RBG – Ein Leben für Gerechtigkeit (Dokumentation, DVD)

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Mal als „Notorious RBG“ bekannt zu sein, hätte Ruth Bader Ginsburg lange Zeit wohl mit Gleichgültigkeit quittiert. Heute aber ist die Richterin am US Supreme Court mit Mitte 80 ein Popstar, der immer noch schüchtern wirkt, aber eine gewisse Lockerheit gewonnen hat. So ausufernd sie jedoch dafür gefeiert wird, so ernüchternd fällt das Fazit aus, das der oscarnominierte Dokumentarfilm „RBG – Ein Leben für Gerechtigkeit“ zur aktuellen Verfassung der USA zieht. Das geschieht auch ungewollt, denn der teilweise kuriose Dokumentarfilm ist keineswegs an einer ausgewogenen Spurensuche interessiert, sondern erhebt Ginsburg zur einer Symbolfigur, die durch sich verändernde Umstände von außen zur Änderung ihrer Positionen gezwungen wurde und heute von Bewegungen wie #metoo instrumentalisiert wird. Dabei wäre es viel wichtiger, sich noch genauer auf die von Ginsburg juristisch unterstützten Errungenschaften zu konzentrieren, die dieses konservative Land seinerzeit weiterentwickelt haben und die gerade in höchster Gefahr begriffen sind.

Heute ist Ruth Bader Ginsburg als starke Frau ein Vorbild für das junge, liberale Amerika, vornehmlich durch ihren jahrzehntelangen Einsatz in Sachen Gleichberechtigung sowie ihr außergewöhnliches Verhalten in der aktuellen politischen Lage in den USA. Als Notorious RBG in Anlehnung an der Rapper Notorious B.I.G. hat sie es neuerdings gar auf verschiedene Merchandise-Artikel und als Tattoo auf verschiedene Körperteile geschafft. Problematisch ist dieser Star-Status, weil die Richterin erst seit einigen Jahren und eigentlich erst seit der Präsidentschaft von Donald Trump und der #metoo-Bewegung gefeiert wird. Und auch „RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit“ ist eine Verneigung, die mit Vorsicht zu genießen ist.

Zwar zeigen sich die Regisseurinnen Julie Cohen und Betsy West bemüht, das höchst interessante Leben von Ruth Bader Ginsburg in seiner Gesamtheit zu fassen, doch die aus der aktuellen Dringlichkeit einer liberalen Färbung entstandene Dokumentation zeigt ungewollt das Problem im Umgang mit politischen Stoffen in den Staaten. Anschaulich gelingt die Einordnung der richtungsweisenden Fälle, die Ginsburg in den 1970er-Jahren noch als Anwältin betreute: Keine hat es so beeindruckend verstanden, ihre Fälle strategisch einwandfrei im Namen der Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit aufzuziehen wie RBG. Gleichberechtigung ist in den meisten Fällen durch die Stärkung der Positionen von Frauen zu erreichen, beispielsweise bei Einkommensunterschieden oder beim Eintritt in Militärschulen, aber auch aus Sicht der Männer muss etwas gegen die Geschlechterdiskriminierung getan werden, wie der Fall eines alleinerziehenden Vaters zeigt, den Ginsburg bereits vor Jahrzehnten übernahm.

Gerichtsbarkeit, das weiß „RBG“ zu unterstreichen, ist weit mehr als nerdige Paragraphenreiterei, sie ist eine Gesellschaftsaufgabe, die den Rahmen dafür setzt, wie in einem Land Leben gestaltet werden kann. Gesetze und ihre Auslegung durch Urteile bestimmen das Mögliche und das Versagte und geben im jeweiligen Zuständigkeitsbereich einem soziogeographischen Gebilde wie Staaten ein Gesicht. Hier beginnt allerdings schon der Unterschied, der die Vereinigten Staaten von Amerika zu einem fragilen Konstrukt werden lässt: Beim Obersten Gericht des Landes wird die ideologische Gesinnung nicht zugunsten der Unparteilichkeit in den Hintergrund verbannt. Das führt dazu, dass – wie bei der Nominierung des neuesten Mitglieds Brett Kavanaugh Ende 2018 zu sehen – auch die Gerichtsbarkeit in den Staaten in ihrer Besetzung Teil politischer Überlegungen um Mehrheiten ist.

In den vergangenen Jahren rückte der Supreme Court immer weiter nach rechts, was Ginsburg dazu zwang, ihre Rolle als unabhängige Vermittlerin der „Mitte“ zunehmend liberaler interpretieren zu müssen. Mittlerweile ist die Richterin dafür bekannt, häufiger Sondermitteilungen herauszugeben, um ihre Entscheidungen gegen konservative Mehrheiten öffentlichkeitswirksam zu erklären. Die aufgeweichte Gewaltenteilung wie die Polarisierung der Gesellschaft haben Ginsburg verändert, doch statt sie für ihre öffentliche Opposition gegen Trump zu feiern, für die sie sich im Nachhinein entschuldigte, sollte das alles als Warnung verstanden werden, dass die älteste Demokratie der Welt in akuter Gefahr begriffen ist – weil im Politischen das logische Denken derzeit gegen das Fühlen eingetauscht wird.

Auch „RBG“ feiert die Richterin größtenteils aus den falschen Gründen und vereinnahmt sie für ihre eigenen Zwecke. Dass dieser Film über eine starke Frau größtenteils von Frauen realisiert wurde, ist zwar eine – man muss es angesichts der fehlenden Repräsentanz an weiblichen Kräften im Filmbetrieb leider immer noch unterstreichen – beachtliche Leistung, doch das allein ist kein Kriterium in der Kategorie „guter Film“. Die Oscar-Nominierung ist in diesem Sinne symptomatisch, ging es doch bei der diesjährigen Verleihung mehr um Quoten als politisches Statement statt um eine wahre Förderung der Repräsentanz der gesamten amerikanischen Bevölkerung. Ruth Bader Ginsburg ist eine höchst spannende Figur, die (unter anderem auch aufgrund ihres Migrationshintergrunds, ihres jüdischen Glaubens und ihrer Erziehung) zurecht als Symbolfigur der USA dargestellt werden darf, nur sollte nicht allein ihr Wert für #metoo und die Liberalen im Kampf gegen das System Trump im Vordergrund stehen.

Ginsburg stellte nie ihre Weiblichkeit aus, sondern lebte Gleichberechtigung vor. In Martin „Marty“ D. Ginsburg fand Ruth einen Mann, der sich in ihre Persönlichkeit verliebte und mit dem sie eine jahrzehntelange Ehe führte, die sich nach den Lebenschancen der PartnerInnen entwickelte und nicht nach den tradierten Geschlechterrollen. Das verdeutlicht „RBG“ auch prominent, verwickelt sich dann aber zu sehr im Interesse am Privatleben der Ruth Bader Ginsburg, das mit sehr viel Sympathie gezeigt wird. Wären Cohen und West hier einem dokumentarisch-nüchternen Stil verpflichtet geblieben, hätte es den Zuschauenden manch eine kuriose, von postmoderner Ironie geschwängerte Szene erspart, beispielsweise das Workout, das für eine Mitte-80-jährige beachtlich ist und sicherlich eine Art Tabubruch auf der Leinwand darstellt. Der Film hätte sich und die Bereitschaft seiner Hauptdarstellerin zur Öffnung bis ins Private aber ruhig etwas ernster nehmen dürfen, denn so dient „RBG“ als Futter für die Konservativen, die nicht zu Unrecht von liberaler Propaganda sprechen werden, so wie auch schon im Fall von „13th“, der 2016 als ein einseitig liberales Plädoyer die Gleichberechtigung von Schwarzen in Amerika zu verstehen war.

Viel wichtiger wäre zurzeit jede Anstrengung, die den Austausch zwischen den auf ihre Feindschaft reduzierten Lager fördern und auch hier lebte Ginsburg bereits die Antwort vor: Jahrelang war sie mit Richter Antonin Scalia befreundet, dem erzkonservativen Richter am Supreme Court. Unterschiedliche Standpunkte lassen sich aushalten und vielleicht sogar in fruchtbare Bahnen leiten, solange man sich mit Respekt begegnet und Gemeinsamkeiten findet. Leider aber haben wir seitdem in Sachen Demokratie ein paar Schritte zurückgemacht und lassen uns allzu leicht emotionalisieren. Auch „RBG“ ist ein Opfer dieser Stimmung und lässt sich dazu hinreißen, wichtige Ideen liberal einzufärben und für die eigene Agenda zu nutzen. Dabei wäre Ruth Bader Ginsburg eigentlich das perfekte Beispiel für die möglichst unabhängige Auslegung der Verfassung, wird stattdessen aber zum Opfer der gesellschaftlichen Umstände. Doch ungewollt wird „RBG“ auch zu einer Zeitartefakt, das die aktuellen Missstände aufdeckt und verewigt: Die Schwachstellen der demokratischen Verfassung der USA in Sachen Gewaltenteilung und die Emotionalisierung von Politik.

Fazit: „RBG“ beschäftigt sich mit der amerikanischen Symbolfigur Ruth Bader Ginsburg, die als Richterin am Supreme Court zum Gesicht der Gerechtigkeit geworden ist, die in der Verfassung der Staaten glücklicherweise noch immer verankert ist. Leider ist aber auch dieser Dokumentarfilm ein Fan-Brief an einer Frau, die mittlerweile vor den Karren von #metoo und den liberalen Kräften (durch die Oscars auch in Hollywood) gespannt wird und vor allem deswegen in den letzten Jahren berühmt geworden ist. Dabei zeigt der Film sehr wohl, warum RBG in Sachen Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Demokratie zu danken ist, bloß schlagen sich die Regisseurinnen zu offensichtlich auf Ginsburgs Seite, zeigen allzu private und kuriose Szenen und arbeiten an einer anderen Version einer Symbolfigur: Einer Kämpferin gegen Trump. Doch Ruth Bader Ginsburg ist tragischerweise ein Opfer der gesellschaftlichen Umstände, der es nicht mehr vergönnt ist, dass mit ihr ernsthafte umgegangen wird, damit sie ihre vermittelnde Rolle in der Mitte der Gesellschaft und im Namen der Gerechtigkeit wieder ausfüllen kann. Der Film verpasst die Message, die da lauten müsste: Lasst uns Ginsburg wieder Ginsburg sein, dann leben wir in einem lebenswerten, weil gerechten Amerika.

Cover und Szenebilder © Koch Media

  • Titel: RBG – Ein Leben für Gerechtigkeit
  • Originaltitel: RBG
  • Produktionsland und -jahr: (z.B.: USA, 2012)
  • Genre:
    Dokumentation
    Biographie
    Politik
  • Erschienen: 25.04.2019
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    ca. 97 Minuten auf 1 DVD
  • Regie: 
    Betsy West
    Julie Cohen
  • Kamera: Claudia Raschke
  • Schnitt: Carla Gutierrez
  • Musik: Mariam Cuttler
  • Extras:
    Kinotrailer, Interviews
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1.85:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:
    D
  • FSK: 0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 7/15 dpt


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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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