Soul - Logo © Disney/Pixar

Soul

Disney veröffentlichte auf der hauseigenen Streamingplattform am ersten Weihnachtsfeiertag den neuesten Animationsfilm von Pixar, namens “Soul”. Gerade in diesen turbulenten Zeiten ist das eine gute Gelegenheit, das Jahr etwas philosophisch ausklingen zu lassen.

Im 23. Film beweist das Animationsstudio wieder einmal zu Recht, dass es zu einem der besten weltweit gehört. Dafür sorgt allen voran Oscar-Preisträger Peter Docter (“Die Monster AG”, “Oben”, “Alles steht Kopf”) mit seinem gesamten Team. Während 2015 im letztgenannten Film vor allem die Emotionen im Vordergrund standen, ist “Soul” um ein Vielfaches philosophischer und richtet sich wohl mitunter an ein erwachseneres Publikum. Vielleicht kommt da die aktuelle Pandemie dem Filmstudio gerade Recht.

Musik als Leidenschaft

Soul - Joe Gardener am Piano © Disney/Pixar
Soul – Joe Gardener am Piano © Disney/Pixar

Im Mittelpunkt des Films steht Joe Gardener (im Original von Jamie Foxx gesprochen), welcher als Musikschullehrer im Stadtteil Queens von New York City arbeitet. Seine Schüler sind mehr schlecht als recht bei der Sache dabei und auch die Aussicht auf eine Festanstellung bereitet den Enddreißiger (Anmerkung: laut Einschätzung des Redakteurs) kaum Freude. Anders verhält es sich mit Joes Liebe zur Musik. Jazz bedeutet für ihn das Leben und noch immer träumt er von einer Karriere als Jazz-Pianist. Diese Gelegenheit tut sich auf, als ein ehemaliger Schüler anruft und dem Lehrer einen Vorspieltermin anbietet, da ein Musiker in der Band der berühmten Dorothea Williams ausgefallen ist.

Meine Gedanken kreisen nur um Musik. Von dem Moment, wenn ich morgens aufwache bis zu dem Moment, wenn ich wieder schlafen gehe. – Joe Gardener

Der Castingtermin klappt, Joe ist außer sich vor Freude und… stirbt. Zumindest beinahe. In der Euphorie übersieht er einen Kanaldeckel und schwupps – befindet sich seine Seele auf der langen Rolltreppe ins Jenseits. Erwartungsgemäß hält Joe herzlich wenig davon und versucht dem drohenden Schicksal zu entfliehen. Das gelingt ihm auch scheinbar – und landet plötzlich im Davorseits. Dort werden angehende Seelen auf ihre Bestimmung vorbereitet, respektive erfolgt hier die Prägung der Charaktereigenschaften eines Menschen.

Soul - Jerry und Terry verwalten die Seelen © Disney/Pixar
Soul – Jerry und Terry verwalten die Seelen © Disney/Pixar

Überwacht wird alles von surrealistischen Strichfiguren namens Jerry, die allesamt so heißen. Bis auf Terry, denn diese grummelige Figur kümmert sich rein um die korrekten Zahlen. Also wie viele Seelen vom Davorseits auf die Erde wandern und von dort wieder ins Jenseits. Stilistisch erinnert diese Figur an das La Linéa Strichmännchen des italienischen Künstlers Osvaldo Cavandoli.

Jerry hält Joe nun für einen Mentor. Diese sorgen dafür, dass die neuen Seelen eine Bestimmung oder ein bestimmtes Interesse im Körper eines Menschen oder Tieres finden. Joe wird Seele Nummer 22 zugeteilt. Diese hat jedoch überhaupt keine Lust auf die Erde. Zahlreiche berühmte Mentoren haben sich davor schon die Zähne ausgebissen wie Abraham Lincoln oder Mutter Theresa.

Es ist mittlerweile gut eine halbe Stunde vergangen und der übliche Humor in Disney/Pixarfilmen lässt noch auf sich warten. Mit den kubistischen Seelenhütern beweist die kalifornische Erfolgsschmiede Mut und verwendet bis dato, trotz der Ereignisse, ein langsames Erzähltempo.

Soul - 22 und Joe mit Pizza © Disney/Pixar
Soul – 22 und Joe mit Pizza © Disney/Pixar

Das ändert sich jedoch schlagartig, als Joe beschließt ohne Umwege zurück zur Erde zu kehren. Mit 22 im Schlepptau, wachen beide letztlich wieder auf. Allerdings in einer unerwarteten Konstellation, nachdem Joe den Körper seiner Therapiekatze Mrs. Mittens bewohnt und 22 in Joe “schlüpft”. Ab hier beginnt ein Slapstick-Feuerwerk, wie wir es von anderen Filmen bereits kennen. Allerdings gibt es auch hier Ausflüge in Astralebenen und reichlich Philosophisches. So bekommen wir leere, ausgebrannte Seelen zu Gesicht, die beispielsweise ihre Lebenslust verlieren, indem sie Dinge einfach zu intensiv oder euphorisch erleben. Ein nicht übersehbarer Wink mit dem Zaunpfahl!

Es beginnt fortan ein Wettlauf mit der Zeit. Damit Joes Seele wieder in den richtigen Körper kommen kann, muss 22 ihre Bestimmung auf der Erde finden. Ein mitunter schwieriges, aber definitiv ein komisches Vorhaben.

Keine Sorge, denen geht’s gut. Man kann hier keine Seele zerstören, dafür ist ja die Erde zuständig. – 22

“Soul” lebt von seinen Bildern: einerseits den detailreichen Szenen in der Stadt, die niemals schläft, andererseits von den surrealistischen Erlebnissen im Davorseits. An dieser Stelle sei nur das Hippie-Piratenschiff erwähnt. Natürlich kommt die Musik nicht zu kurz. Auch wenn Nine Inch Nails Frontmann Trent Raznor, bisher nicht als Jazz-Musiker groß in Erscheinung trat, gelingt es gemeinsam mit Atticus Ross, eine stimmungsvolle und zugleich unaufdringliche Musikuntermalung zu gestalten.

Es wird philosophisch

Während Pixar mit seinen Filmen immer mehr sein will (und auch ist) als reine Unterhaltung, fehlte mir in den ersten Minuten die gewisse Leichtigkeit, welche ich mit Pixar und Disney assoziiere. Mit fortlaufender Handlung wird es unbeschwerter und philosophischer zugleich. In einer Zeit wo sich die Erde eine Verschnaufpause gönnt (beziehungsweise gönnen muss), eignet sich “Soul” zur Selbstreflexion: Was ist meine Bestimmung? Bei welchem Thema bin ich leidenschaftlich? Was wäre die eigene unerledigte Sache vor dem Übertritt ins Jenseits?

Ist dieses Leben es wirklich wert, dass man dafür stirbt? – 22

“Soul” stellt viele Fragen und gibt gleichzeitig Antworten darauf – und auch wieder nicht. Pixar liefert nicht nur technisch wieder einmal ein Meisterwerk ab, sondern auch ein philosophisches.

 

  • Titel: Soul
  • Originaltitel: Soul
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2020
  • Genre:
    Familie, Komödie, Animation, Musik, Fantasy
  • Erschienen: 25.12.2020
  • Label: Disney / Pixar
  • Spielzeit:
    100 Minuten im Stream
  • Sprecher im Original:
    Jamie Foxx
    Tina Fey
    Angela Bassett
  • Regie: Pete Docter
    Kemp Powers
  • Drehbuch: Pete Docter
    Mike Jones

    Kemp Powers
  • Kamera: Matt Aspburry
    Ian Megibben
  • Schnitt: Kevin Nolting
  • Musik: Trent Raznor
    Atticus Ross
  • Extras: Making of Videos
  • Technische Details (DVD)
  • FSK: 0
  • Sonstige Informationen:
    Bei Disney+ ansehen

Wertung: 14/15 Seelen


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