Red Rooms – Zeugin des Bösen (Kino)

In “Red Rooms” verfolgt das Modell Kelly-Anne (Juliette Gariépy) den Prozess gegen Ludovic Chevalier (Maxwell McCabe-Lokos), welcher drei Mädchen grausam gefoltert und umgebracht haben soll. Seine Taten wurden aufgezeichnet und die Videos sollen um große Summen gehandelt worden sein.

Der Film lässt sich am Anfang überbordend Zeit, um den Verhandlungsauftakt detailgetreu zu zeigen. Staatsanwaltschaft, Verteidigung kommen zu Wort, die Eltern der Opfer werden prominent und leidend gezeigt, während letztlich der Mörder ein unauffälliger Mann zu sein scheint, der teilnahmslos und gefesselt den Prozess über sich ergehen lässt. Inmitten des Publikums sitzt die geheimnisvolle Frau Kelly-Anne, welche von Chevalier fasziniert zu sein scheint.

Viel erfahren wir nicht über die junge Frau. Sie lebt in einer modernen Wohnung in einem Hochhaus in Montreal. Während sie untertags den Verhandlungen beiwohnt, verbringt sie die Nächte damit Online-Poker zu spielen und Bitcoin-Transaktionen durchzuführen.

Während des Prozesses lernt sie Clémentine kennen, die ein regelrechter Chevalier-Groupie zu sein scheint und diesen vor der Presse so gar verteidigt. Kelly-Anne lässt die junge Frau sogar bei sich in der Wohnung übernachten und gesteht, zwei der verstörenden Videos bereits gesehen zu haben. Doch während sich Clémentine vielleicht einen Beweis für die Unschuld des Täters erhofft hat, bleibt sie geschockt zurück, als sie die Filme aus dem Darkweb gesehen hat.

Kelly-Anne indes scheint in weiterer Folge von Chevalier besessen zu sein, verkleidet sich später als eines der Opfer. Ihre Beweggründe bleiben bis zum Schluss im Dunkeln. Ihre stoische Präsenz, fast schon mechanisch, zwingt das Publikum dazu, sich selbst zu hinterfragen: Wo endet Interesse, und wo beginnt moralische Komplizenschaft? Diese Perspektive ist mutig – und fordert Geduld.

Visuell setzt der Film auf sterile Bilder, kühle Farben und eine fast schon dokumentarische Inszenierung. Lange Einstellungen, minimale Dialoge und eine bewusst reduzierte Dramaturgie erzeugen eine Atmosphäre, die weniger auf Schockmomente setzt als auf ein permanentes Unbehagen. Das ist kein Film, der laut wird – er flüstert, und genau das macht ihn so effektiv.

Allerdings ist diese Herangehensweise nicht frei von Risiken. Das Erzähltempo ist extrem entschleunigt, teilweise fast statisch. Wer klassische Spannungsbögen erwartet, könnte sich schnell verloren fühlen. Red Rooms verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Zwischentöne einzulassen. Belohnung gibt es dafür in Form einer intensiven, nachhallenden Erfahrung – aber eben keine leichte Kost.

Ob die schmale Gratwanderung zwischen Charakterstudie und Medienkritik gelingt, müssen Zusehende selbst entscheiden, denn Antworten liefert der Film kaum.

Fazit: Red Rooms – Zeugin des Bösen ist kein Thriller für zwischendurch, sondern ein anspruchsvolles, verstörendes Werk, das sich tief in moralische Grauzonen vorwagt. Wer bereit ist, sich auf die ruhige, fast hypnotische Erzählweise einzulassen, wird mit einem Film belohnt, der lange nachwirkt. Alle anderen könnten ihn als sperrig oder gar distanziert empfinden.

  • Titel: Red Rooms
  • Originaltitel: Les chambres rouges (fr.) / The Red Rooms (engl.)
  • Produktionsland und -jahr: CAN 2023
  • Genre: Thriller
  • Erschienen: 11/2024
  • Label: 24 Films
  • Spielzeit: 119 Minuten
  • Schauspieler: Juliette Gariépy
  • Regie: Pascal Plante
  • Drehbuch: Pascal Plante
  • Schnitt: Jonah Malak
  • Musik: Dominique Plante
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:

Wertung: 11/15 dpt

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