Packender Thriller aus Schottland

Wer einmal verschwindet
© btb

Vor dem Portobello Beach bewegen sich auffallend viele Grindwale in bedenklicher Nähe zum Strand, welcher den sicheren Tod für sie bedeutet. Die Küstenwache ist alarmiert, zahlreiche Gaffer sind vor Ort und unter diesen befindet sich Mark Douglas, freiberuflicher Fotograf des Edinburgh Evening Standard. Das perfekte Foto ist ihm noch nicht geglückt als er einen Anruf von der Schule seines Sohnes Nathan erhält. Lauren hätte ihren Sohn abholen sollen, hat aber den Termin offenbar verschwitzt. Mark versucht seine Frau mobil zu erreichen, jedoch erfolglos und so macht er sich notgedrungen selbst auf den Weg. Zuhause angekommen, versucht er weiter Lauren zu erreichen, doch sie meldet sich nicht. Abends macht sich Mark große Sorgen, denn seine Frau verschwand schon einmal spurlos von der Bildfläche; damals nach Nathans Geburt für zehn Tage. Mit der Situation wurde sie nicht fertig, stattdessen depressiv, erst mühsam fand die Familie wieder zusammen. Ursache für Laurens Verschwinden war vermutlich ihre eigene Vergangenheit, da sie als kleines Mädchen vom Vater missbraucht wurde. Dieser ertrank vor Jahren unter ungeklärten Umständen, erst danach vertraute sich Lauren ihrer Mutter Ruth an. Diese wies den Vorwurf entschieden zurück, es kam zum handfesten Streit, seitdem hat Mark sogar ein gerichtlich verhängtes Kontaktverbot zu ihr.

Sollte sich die Geschichte wiederholen? Mark ist mit der Situation zunehmend überfordert, doch dank seines energischen Handelns nimmt die Polizei schon am nächsten Tag den Fall als Vermisstenmeldung offiziell auf. Mark erkennt aber keine ernsthaften Bemühungen und will sich der Suche selber annehmen. Er hat auch einen konkreten Verdacht: Gavin Taylor, Chef der Immobilienfirma Caledonia Dreaming und Laurens Chef. Bevor Taylor heiratete stellte er Lauren nach. Vielleicht sogar bis heute? In der nächsten Nacht überrascht Mark einen Einbrecher in seiner Wohnung, doch dieser kann mit Laurens Laptop unerkannt fliehen. Am nächsten Tag dann der Schock: Eine Leiche wurde am Portobello Beach angeschwemmt: Lauren.

Paranoia und Selbstjustiz – gekonnt in Szene gesetzt

Der in Deutschland noch relativ unbekannte Doug Johnstone gilt nicht wenigen Kritikern als einer der besten schottischen Krimiautoren der Gegenwart und wer jetzt abwinkt, weil einem nur der Name Ian Rankin einfällt, sollte einmal genauer hinschauen. Die schottische Krimiszene pulsiert und kann auf zahlreiche Hochkaräter verweisen. Val McDermid, Denise Mina, Allan Guthrie und Peter May, um nur vier Autorinnen und Autoren namentlich zu erwähnen. Rund ein Dutzend Stand-Alones hat Johnstone bereits veröffentlicht, dabei wollte er zunächst eine ganz andere Laufbahn einschlagen. Johnstone ist – unter anderem – promovierter Atomphysiker.

„Wusstest Du, dass in Großbritannien jedes Jahr dreihunderttausend Menschen verschwinden?“ „Wie bitte?“ „Das haben sie mir gesagt, als William verschwunden ist.“ „Wer hat das gesagt?“ „Die Leute von den Missing People. Hast du da schon angerufen? Etwa die Hälfte der Vermissten taucht wohlbehalten wieder auf.“ „Was bedeutet, dass die andere Hälfte nicht wiederauftaucht.“ „Ja.“

In „Wer einmal verschwindet“ zeigen sich im ersten Drittel die Folgen von Laurens Verschwinden auf. Wie geht Mark damit um? Schlecht, denn aufgrund der vergangenen Erfahrungen und seinem aufbrausenden Temperament will er oft mit dem Kopf durch die Wand. Verständlich zwar in seiner Situation, wenngleich ihn das für die Leser nicht zwingend sympathisch macht. Nach einem kurzen Intro nimmt die Handlung schnell ordentlich Fahrt auf und entwickelt sich zunehmend rasanter. Aufgrund der sehr überschaubaren Anzahl mitwirkender Personen, tritt die Frage nach dem Mörder und dessen Motiv ein wenig in den Hintergrund. Dafür gleicht Marks psychische Abwärtsspirale und die damit einhergehende Gewalteruption einer waghalsigen Achterbahnfahrt. Johnstone setzt neben der treibenden Handlung auf eine einfache, raue Sprache, die Marks Rachegang entspricht. Die Polizei bleibt meist im Hintergrund und wenn sie in Erscheinung tritt, hat sie ein distanziertes Verhältnis zu Mark, da dieser einst seine Schwiegermutter schlug. Bei einer Rangelei seines Sohnes in der Schule rutscht ihm erneut die Hand aus, was die Situation nicht vereinfacht. Wie bei schottischen Krimis aber ohnehin nicht selten, ist auf die Polizei nicht immer Verlass. Dass Johnstone in Folge dessen zur Selbstjustiz neigt und den Mörder seiner Frau auftreiben möchte, mag moralisch nicht gefallen. Spannend umgesetzt ist dieser teils harte und lupenreine Pageturner auf jeden Fall.

  • Autor: Doug Johnstone
  • Titel: Wer einmal verschwindet
  • Originaltitel: Gone Again. Aus dem Englischen von Liselotte Prugger
  • Verlag: btb
  • Umfang: 285 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Januar 2015
  • ISBN: 978-3-442-74837-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung:  11/15 dpt   


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