Pi Piscine Patel ist 16 Jahre, als die TsimTsum sinkt. Das Schiff – eher ein Tanker – soll seine Familie und ihn nebst verschiedensten Zootieren aus dem Pondicherry Zoo seines Vaters von der indischen Heimat nach Kanada bringen. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, der zweite Teil seines Lebensbuchs – das jedoch nichts mit einem Umzug in den Westen zu tun haben wird. Abrupt findet Pi sich in einer unwahrscheinlichen Situation neben einem Tiger namens Richard Parker, einer gefräßigen Hyäne, einem verletzten Zebra und einem auf einem Bananenboot ankommenden Orang-Utan wieder – auf einem Rettungsboot mitten im Pazifik.
Die Verfilmung ist bekannt. Hier soll es um das literarische Meisterwerk Yann Martels gehen, das als Vorlage für den Hollywoodfilm dient. In seinem genau 100 Kapitel zählenden Text erzählt Martel Extremsituationen, die allesamt das Göttliche prägnant in sich tragen. Ein Göttliches Prinzip, das aus einer feinen Mischung aus Zufall und Schicksal sowie einem Großteil an Lebenskraft besteht. Fromm unterwirft sich der junge Pi in seiner dreifaltigen Religion – er bezeichnet sich als Hindu, Moslem und Christ – einem unkonventionellen Glaubensmodell, ohne dabei seine eigene Rolle zu vergessen: die des Kapitäns seines Rettungsbootes. In der Englischen Originalfassung wird dieses treffender mit “life boat” beschrieben – sein Lebensboot, das ihn unweigerlich durch eine mal stürmische, mal ruhige, aber immer tiefe See trägt.
Früh erkennt die Hauptfigur seinen Lebenswillen, den sie sich als characteristicum naturale zuschreibt, dementsprechend sie gar nicht anders kann, als ihn genauso wie ihren tierischen Gefährten so lange wie möglich am Leben zu halten. Pi erfährt so einen spirituellen Zugang zum Dasein, der sich von der religiösen Praxis des Jungen im heimischen Indien darum so stark abhebt, weil er den Wundern des Lebens unmittelbar ausgesetzt ist: dem endlosen Meer, das ihn sauber hält und seine Haut aufschürft; einem kräftigen Wind, der sein Boot weiterträgt und ihn über Bord wirft; der glühenden Sonne, die ihn wärmt und verbrennt. Diese zwei Seiten werden sehr bald zu einem Spektrum jenseits von Gut und Böse, zu Elementen in verschieden Zuständen. Genauso werden die emotionalen und psychischen Tiefpunkte für den Schiffbrüchigen schlicht Anlass zu einem Moment mit Gott.
Wer sich wirklich auf diese Lektüre einlässt, kann sich selbst und viele menschliche Archetypen in diesem leichten, aber tiefbewegenden Buch, das der ruhigen Pazifik wohl in diesem Aspekt gleicht, wiederfinden und erkennen. Was ist tierisch am Menschen? Was ist menschlich am Tier? Gibt es Bedeutung im Menschsein oder ist es vielmehr Funktion und Manifestation, was unser Dasein bestimmt? Wie wichtig ist Moral, wenn ethisch alles anders ist? Yann Martel beleuchtet diese Fragen und scheut sich nicht vor großen fantasievollen Bildern und Metaphern, die die Grenzen von Erzählung und Fiktion aufzeigen und ihre Regeln bis zu dem Punkt verschieben, an dem sich die Lesenden fragen, wer nun eigentlich auf dem Boot saß, wer nicht, und was für einen Tigergeist der junge Pi wohl in sich trägt.
Der Text richtet einen fundamentalen Appell an seine Lesenden: Lasst euch ein auf die Magie, die euch umgibt, hört zu und fragt nicht nach dem „Warum?“, sondern vielmehr nach dem „Und jetzt?“!
Rezension von Victoria Kühne.

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