Berit Glanz – Automaton

Mit stiller Kraft erzählt

Coverbild: Automaton (c) Berlin Verlag

Berit Glanz wirft in ihrem Roman „Automaton“ einen Blick auf eine unsichtbare Welt: Es geht um die Arbeitswelt hinter den Kulissen des Internets.
Ihre Protagonistin Tiff ist Online-Arbeiterin. Sie erfüllt Jobs, die man eigentlich einer KI zuordnen würde. Sie sichtet und beschreibt Bilder oder beobachtet stundenlang leer stehende Gebäude oder Flure, in denen nichts, aber auch rein gar nichts passiert. Die Arbeit ist stumpfsinnig bis zur Körperverletzung und extrem schlecht bezahlt. Doch für ihre Auftraggeber ist es preiswerter Lohnsklaven wie Tiff zu engagieren als eine echte KI zu entwickeln.

Die alleinerziehende Tiff befindet sich in einem Teufelskreis. Denn einerseits garantiert die Online-Arbeit der jungen Mutter zeitliche Unabhängigkeit und einen Heimarbeitsplatz. Anderseits verstärkt der Job Tiffs soziale Isolation und hält sie dicht an der Armutsgrenze. Ein Ausweg ist für Tiff, die wegen ihrer Angststörungen schon lange keinen „normalen“ Alltag führen kann, nicht in Sicht.

Berit Glanz lässt sich viel Zeit, das Leben ihrer Protagonistin zu schildern. Sie geht dabei so behutsam und unspektakulär vor, dass man als Leser*in das Gefühl gewinnt, sich direkt an Tiffs Seite zu befinden. Geschickt zieht Glanz ihre Leserschaft in Tiffs Einsamkeit hinein.

Doch ganz langsam – ohne dass man es anfangs mit der Haupthandlung um Tiff in Verbindung bringen kann – dringt eine zweite Handlungsebene in Glanz‘ Erzählen und damit auch in Tiffs Erlebniswelt ein. Das Internet, das zunächst noch wie ein Gefängnis erscheint, in dem sich die Einsamkeit der Nutzer ins Unendliche vervielfacht, öffnet sich und wird zur Chance.

Glanz zeichnet eine Protagonistin, die durch ihre Einsamkeit berührt, sich aber auch durch ihre Beharrlichkeit Respekt verdient. Denn Tiff hält unbeirrbar an ihren Werten fest. Sie will nicht wegzuschauen, wenn jemand leidet. Sie, die sich selbst kaum helfen kann, will anderen helfen.

Glanz gelingt in ihrem Roman ist ein genialer Doppelstreich. Sie verbindet ihre aktuelle Sozialstudie mit einem ebenso zarten wie starken Aufruf zur Menschlichkeit.

Das Menschliche, das in der modernen auf reinen Kapitalismus und Konsum ausgerichteten Welt, vom Aussterben bedroht scheint, findet in dieser mit ruhiger Kraft erzählten Geschichte einen Weg, um sich durchzusetzen.

Der Berlin Verlag hat für das Cover-Design von Glanz‘ Roman ein Bild mit hunderten Schmetterlingen gewählt. Eine Anspielung auf eine Szene im Buch, in der Tiff mit einem Freund über das erstaunliche Verhalten von Distelfaltern spricht.

„Jetzt sind die Distelfalter wieder auf ihrem Weg zurück in den Süden. Sie können bis hoch über die Wolken aufsteigen, um sich von den Luftströmungen über unglaubliche Distanzen mitziehen zu lassen.
Weißt du, ob Schmetterlinge auch in Formation fliegen,  fragt Tiff. (…)
Meines Wissens tun Schmetterlinge so etwas nicht. Aber sie überqueren dennoch die Alpen. (…)
Tiff schaut ebenfalls in den Himmel und stellt sich Schmetterlingsschwärme vor, weit über den Wolken.“
Seite 247/248

Mit dieser märchenhaften Schmetterlings-Metapher begleitet Glanz den Ausgang ihrer Geschichte.

So klug wie sie bis dahin ihren gesamten Roman komponiert hat, so klug gestaltet sie auch dessen Ende. Glanz bleibt ihrer zurückhaltenden Linie treu und wahrt dadurch – trotz positiver Wendung – die Authentizität ihres Plots. Am Ende wartet kein überschwängliches Happy –End auf die Leser*innen. Das was Glanz ihnen bietet ist sogar noch viel besser: Es ist ein Funken Hoffnung.

  • Autor: Berit Glanz
  • Titel: Automaton
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Erschienen: Februar 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3827014382


Wertung: 13/15 dpt


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