Candice Renoir (Staffel 5, 3 DVD)

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Die ersten beiden Staffeln war „Candice Renoir“ familientaugliche Krimiunterhaltung mit Witz, französischem Charme und ein paar dramatischen Untertönen. Getragen von einer trefflichen Besetzung war die Serie ein entspannender und amüsanter Zeitvertreib. Candice Renoir gelang die Kombination aus (gespielter) Naivität und deduktivem Scharfsinn – der sich oft aus absurden Koinzidenzen zu Begebenheiten aus ihrem Familienalltag ergab – mit spielerischer Leichtigkeit. In den besten Momenten wirkte „Candice Renoir“ wie eine feminine Hommage an den seligen Inspector Columbo. Ohne Zigarre, dafür in Pink.

In der Finalfolge von Staffel 2 wird der erst feindselige, dann eng vertraute Capitaine Antoine Dumas lebensgefährlich verletzt. Das Paar, dass sich erst neckte und geradezu für die Liebe prädestiniert war, wurde gewaltvoll getrennt. Dumas lag im Krankenhaus und Candice begann eine Affäre mit dem Macho-Bullen Canova. Die sich im Laufe der nächsten beiden Staffeln so intensivieren wie Canova verändern würde. Naturellement blieb die Beziehung zwischen Renoir und Dumas in der Schwebe, bis passierte was zwangsläufig passieren musste. Liebe lag nicht nur in der Luft, sondern turnte auch durchs Bett.

Leider war „Candice Renoir“ zu diesem Zeitpunkt schon unter einem Übermaß an Konflikten und Identitätskrisen mächtig ins Wanken geraten. Der jeweilige Kriminalfall spielt immer noch keine Rolle, das Privatleben der Protagonisten wird nicht mehr ironisch durchleuchtet, sondern sorgt hauptsächlich für effektheischende dramatische Einlagen. Dumas wird Schmerzmittelabhängig und verlässt das Team nach einem bösen Krach mit Renoir in Richtung der toughen Starpolizistin Sylvie Leclerc, die später Chefin der Renoirschen Abteilung wird. Candice verliert immer mehr den Bezug zu sich selbst und ihren Kindern, taumelt sich irrlichternd durch wenig aufregende Kriminalfälle, um am Ende vor einem Scherbenhaufen zu stehen.
Das charmante Geplänkel der frühen Folgen wird zugunsten eines düster angehauchten inhaltlichen Tohuwabohus vernachlässigt. Candice wird vorgeführt wie ein Zirkushündchen, das seine Kunststücke verlernt hat. Als ob es nicht genügend andere Serien gäbe, die die schattigen Seiten der Polizeiarbeit in Szene setzen. Manchmal effizient und beklemmend, öfter noch exzessiv bis zum Erbrechen. „Candice Renoir“ steht das nicht besonders gut zu Gesicht, da die vermeintlich spannenden Konflikte viel zu holprig und banal entwickelt und aufgelöst werden.

So bekommt die zunächst wenig gemochte, dann geschätzte Vorgesetzte Yasmine Attia ein menschliches Profil, um dann sang- und klanglos aus der Serie zu verschwinden. Noch schlimmer trifft es David Canovas, von dem Candice später in einer komatösen Traumsequenz behaupten wird, er sei ihr wahrer Geliebter. Wobei zu diesem Zeitpunkt längst klar ist, dass eigentlich Antoine Dumas der Auserwählte ist. Aber das ist wie bei Brüderchen und Schwesterchen, der See zwischen den beiden ist einfach zu tief.

Wir bewegen uns auf Staffel 5 zu, deshalb jetzt für Newbies eine Spoilerwarnung!

Canova wird sein Schicksal am Ende der vierten Staffel ereilen. Auf höchst peinliche und unglaubwürdige Weise. Er findet, nachdem er Renoirs Kinder wegen der möglichen Anschläge eines durchgeknallten Bombenbastlers umsorgte, ein absenderloses Paket auf Candices Briefkasten. Was macht der erfahrene Polizist damit? Klar, er öffnet es ohne Not. Und begegnet natürlich seinem Schöpfer. Das heißt später begegnet er in Traumsequenzen auch Candice wieder. In Egalien.

Sehenswert bleibt das kompetente Ensemble, das sich achtbar selbst durch schwache Szenarien hangelt. Der nach diversen personellen Flops neu zum inneren Kreis zustoßende Mehdi Badhou ist ein liebenswerter Gewinn, auch wenn er später mit den inkonsequenten Winkelzügen des Drehbuchs zu kämpfen hat. Chrystelle Da Silva, die Königin der Müffeligkeit, dicht gefolgt von Candices Tochter Emma, entwickelt mehr Empathie und Facetten als man je von ihr erwartet hätte. Dabei könnte man Darstellerin Gaya Verneuil stundenlang beim Flunsch ziehen zuschauen.

Cécile Bois in der Titelrolle ist ebenfalls wieder eine Bank mit rosa Lammfellchen, auch wenn sie fast bis ins Psychotische hinein zerlegt wird. Ihr stellenweise unmotiviertes, überkandideltes Lachen lässt selbst Heath Ledger in seiner Rolle als Joker erblassen. Das ergibt zwar kaum Sinn, ist aber als Verfremdungseffekt von hoher Wirksamkeit. Fragt sich bloß wofür…

In der fünften Staffel stellt sich die alte Leichtigkeit immerhin partiell nochmals ein. Candice huldigt wieder der Farbe Rosa, tritt fordernd und nicht bedürftig auf, auch wenn sie gleich zu Beginn der Staffel ziemlich ungeschickt aufgrund ihrer Ermittlungsmethoden an den Pranger gehievt wird. Es stellt sich eine Frage wie bei vielen amtierenden Thriller-Verfasser*innen: Warum opfert man für ein bisschen vergängliche Oberflächenspannung kompetent und vielseitig entwickelte Charaktere?

Das Gefühlswirrwarr mit Antoine ist nicht ausgestanden, sein Versuch mit der erst burschikosen, dann nervenden Freundin Jennifer eine Kleinfamilie zu gründen und zu leben, scheitert kläglich. Candice bleibt verstrickt in Drehbuchschreiberchens Vorstellung von Ambivalenz ihm gegenüber. So wird das nix.
Leider verlässt Chrystelle Sete Richtung Paris. Scheinbar unwiderruflich. Die Äquivalenz von Team gleich Familie bekommt trotz einer gefühlvollen, aber auch generischen, Abschiedssequenz weitere Risse. Ihre Nachfolgerin Valentine Atger hat logischerweise einen schweren Stand, bekommt aber in der vielleicht besten Folge „Die Neugier ist ein Makel“, bei der Candice endlich wieder zu alter Größe aufläuft, eine passgenaue Umarmung. Thema ist der Kontrast zwischen klassischem investigativem Journalismus und der ungefilterten Macht der neuen Medien und Netzwerke.

Es rattert und knattert, wird am Ende zu einem etwas halbherzigen, aber durchaus gelungenen „Life On Mars“-Derivat, als Candice, im Koma liegend, einen Fall im Jahr 1975 bearbeitet, der bis in die Gegenwart hineinreicht. Hier geben sich Amüsement und Tiefe ein unterhaltsames Stelldichein. Das Thema „Vergeblichkeit“, dass sich an vielen Stellen der Serie festmachen lässt, bekommt endlich ein festes Fundament, und der Blick auf die Rolle der Frau im Arbeitsleben vor vierzig Jahren ist zwar plakativ aber durchaus zutreffend.

Leider versuppt die Schlusseinstellung wieder zu einem Drama um des Dramas willen. Ist schon schade, dass „Candice Renoir“ mit der Eigenständigkeit und dem innewohnenden Potenzial so schludrig umgeht. Hier unterscheidet sich, die mit jeweils zehn Folgen eigentlich überschaubare, Produktion von Peter Falks „Columbo“. Dort waren die Marotten und Methoden des Unikats Columbo genug, um die ganze Serie über Jahrzehnte zu tragen. „Candice Renoir“ will bei ähnlichem Ansatz immer mehr sein und erreichen, und ist genau deshalb weniger.

Trotz aller Mankos und dank Cécile Bois ist man immer noch gespant wie es weitergeht. Obwohl man sich nach drei eher zähen Staffeln mitunter fragt: Wieso eigentlich?

Cover und Fotos © edel:motion/Glücksstern

  • Titel: Candice Renoir
  • Originaltitel: Candice Renoir
  • Staffel: 5
  • Episoden: 10
  • Produktionsland und -jahr: Frankreich, 2017
  • Genre: Kriminalfilm, Dramedy, Serie
  • Erschienen: 09.11.2018
  • Label: edel:motion
  • Spielzeit:
    ca. 520 Minuten auf 3 DVDs
  • Regie: 
    Nicolas Picard Dreyfus
    Adelline Darraux
    Pascale Lahmani u. a
  • Idee, Konzept, Drehbuch:
    Solen Roy-Pagenault
    Robin Barataud
  • Brigitte Peskine
  • Darsteller:
    Cécile Bois
    Raphaël Lenglet
    Gaya Verneuil     
    Ali Marhyar
    Yeelem Jappain
    Delphine Rich
    Nathalie Boutefeu
    Stéphane Blancafort
    Clara Antoons
    Etienne Martinelli
    Lilly-Fleur Pointeaux
  • Extras:
    Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    PAL 16:9
    Sprachen/Ton
    :
    D, F (DD 2.0 Stereo)
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite Staffel 5
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 8/15 rosa Plüschpistolen


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Candice Renoir (Staffel 5, 3 DVD)

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