soundnerds #4: Wie der Beat dem … – Heute: Aus Eferding über London nach Berlin

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Im Jahr 2006 bin ich für ein halbes Jahr nach Australien gegangen, um dort an meinem „Großen Beleg“ (eine Art Probediplom) für die Uni zu schreiben. Heimweh hatte ich zwar keines, dafür aber einen enormen Liebeskummer, der alles andere, was sich in diesem fremden Land an neuen Eindrücken ansammelte, zu überlagern drohte. Dass ich der Verflossenen hinterher reiste und sie eben in dem Moment, als ich auf dem fünften Kontinent ankam, der Beziehung den Gnadenschuss gab, war nicht gerade hilfreich. In solchen Zeiten ist Musik besonders heilsam und wirkt tröstend. Zwei Künstler haben mir dabei geholfen, über diesen Schmerz hinweg zu kommen und die Zeit in Down Under ein wenig besser genießen zu können: Trentemöller und Florian Meindl. Auf ersteren gehe ich noch zu gegebener Zeit ein, Zweiterem möchte ich euch nun im dritten Teil meiner eigenen Reihe  innerhalb der Soundnerdskolumne etwas mehr Raum geben. Florian Meindl also, der zu etwa derselben Zeit, als ich in Down Under weilte, bekannter wurde und mir persönlich eben geholfen hat, über den Liebeskummer hinweg zu kommen.

Etwa im Jahr 2005 war es, als sein Stern langsam aufzugehen begann und er erste Tracks auf Vinyl veröffentlichte. Zu dieser Zeit war ich noch auf schon beschriebenen Dominik Eulberg fixiert (und bin es auch heute noch) und, was ich im Nachhinein als Lernprozess erachte, auch dem Trance verschrieben. Die erste Veröffentlichung namens „Glitchy Katie“ bekam ich also nicht mit, was nicht als Verlust zu bewerten ist. Das erste Mal lief mir der Name Florian Meindl über den Weg, als ich in eingangs erwähntem Australien war und dort nach Musik suchte, um eben jenes Ereignis aus dem Kopf zu bekommen. Es war die Zeit, als die ersten  Streamingportale nach und nach aus dem Boden schossen und immer bekannter wurden. Eines davon war für mich mein Rettungsanker. Die Seite nannte sich play.fm und dort wurden regelmäßig Sets von bekannten und unbekannten DJs hochgeladen, unter anderem auch von Florian Meindl. Und ich hörte seine Sets wie ein Irrer, auch heute noch. In diesen Mixen waren viele Stilelemente vertreten, welche zur damaligen Zeit richtig beliebt waren, vor allem Techhouse, Techno und Minimal, und ich saugte alles begierig auf. In dieser Art fing meine persönliche Hörbeziehung zu Florian Meindl an. Als ich dann wieder heimischen Boden unter den Füßen hatte, inspirierten mich seine Sets auch in der Art, wie ich für mich privat auflegen wollte. Doch das soll für eine andere Geschichte in dieser Reihe herhalten.
Wenn mich jemand fragt, was mein Lieblingstrack von Florian Meindl ist, so könnte ich das nicht definitiv beantworten. Es gibt einfach zu viele gute von ihm. Einen Track aus seiner frühen Schaffensphase, durch den ich erst so richtig auf Florian Meindl angefixt wurde, war „Chase the Robot“. Diese Nummer ist eine richtig feurige Abgehnummer, die von Beginn an ein Sperrfeuer aus Beats und wobbeligen Klöppereien im Hintergrund zündet. An sich ist der Track recht simpel gestrickt und nicht bemerkenswert kompliziert aufgebaut, aber er geht sofort ins Bein und droht nie, in meinem eigenen Gehörgang langweilig zu werden. Er entfaltet sofort eine enorme Kraft und ist sicherlich heute noch auf jedem Dancefloor ein absoluter Eisbrecher.

Im Jahr 2007 erschien mit „Get Wasted“ das Debütalbum von Oliver Koletzki, bei dem Florian einige der Tracks mit seinem damaligen Berliner Kumpel koproduziert hatte. Dieses Album höre ich auch heute noch gerne, da die Mischung zwischen eleganten Melodien und treibenden Beats stimmig und das Album abwechslungsreich gestaltet ist. Neben diesem Album hat Florian für das Label von Oliver Koletzki, „Stil vor Talent“, welches vor allem durch den großartigen Track „3 Tage wach“ bekannt geworden ist, einen Mix zum dreijährigen Jubiläum angefertigt. Danach haben sich die Wege der zwei langsam aber stetig getrennt, da auch Florian parallel ein eigenes Label namens „Flash Recordings“ aufgebaut hatte, um seine eigenen Vorstellungen, Musik zu produzieren und veröffentlichen zu können, umzusetzen. Das bekam ich persönlich gar nicht mit, da es mehr im Hintergrund ablief. Jeder ging somit seinen Weg. Den von Oliver Koletzki (den ich hier in dieser Form sicher auch noch vorstellen werde) habe ich danach nicht mehr so intensiv verfolgt. Den von Florian hingegen schon.

Viele Singles wurden gesammelt, auf Vinyl und/oder digital, bis endlich das erste Album auf den Markt kam. Lange musste man darauf warten und ich dachte schon, dass er nie eines veröffentlichen wird. Jedoch hatte ich leichte Bedenken, da zum damaligen Zeitpunkt ab 2010 bis zur Albumveröffentlichung 2012, sein Stil immer mehr in Richtung House und Techhouse tendierte, weshalb ich in dieser Spanne einige seiner Tracks nicht mehr kaufen wollte. Ich bin wirklich breit gefächert, was meinen Geschmack innerhalb der elektronischen Musik angeht, aber House gehört leider nicht zu den Stilrichtungen, die ich direkt als Favorit ankreuzen würde. Was mit den Singleveröffentlichungen deutlich wurde, manifestierte sich in eben jenem Album, welches auf den Namen „Waves“ hört. In seiner Anfangsphase zog er aus seinem Heimatort Eferding in Österreich weg, um in London Toningenieurwesen zu studieren. Dieses Studium schloss er erfolgreich ab. Dass er sich in der Theorie mit der Materie auseinandersetzte merkt man vor allem diesem Debüt an. Durchproduziert bis in die letzte Note, trifft er alles auf den Punkt und trotz ihrer Houselastigkeit sind die Stücke auch für mich hörbar. Es ist zwar nicht mein Favorit für alle Zeiten, aber langweilig ist dieses Album selbst heute nicht. Gerade die Techlastigkeit in seinen Housestücken haben es mir auf diesem Album angetan. Einzig die Vocals in manchen Tracks versauen diese, da sie ihnen die Kraft und Energie rauben, die sie in den ersten Minuten verströmen. So rücken die Vocals gerade bei den Stücken „We have taken control“, „What is techno“, „Good Times“ und „Spread Out“ zu sehr in den Vordergrund. Wiederum in den Stücken „Pictures“ und „Whishful Thinking“ sind die Vocals, die schon kleine Textperlen sind, so grandios geraten, dass ich jedesmal Gänsehaut bekomme, wenn ich diese Titel höre. Zudem sind sie auch sehr schön im Aufbau und sind sehr melodisch geraten. Da ich aber dem Techno in seiner reinen Form und den Spielarten davon sehr zugetan bin, hängt vor allem der Track „It’s all making sense now“ in meinem Kopf fest. Das ist ein Technokracher, der den Rest des Albums komplett in den Schatten stellt und von Anfang an voll auf die 12 geht. Wenn man diesen mit dem Track „Taubenblut“ von Dominik Eulberg vergleicht, den ich in der letzten Kolumne vorgestellt hatte, ist „It’s all making sense now“ ein klein wenig über das Ziel hinaus geschossen und für manch empfindliches Ohr klingt er überladen. Genauer gesprochen würde ich sagen, dass Florian in diesem Track ein paar Elemente zu viel eingebaut hat, erstaunlicherweise funktioniert er trotzdem. Es klingt crazy, aber in einer positiven Form. In einem Interview zum Album meinte Florian, dass er so in der Produktion des Albums feststeckte, dass kein Land mehr sah und diese schon unterbrechen wollte. In dieser Situation konnte er mit diesem Titel einfach die Sau rauslassen, um sich zu befreien, was ihm in meinen Augen gelungen ist. Danach war er im Fluss, die Blockade wurde gelöst und das Album konnte fertig produziert werden.
Danach war aber in der Hörerbeziehung zwischen mir und Florian ein bisschen der Wurm drin. Durch die Hosuelastigkeit, die er in seine Produktionen einfließen ließ, war ich nicht mehr so scharf auf neue Tracks und stürzte mich auf andere Produzenten. Doch seit er sein eigenes Studio im Berlin bezogen und  immer mehr ausgebaut hat, sind auch die Einflüsse dieser Stadt immer mehr in seine Musik geflossen. Sie haben seinen Sound wieder härter werden lassen und er driftete wieder mehr in Richtung Techno. Sein zweites Album stand dann 2015 in den Startlöchern und ich war wieder voll dabei. Mit „Collide“ hat er ein Brett an Technonummern rausgehauen, die sich gewaschen haben. Wenn man nur halb hinhört, bekommt man Bassgewummer um die Ohren geschlagen und empfindet das komplette Album als relativ monoton. Doch Meindl bleibt seinem Perfektionismus treu und bringt perfekt choreographierte Nummern an die Hörer. Und gegenüber dem Brett „It’s all making sense now“ bekommt er bei allen Stücken immer zu den genau richtigen Zeitpunkten die Kurve, so dass die Tracks nie übertrieben oder überladen daher kommen. Sie sind Techno in Reinform und auch eine Verneigung vor der alten Schule. Insgesamt ist dieses Album, trotz, dass es Techno ist, sehr ausgewogen und auch relativ melodiös geraten. Obwohl innerhalb einer kürzeren Zeitspanne produziert, ist es in meinen Augen gegenüber dem Erstling das reifere, ausgeglichenere Werk, da er hier zu den Wurzeln seines Schaffens zurück gefunden und diese perfektioniert hat. Außerdem hat er mit „Collide“ den harten, im verborgenen agierenden Berlinsound, so wie ich ihn mir vorstelle und schätze, perfekt in Szene gesetzt. Dieses Album ist, wenn ich die letzten 5-10 Jahre in Betracht ziehe, auf jeden Fall innerhalb meiner Top 10 vertreten.
2017 hat er seinen mittlerweile dritten Longplayer unter dem Titel „Time Illusion“ herausgebracht, dem unzählige Singleveröffentlichungen voraus gingen (die nicht auf dem Album enthalten sind). Er bleibt dort weiterhin seinem Technostil treu, den er auf „Collide“ etabliert hat und man merkt diesem Album den Maschinenpark an, den er sich mittlerweile angeschafft hat. Der imaginäre Hut kann nicht oft genug vor seiner Arbeit gezogen werden, da er neben der Labelarbeit und einem Nebenprojekt noch ein weiteres Album veröffentlicht hat. Die Detailversessenheit ist auch weiterhin spür- und hörbar. Leider hatte ich noch nicht die Muße und die Zeit, mich vollends in die einzelnen Stücke einzuhören, aber ich würde sagen, dass wieder ein paar Monsterbretter darauf enthalten sind, die wahrlich durch Mark und Bein gehen.
Gegenüber RMB und Dominik Eulberg, die euch bisher vorgestellt habe, fährt Florian Meindl eindeutig die härtere und melodielosere Schiene. Vielen schmeckt diese Art von Musik sicher nicht. Mich dagegen setzt sie ebenfalls in Verzückung, da gerade bei diesen monotoneren Stücken vielmehr die kleineren Details zum Vorschein kommen und darüber entscheiden, ob einer sauber produziert oder nur Schrott raushaut. Florian gehört eindeutig in die erste Kategorie. Und seien wir mal ehrlich, ein soooo monotones Gestampfe sind die Tracks nun auch wieder nicht. Ehrenwort! Wer jetzt Lust bekommen hat, kann gerne wieder in den Mix reinzappen, den ich euch für diese Kolumne angefertigt habe. Viel Spaß beim Durchhören.
Allgemeine Frage:
Über welche persönlichen Momente zu welchem Künstler aus der elektronischen Szene wollt ihr als nächstes etwas von mir Lesen? Sofern ich da überhaupt etwas beitragen kann, aber das Portfolio ist noch recht ausschöpfbar. In diesem Sinne ein fröhliches mpf mpf mpf mpf mpf tüt tüt tüt….


Über den Autor

Marc Richter


„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ (Stephen King „Der Mann in Schwarz“) – wenn ich sage, dass ich von Kindesbeinen an lese, dann ist das sicher verklärt durch Erzählungen der Eltern/Großeltern oder auch das schwache Langzeitgedächtnis. Vielmehr war ich ein Lesemuffel, nicht anders lässt sich erklären, warum ich lieber Lustige Taschenbücher statt richtige Bücher gelesen habe.
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soundnerds #4: Wie der Beat dem … – …

von Marc Richter Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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