Martin Walker – Tête-à-Tête (Buch)

Wo „Bruno, Chef de police“ draufsteht …

Tête-à-Tête
© Diogenes

Jean-Jaques Jalipeau, Chefinspektor bei der Police nationale in Périgueux hatte ausgerechnet bei seinem ersten Mordfall keinen Erfolg. Über dreißig Jahre ist es her, dass in einem Waldstück in der Nähe von Saint-Denis die Leiche eines jungen Mannes gefunden wurde, der Opfer eines Mordes war. Bei einem Besuch im Prähistorischen Museum ist Bruno begeistert über Rekonstruktionen, die Menschen lebendig erscheinen lassen. Er bittet die Design-Studentin Virginie auf Grundlage des Schädels des Opfers dessen Gesicht zu rekonstruieren. Währenddessen stirbt auf Mali ein Soldat der Spezialkräfte, dessen DNA dem als „Oscar“ benannten Opfer zugeordnet werden kann. Es handelt sich um Louis Castignac, den Sohn von Oscar, dessen Halbschwester Sabine sich daran erinnert, dass ihre Mutter kurz vor ihrer Hochzeit im Jahr 1989 mit ihrer besten Freundin Dominique einige Tage bei einem großen Fest in Saint-Denis verbrachte, wo die beiden Frauen zwei attraktive Männer namens Max und Henri kennenlernten. Gemeinsam gelingt es, zahlreiche Fotos von der damaligen Veranstaltung zu sichten, so dass bald feststeht, dass es sich bei dem Opfer um Max handeln muss. Eine erste Spur führt zu einem Winzer, doch dieser bestreitet der gesuchte Freund von Max zu sein.

Derweil sind Jacqueline und Jack Crimson von einem Historikertreffen aus Washington zurückgekehrt und darüber verärgert, dass die Amerikaner den Franzosen nach wie vor die sogenannte Rosenholz-Akte vorenthalten. Diese besteht aus rund 280.000 Einzelakten und enthält alle früheren ausländischen Stasi-Spitzel sowie deren Klarnamen. Diese könnten noch heute in einflussreichen Positionen arbeiten oder auf deren Besetzung Einfluss nehmen und womöglich nach Russland berichten.

Essen und trinken wie Gott in Frankreich

„Tête-à-Tête“ ist der bereits vierzehnte Roman der „Bruno, Chef de police“-Serie, so dass man wissen kann, was einen erwartet. Sollte jemand die Serie nicht kennen: Bruno ist leidenschaftlicher Koch und Tänzer, hat mit zwei Frauen überschaubare On-Off-Beziehungen und ist der verantwortliche Stadtpolizist von Saint-Denis und dort „Mädchen für alles“. Das typische savoir vivre ist der Kernpunkt von Martin Walkers Romanen, der übrigens 1947 in Schottland geboren wurde, und trägt nicht unwesentlich zur Füllung der Buchseiten bei. Überhaupt geraten die jeweiligen Kriminalfälle gerne über längere Strecken in den Hintergrund, denn Bruno trifft sich zu gerne mit seinen Freunden, von denen ein rundes Dutzend zum Kernteam der Nebenfiguren zählt. Diese wollen alle bei zahlreichen Gelegenheiten vorgestellt, begrüßt und vor allem verköstigt werden. Da nimmt der Einkauf der Lebensmittel, sofern diese nicht in Brunos Garten wachsen, nebst begleitendem Weineinkauf schon mal Zeit, sprich Buchseiten, in Anspruch. Und dann will ja auch noch lecker gekocht werden. In der Danksagung weist Walker darauf hin, dass alle im Roman vorkommenden Rezepte aus seinen Büchern „Brunos Kochbuch“ und „Brunos Gartenkochbuch“ stammen. Womöglich kann man sich die Kochbücher sparen, wenn man alle Bruno-Romane gelesen hat.

Viel Vergnügen beim Ausritt, und seht zu, dass ihr für den Lammbraten früh genug zurück seid. Miranda hat ihn auf Jacquelines ausdrücklichen Wunsch zubereitet. Von mir stammt die Pfefferminzsoße, eine englische Delikatesse.“
„Manche französischen Gourmets würden das als Widerspruch in sich bezeichnen.

Damit aber nicht nur gekocht, gegessen und getrunken wird, kommt auch die Vorstellung des Périgord nicht zu kurz. So werden im vorliegenden Roman gleich drei Frauen erstmals nach Saint-Denis reisen (Sabine, Virginie und Rosalie, die Verlobte von Brunos Cousin Alain) und allen will natürlich die Schönheit der Region vor Augen geführt werden. Tägliche Routinen wie ein morgendlicher Lauf mit Basset Balzac, der gefühlt alle fünf Seiten von irgendwem gestreichelt wird, sowie Ausritte mit Pferd Hector stehen regelmäßig an. Zudem stirbt Brunos Tante, was ebenfalls in Hinblick auf den Krimiplot völlig belanglos ist, aber immerhin erklärt, wie es der Autor auf rund 400 Seiten bringt. Gefühlt könnte man davon zwei Drittel weglassen, da sie für den Kriminalfall unerheblich sind. Dann allerdings wäre es kein „Bruno“-Roman mehr, denn seine zahlreichen Leserinnen und Leser lieben seinen ausschweifenden Erzählstil, die ausnahmslos sympathischen Figuren in Brunos Umfeld und dessen kulinarische Einfälle. Auf dem Buchrücken wird die New York Times passend zitiert: „Außerdem ist es unmöglich, einen Bruno-Roman zu lesen, ohne hungrig und durstig zu werden.“ Rezepte und Weinempfehlungen sind ja im Roman inkludiert.

Der Krimiplot selbst ist dennoch vorhanden und verweist auf die oben geschilderten Themen, insbesondere den Umgang mit alten Stasiunterlagen sowie die Gesichtsrekonstruktion. Kurz vor der Aufklärung des Falles, dessen Lösung leider früh offensichtlich ist und sich eher die Frage stellt, wie man denn den Beweis nach drei Jahrzehnten noch vorlegen will, droht eine weitere Katastrophe in Form einer Hitzewelle. Und so darf man dann vor dem Finale noch über zig Seiten verfolgen, wie Bruno auch bei der Bekämpfung drohender Waldbrände mit einer genialen Idee zum Helden wird. Für Bruno-Fans einmal mehr ein vielseitiges Lesevergnügen! 

  • Autor: Martin Walker
  • Titel: Tête-à-Tête
  • Originaltitel: The Coldest Case. Aus dem Englischen von Michael Windgassen
  • Verlag: Diogenes
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: April 2022
  • ISBN: 978-3-257-07199-3
  • Produktseite


Wertung: 11/15 dpt

 


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