Sandra Kegel (Hrsg.) – Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Stories (Buch)


„Prosaische Passionen“ ist ein Schwergewicht: Dieses knapp 1000 Seiten starke Buch umfasst 101 Kurzgeschichten von Autorinnen aus aller Welt, alle verfasst um 1900.

Übersetzt wurden Beiträge aus 25 Sprachen von 29 Übersetzerinnen und 5 Übersetzern. Die versammelten Texte sind sortiert nach Geburtsdatum der jeweiligen Autorin: beginnend 1848 mit der Russin Sofja Tolstaja und endend mit der chinesischen Autorin Eileen Chang, Geburtsjahr 1921. Das Buch wirbt mit dem Titel, „das erste weibliche Weltpanorama der literarischen Moderne“ zu sein – nur für Akademiker*innen geeignet oder interessant für alle?

© Manesse Verlag

Die Auswahl der Autorinnen ist vielfältig: Neben bekannten Namen wie Selma Lagerlöf, der 1909 als erste Frau der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, oder Djuna Barnes, die als amerikanische Vertreterin der Moderne nicht fehlen darf, lassen sich neue Schätze entdecken. Als Beispiel sei hier Tekahionwake genannt – eine Dichterin, die aus dem indigenen Volk der Irokesen Kanadas stammt, geboren im Reservat „Six Nations of the Grand River“ in Ontario, auch bekannt als Emily Pauline Johnson. Die abgedruckte Kurzgeschichte zeigt, dass hier eine lyrisch-begabte Seele spricht. „Eine Heidin in St. Paul’s Cathedral“ von 1913 beschreibt, wie eine naturverbundene Native American einen Gottesdienst in diesem riesigen Bauwerk erlebt.
Tekahionwake wurde zu Lebzeiten berühmt, weil sie viele Jahre mit ihren Gedichten auf Bühnen in Kanada und England auf auftrat, heute wäre sie damit “Spoken Word-Künstlerin” oder “Bühnenpoetin”.

Biografische Hintergrundinformationen zu jeder Autorin bietet der umfangreiche Anhang des Buches. Das ist hilfreich, um die Texte in ihrem Kontext sehen zu können und natürlich auch interessant, um unbekannte Autorinnen besser kennenzulernen.

Die Wiener Autorin Ilse Aichinger ist mit ihrer Geschichte „Das Fenster-Theater“ vertreten, die sie in der Nachkriegszeit 1949 verfasst hat. Eine literarische Hochzeit für deutschsprachige Kurzgeschichten, wovon deutsche Schüler*innen sicherlich ein Lied singen können. Doch es gab eben neben Wolfgang Borchert auch andere Stimmen, was einem spätestens nach dem Lesen dieser fabelhaften Geschichte klar wird. Ebenfalls vertreten ist die norwegische Autorin Sigrid Undset, bekannt für ihre Trilogie um Kristin Lavranstochter, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde oder Chawa Schapira, eine jüdische Autorin aus der Westukraine.

Es lohnt sich auf jeden Fall, in die Tiefen des Wälzers einzutauchen: „Prosaische Passionen“ mag vielleicht nicht der ansprechendste Titel sein, dass viele Leser*innen auf das Buch neugierig werden, ist aber wünschenswert. Schließlich gibt es viel zu entdecken: neue Perspektiven und Texte von Autorinnen mit unterschiedlichen politischen, sozialen und kulturellen Hintergründen. Es ist eine Sammlung geworden, die großen Wert auf Diversität legt.

Hervorzuheben ist auch das Nachwort der Herausgeberin Sandra Kegel, „Schreiben um nicht zu sterben“. Sandra Kegel leitet seit 2019 das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und diskutiert als Literaturkritikerin auf 3sat in der Literatursendung „Buchzeit“ mit. Das Nachwort, das sich viel besser als einführendes Vorwort gemacht hätte, startet mit einer Anekdote aus der Gruppe 47: viele Autoren und zwei (sich unwohl fühlende) Autorinnen in einem Stripclub – heute so nicht mehr denkbar. Sandra Kegel stellt einige Autorinnen vor, macht neugierig und zeigt einmal mehr, weshalb eine solche Publikation längst überfällig war, ohne dabei den pädagogischen Zeigefinger zu heben.

In der Moderne eroberten sie sich in allen Kulturen ihren Teil der literarischen Welt. Um und nach 1900 war der Heroismus mutiger Pionierinnen keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern wurde zum Kennzeichen einer neuen, selbstbewussten Generation von Schriftstellerinnen.Sandra Kegel (Hrsg.), Nachwort

Und auch der Verleger, Horst Lauinger, verliert noch ein paar Worte zum Buch, in denen er – je nach Resonanz – eine Fortsetzung des Buches andeutet. Ganz im Sinne einer Erweiterung des „weltliterarischen Kanons“, in dessen Weiten es sicherlich noch viele unerforschte Schätze zu bergen gilt, denn: „Ab 1900 ist Weltliteratur nicht mehr bloß ein Gruppenbild mit Dame“. Es wird sicherlich nicht das letzte Buch aus der begrüßenswerten Reihe „Mehr Klassikerinnen“ des Manesse Verlags gewesen sein, welches hier auf Booknerds.de besprochen wird. Vielen Dank für das Wieder- und Neuentdecken dieser literarischen Stimmen. Ob als Nachschlagewerk, als Lektüre in Auszügen oder zum Selbststudium: Diese Sammlung verdient einen Platz im Bücherregal der „Moderne“. Borchert, Mann und von Hofmannsthal können ruhig mal zur Seite rutschen …

Wer mehr über das Buch und einige Autorinnen erfahren möchte, darf gern mal in den Podcast Autorinnen im Porträt von Mariann Gáborfi und mir reinhören. In unserer Folge “Kurzgeschichten im Porträt” reden wir über Charlotte Perkins Gilman, Tekahionwake, Ilse Aichinger und das Buch “Prosaische Passionen”. Hier geht’s zum Podcast Autorinnen im Porträt und hier zur Folge über Kurzgeschichten.

  • Autorin: Sandra Kegel (Herausgeberin)
  • Titel: Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Stories. Übersetzt aus 25 Weltsprachen. 
  • Übersetzer*innen: Nicole Seifert, Sabine Allafi, Lucy Bassenge uvm.
  • Verlag: Manesse
  • Erschienen: 05. Oktober 2022
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 928
  • ISBN: 978-3-7175-2546-2
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite


Wertung: 13/15 dpt

 


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