Alternativ #4 – Gefährliche Märchen

Kolumne Alternativ

Vor nicht allzu langer Zeit durfte ich “Märchenland für alle” (Link hier) lesen – ein queeres, ungarisches Märchenbuch, das Identität, Geschlecht und Familie thematisiert. Dieses Märchenbuch ist deswegen so besonders, da es nicht die gewohnte toxische Moralvorstellungen predigt (harte Arbeit zahlt sich aus, zum Schluss hat man immer Glück und (romantische) Beziehungen funktionieren ohne Arbeit, weil die weibliche Protagonistin schön ist) und die gefährlichen und menschenverachtenden Konsequenzen von Heteronormativität aufzeigt.

Von diesem Buch hätte ich (oder sonst irgendwer außerhalb der queeren, ungarischen Community) nie erfahren, wenn nicht eine Politikerin Victor Orbans rechtspopulistischer Partei “Märchenland für alle”  in der Öffentlichkeit zerrissen hätte und das Buch als Grund genannt worden wäre, eine Reihe von Gesetzen zu erlassen, die die Thematisierung von Diversität in der Öffentlichkeit (insbesondere in Schulen) einschränken sollen.

Mir stellt sich aber die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass so viel Energie auf ein Märchenbuch verschwendet wurde – waren die Geschichten so gefährlich, dass sie sogar in Ungarn verboten werden müssen? 

Märchen gehören zu unserer Kindheit dazu: Entweder wurden sie uns vor dem Schlafengehen vorgelesen, im Fernseher in verfilmter Fassung angesehen oder sie selbst erzählt. Sie waren für uns Warnung, Hoffnung oder schöner Zeitvertreib – so haben uns Hänsel und Gretel davor gewarnt, unsere Eltern zu sehr zu nerven, Dornröschen uns Hoffnung gemacht, dass uns irgendwann ein Typ schon retten wird und Rapunzel hat uns darüber scherzen lassen, wie es wohl wäre mit so viel Haar aufs Klo gehen zu müssen.

Gerade das ist auch die Funktion unserer heutigen Kunstmärchen (Märchen, die eine:n klar bestimmbare:n Autor:in besitzen): Sie sollen Selbstreflexion anregen, Werte vermitteln und dabei helfen, die eigenen Gefühle zu verarbeiten, indem durch die meist oberflächlichen Figuren unterschiedliche Facetten aufgezeigt werden. Märchen sollen dabei helfen, über sich und andere nachzudenken, ohne dabei eine Interpretation aufzuzwingen (im Idealfall, aber von Erzählperson zu Erzählperson unterschiedlich).

Das bedeutet aber nicht, dass Märchen keine Ziele verfolgen – gerade seit dem Anfang von Märchensammlungen war es die Absicht die Märchen so niederzuschreiben, dass sie den zu vermittelnden Normen und Werten entsprechen. So wurden alte Legenden gezähmt, noch blutigeres in den Geschichten gestrichen und die Bedeutung von Gehorsam, heteronormativer Sexualität und Tüchtigkeit gefördert.

Es wurden die Märchen gesammelt, angepasst und verbreitet, die die Notwendigkeit von Arbeit betonten (Goldmarie und Pechmarie), Aufopferungsbereitschaft lobten (Der goldene Taler) und Frauen (oder besser: Mädchen) vorgaben, auf ihren rettenden Prinzen zu warten (zu viele, um sie hier aufzuzählen). 

Märchen zeichnen sich dadurch aus, an unbekannten Orten zu unbekannten Zeiten zu spielen, während es fantastische Elemente gibt – Unmögliches wird möglich und Hoffnung allein kann Berge versetzen – werden Tod und Krankheiten nur am Rande thematisiert. Nicht zu selten ist Glück der ausschlaggebende Faktor, der alles zum Guten biegt. Dabei sind sie so kurz, dass sie im Idealfall junge Zuhörer nicht überfordern und die verwendeten Symbole beibehalten werden können.

Realitätsnähe war aber nie ein Kriterium, da gerade dieses fantastische und überspitzte an Märchen so viele Interpretations- und Reflexionsprozesse anstößt.

Aber diese Reflexions- und Interpretationsprozesse finden mit den Begriffen und in dem Rahmen statt, der einem geboten wird.

Diese kognitiven Funktionen sind auch das, was Märchen so sehr von Romanen und anderen Medien unterscheiden: Märchen sind nämlich die ersten Geschichten, mit denen wir von klein auf in Berührung kommen. Durch Märchen werden wir von klein an mit Rollenbildern, moralischen Dilemmas und gesellschaftlichen Normen konfrontiert, in mitreißenden Szenarien, die die eigene kindliche Gefühlswelt widerspiegeln und einen Rahmen zum Verarbeiten geben.

Zu dem Thema gibt es eine Studie von Kristin Wardetzky namens “The Structure and Interpretation of Fairy Tales Composed by Children” aus dem Jahr 1990. In ihr ging es darum, welche Aspekte benennen und betonen, wenn Kinder selbst Märchen erzählen, wobei ersichtlich wurde, dass meistens eigene Unsicherheiten verarbeitet wurden und geschlechtliche Stereotype die Handlungen der Protagonisten prägten.

Deswegen sind queere Märchen auch so gefährlich: Sie geben einen neuen Rahmen, in dem gedacht werden kann und das reflektiert wird, was noch immer unseren Alltag wie selbstverständlich bestimmt.

Queere Märchen hinterfragen die Rolle von Frau und Mann und ob diese Aufteilung überhaupt Sinn ergibt.
Queere Märchen hinterfragen schwierige Themen, wie etwa Körperdysphorie und Vorurteile der Umwelt wegen der eigenen Identität.
Queere Märchen hinterfragen auch die gewohnten Familienideale – gerade, wenn die eigene Familie die Personen sind, die eine Gefahr sind und einfaches Vergeben keine Option ist.
Queere Märchen sind eine Gefahr, weil sie hinterfragen, was wir für normal halten – und das ist gefährlich für ein autokratisches Regime wie es Orban schafft. Es werden nämlich nicht nur die Familienwerte verletzt und popularisiert für die Orbans Partei steht, sondern auch eine Generation von Menschen aufgezogen, die über ihre Identität, Ideale und Werte nachdenkt und Vielfalt anstrebt.

Deswegen wurden diese Märchen in Ungarn verboten.

Weil Märchen so wichtig sind, bedeutet das, dass wir uns hinterfragen müssen, welche Geschichten wir uns und unseren Kleinen erzählen – und dass wir dabei über unseren (europäischen) Tellerrand blicken müssen.

Es gibt so viele Geschichten, die emanzipatorisch sind, Frauen in starke Positionen rücken und unterschiedliche Moralvorstellungen und kulturelle Praktiken präsentieren. Statt alte und zum Teil menschenunwürdige Inhalte weiterzuverbreiten, können wir uns dazu entscheiden, Vielfalt wertzuschätzen und die Angst vor dem fremden zu nehmen. Wir können Märchen aus der ganzen Welt vorlesen und die Stärke der Protagonist:innen betonen, statt sie in veraltete gesellschaftliche Normen zu zwängen. Wir können neue Märchen schreiben, in denen die Kinder lernen, dass man auf das innere Bauchgefühl hören sollte, statt (fremden) Erwachsenen zu glauben.

Wir könnten Werte vermitteln, die tatsächlich wertvoll, emanzipatorisch und selbstständig machen, statt Männer immer brutal und Frauen immer schutzbedürftig sein zu lassen.

Das alles setzt aber voraus, dass wir auch uns hinterfragen.

Quellen


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