlich, was man aus der Geschichte mitnehmen soll. Eine Inhaltsangabe zu geben, ohne die eher magere Pointe zu verraten ist dementsprechend, schwierig.

Der Protagonist der Geschichte strandet auf einer Insel und scheint weit und breit der einzige Mensch zu sein. Voller Tatendrang setzt der gestrandete Robinson alles daran, ein Floß zu bauen und die Insel zu verlassen, wird jedoch immer und immer wieder von einer immer im ungünstigsten Moment auftauchenden riesigen roten Schildkröte am Verlassen der Insel gehindert. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, der Schildkröte das Handwerk zu legen, schreitet er zur Tat und erlebt eine erstaunliche Verwandlung. Eine viele Jahre umfassende Geschichte im Zeitraffer nimmt ihren Lauf. Große Themen wie Alter, Jugend, Vergänglichkeit, Tod, Trauer und Einsamkeit werden angeschnitten, ohne platte Lösungen anzubieten.

Eine abschließende Moral konnte ich trotz Aufgeschlossenheit gegenüber dem Medium insgesamt und dem Film insbesondere nicht erkennen. Das große warum wird meines Erachtens nicht abschließend geklärt.

Weniger ist… einfach wenig

Die schlichten, meist handgezeichneten Hintergründe muten an wie Aquarelle und untermauern die urtümliche Stimmung der Geschichte, und auch die Animationen sind qualitativ nicht zu beanstanden. Alles wirkt flüssig, organisch, natürlich. Kleine Krabben spielen im Sand, einzelne Sandkörner erwecken eine farbige Fläche zum Leben. Handwerklich gibt es nichts zu beanstanden, dennoch:

Wenngleich sich diese Betrachtungsweise vom Kanon der Pressestimmen in den Weiten des Netzes abheben mag, empfand ich den visuell und akustisch reduzierten Stil als zu viel oder viel mehr zu wenig des Guten. Die Geschichte könnte als Basis für einen anrührenden Film mit traurigen Momenten dienen, lässt aber schlichtweg zu viele Fragen offen, um mich effektiv zum Nachdenken zu bringen. Die Optik ist ohne Frage stilsicher gelungen, trifft aber schlichtweg nicht meinen Geschmack, da ich gerade as Fan der Ghibli-Filme einfach anderes gewohnt bin. Es fehlt der Detailreichtum, die überbordende Fülle an Farben und Mustern, und zu guter Letzt fehlen erklärende Dialoge oder wenigstens eine Sprecherstimme.

Fazit

Für Fans des Studios vielleicht eine Perle, insbesondere, da der Film so anders ist als die meisten bisherigen. Für Liebhaber von (nachdenklicher) Lyrik oder für nachdenklich veranlagte Cineasten möglicherweise eine Perle. Wer einfach handgezeichnete opulente Trickfilme mit etwas anderen, langsameren Geschichten mag, findet hier nur unter Umständen das Richtige.

Cover © Universum Anime

Angaben zur BluRay-Verkaufsversion
(der Redaktion lag ein reduziertes Vorab-Rezensionsexemplar vor)

  • Label: Universum ANIME
  • FSK ab 0 Jahren freigegeben
  • Laufzeit: ca. 77 Min.
  • Bildformat: 1,85:1 (16:9 anamorph)
  • Tonformat: DD 5.1
  • Sprachen: Deutsch
  • Extras: Die Geburt der roten Schildkröte, Kinotrailer, Making Of, Postkartenset, Zeichenstunde mit Michael Dudok de Wit
  • Verpackung: 4-seitiges DVDpak, Schuber
  • Anzahl Discs: 1
  • Erschienen am 28.07.2017
  • Produktseite beim Label

Über den Autor

David J. Weigel


Zur Zeit darf ich im schönen Hannover studieren… Das ist diese unscheinbare aber irgendwie sympathische Halbmillionen-Stadt an der A7 zwischen den großen Metropolen. Besonders im Spätsommer, da kann man Glühwürmchen im Stadtpark sehen…

∇ mehr über David/Kontakt

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Die rote Schildkröte (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

von David J. Weigel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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