
Mit „Ósmann“ ist Joachim B. Schmidt ein großer Wurf gelungen. Der Autor setzt mit seinem neuen Roman nicht nur der Hauptfigur Jón Magnússon, genannt Ósmann, ein Denkmal, seine Inszenierung ist eine offene Liebeserklärung an Island und seine Menschen.
52 Jahre alt wurde der legendäre Fährmann, dem man auf Island an seiner alten Wirkungsstätte eine Bronzestatue errichtet hat. 52 Jahre isländische Geschichte lässt Schmidt parallel zum Leben der Titelfigur Revue passieren, ohne diesen dabei aus den Augen zu verlieren.
Er kleidet die Lebensstationen Ósmanns in ruhige Bilder: Kindheit und Erwachsenwerden, Liebe und Freundschaften, aber auch tragische Verluste und Alter. Das alles findet vor der Kulisse einer ebenso großartigen wie erbarmungslosen Natur statt, dort wo der Fluss Ós ins offene Nordmeer mündet. Die Natur ist bei Schmidt nie nur dekorativer Hintergrund, sie ist Teil der Handlung, immer wieder wird sie zur schicksalslenkenden Kraft, mit der nicht nur Ósmann sondern alle Einwohner:innen Islands konfrontiert sind.
Nirgends scheint die Natur unbezwingbarer, nirgends setzt sie den Menschen, die sich an ihr festklammern, um sich ein karges Auskommen zu sichern, mehr zu, und nirgends ist ihre Magie verführerischer.
Aus einer alles überblickenden Perspektive lässt Schmidt einen Ich-Erzähler berichten. Omnipräsent heftet sich dieser ans Geschehen. Ein geschickter Schachzug, der es dem Autor erlaubt mit Nähe und Distanz zu jonglieren, Leerstellen einfühlsam zu füllen oder der Interpretation seiner Leser:innen zu überlassen sowie Spannung zu erzeugen oder einfach „nur“ Wissenswertes im angenehm literarischen Erzählton zu verbreiten.
Viele der genannten Personen haben wirklich gelebt. Der Schweizer Autor, der in Island seine Wahlheimat gefunden hat, hat regionale Quellen genutzt, um einen echten isländischen Heimatroman zu schreiben. Die im Roman erzählten Jahre sind prägend für die isländische Geschichte. Armut und Hunger brachten hunderte Isländer:innen dazu auszuwandern, um ihr Glück in Amerika zu versuchen. Für die Bleibenden war das Leben auf ihrer Heimatinsel vor allem ein ständiger Überlebenskampf. Schmidt kontrastiert den ungeschönten Alltag mit dem unverbrüchlichen Zusammenhalt der Menschen.
Ósmann nimmt in dieser Gesellschaft eine herausragende Rolle ein. Als Fährmann an einem wichtigen Verkehrspunkt ist er bei allen bekannt. Aber vor allem zeichnet er sich durch seine hilfsbereite und liebenswerte Art aus.
Dabei idealisiert Schmidt nie. Immer geht die Authentizität in der Darstellung vor. Er lässt allen Protagonist:innen ihre Ecken und Kanten. Und das Wichtigste: Immer steht die Würde einer Person im Mittelpunkt, völlig ungeachtet ihres gesellschaftlichen Status. Die Frauen sind den Männern auffallend ebenbürtig. Schmidts Isländer sind keine grobschlächtigen Hinterwälder. Obwohl ihr Leben durch Armut und harte Arbeit gezeichnet ist, sind sie feinfühlig, intellektuell interessiert, belesen, teils sogar gebildet. Ósmann selbst schreibt Gedichte, mit denen er seiner zunehmenden Schwermut Ausdruck verleiht.
Fazit: Wer nach der Lektüre keine unbändige Lust verspürt, die raue Insel im Nordatlantik bereisen, dem ist nicht zu helfen. Große Leseempfehlung!
- Autor: Joachim B. Schmidt
- Titel: Ósmann
- Verlag: Diogenes Verlag
- Erschienen: März 2025
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 288 Seiten
- ISBN: 978-3257073300
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Wertung: 14/15 dpt







