Berthe Obermanns – Gleich unter der Haut (Buch)


Seit dem Unfalltod der Eltern lebt Niklas kein normales Leben mehr. Der junge Mann funktionniert im Alltag nur noch. Sein Studium liegt auf Eis. Aufopferungsvoll kümmert er sich um die demente Großmutter. Um keinen Preis möchte er diese in ein Heim geben, da die Eltern dies sicher nie gewollt hätten. Seine eigenen Bedürfnisse verdrängt er.

Erst als er Lou begegnet scheint sich für ihn ein Weg aus der Einsamkeit zu öffnen. Die junge Frau bietet ihm Momente des Glücks, der Zweisamkeit, des Verstanden-werdens. Aber auch Lou kämpft ganz offensichtlich mit psychischen Problemen. Immer öfter wirft ihr befremdliches Verhalten Fragen auf. Niklas gerät in eine toxische Beziehung mit ihr, die seine bereits vorhandenen Probleme sukzessive verstärkt.

Berthe Obermanns inszeniert die Beziehung der beiden wie eine griechische Tragödie. Das Zusammentreffen zweier psychisch verletzter Menschen, die im jeweils anderen Halt suchen, den sie sich jedoch nicht  geben können, läuft zwangsläufig auf eine Katastrophe hinaus. Unaufhaltsam ziehen sich die beiden gegenseitig immer tiefer in den Abgrund hinein.

Obermanns zeichnet ungeschönt, wie Trauer den Alltag dominiert und den Rückweg in die Normalität vereitelt. Wieso ist es so schmerzhaft, sich an vergangene Erlebnisse zu erinnern? Warum blockt die trauernde Person jede Hilfe von außen ab? Woher kommen die Schuldgefühle, mit denen der Trauernde sich selbst im Weg steht? Die Autorin nimmt sich viel Zeit, um die Leser:innen mit der Trauer ihrer Figuren vertraut zu machen. Authentisch schildert sie alle Facetten und verweist auch auf das nachvollziehbare Nichtverstehen der Umwelt.

Während die Leser:innen die Ursache für Niklas‘ Trauma von Beginn an kennen, bleibt die Hintergrundgeschichte von Lou lange ein Rätsel. Schonungslos schildert die Autorin die Symptome einer psychoten Störung, deren Ursache erst im Laufe der Handlung aufgedeckt wird.

Der Debütroman beeindruckt im Stil durch seine perfekte Balance aus Realismus und Poesie. Obermanns eingängiger Ton hebt den Schmerz der Hauptfiguren deutlich hervor. Ihre Schilderungen sind präzise, fast dokumentarisch, ihre Sprache hingegen poetisch zart und voller Tiefe. 

„Vielleicht ist die Ödnis das größte Problem.
Davonrennen. Am liebsten würde ich einfach los-
rennen – so schnell und so weit ich kann. Aber ich renne
nicht, nie renne ich. Ich bleibe, wo ich bin; wo sie ist.“
<span class="su-quote-cite">Seite 9</span>

Trotz überbordender Emotionalität, gegen deren Vehemenz die Hauptfiguren nicht ankommen, verirrt sich Obermanns nie in Kitsch. Alle Charaktere sind authentisch. Ihr Handeln auf schockierende Weise realistisch.

Auch formal macht Obermanns alles richtig: Der Plot ist spannend aufgebaut und erzeugt einen starken Sog, durch den sie die Leser:innen trotz schwer zu ertragender Szenen geschickt bindet. Obwohl man früh erkennt, dass der Roman zu keinem guten Ende führt, bleibt die Handlung bis kurz vor Ende offen und der Autorin gelingt – trotz aller Vorhersehbarkeit  – ein überraschendes Finale.

Obermanns hat einen unfassbar traurigen Roman um Trauer, Missbrauch und Traumata geschrieben. Mit schockierender Konsequenz stellt sie uns Protagonisten vor, die an ihrem Unglück zu grunde gehen. Menschen, denen keine Hilfe zu Teil wird. Menschen, wie sie direkt unter uns leben könnten. Sie justiert den Blick auf das Alltägliche neu und erzeugt Empathie, der man sich nicht entziehen kann. Große Leseempfehlung!

  • Autorin: Berthe Obermanns
  • Titel:  Gleich unter der Haut
  • Verlag:  Osburg Verlag
  • Erschienen: August 2022
  • Einband:  Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 260 Seiten
  • ISBN: 978-3955102913


Wertung: 14/15 dpt


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