Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder (Buch)

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Fantasievolle young adult-Geschichte
Als Jacob im Teenageralter seinen Großvater grässlich zugerichtet, im Sterben liegend vorfindet, soll dies der Beginn eines großen Abenteuers werden, bei dem der Junge bald nicht nur durch die Zeit reist, sondern auch jene titelgebenden besonderen Kinder kennenlernt. Im August 2013 erscheint Ransom Riggs’ Roman „Die Insel der besonderen Kinder“, knapp drei Jahre später startet Tim Burtons opulente und mit vielen ansehnlichen Special Effects garnierte Verfilmung in den deutschen Kinos.

Bis heute schrieb Riggs zwei Fortsetzungen des spannenden Buches aus der oft gescholtenen aber gewinnträchtigen young adult-Sparte. „Die Insel der besonderen Kinder“ ist vor allem für Fans ideenreicher Fantasygeschichten empfehlenswert – auch wenn man den Film bereits gesehen hat. Teils eklatante Unterschiede zwischen Film und Buch sowie die bereits erwähnten Fortsetzungen ermöglichen einen weitaus tieferen Einsieg ins Thema, als es die 127 Filmminuten schaffen können.

Die Erzählungen des Großvaters als „Tor zur Welt“
Alles beginnt mit Jacobs Großvater, der seinem Enkel seit dessen frühester Jugend von einem geheimnisvollen Waisenhaus erzählt, in welchem er aufwuchs. Auf seltsam anmutenden Fotos stellt der alte Mann Jacob verschiedene Kinder vor. Ein Mädchen das fliegen kann. Ein anderes, da so stark ist, dass es Steine hebt. Ein Junge der seine Gedanken wie einen Film projiziert. Diese Kinder können Tote für kurze Zeit erwecken oder Dinge wachsen lassen. Aufgrund ihrer Fähigkeiten werden sie von bösen Scharlatanen gejagt, weshalb sie in der Obhut einer ganz besonderen Kinderheimleiterin leben. Miss Peregrine hat ebenfalls eine besondere Gabe: Sie kontrolliert die Zeit. Damit ihre Feinde sie nicht finden, versteckt sie „ihre“ Kinder in der Vergangenheit. Jacob lernt bald die besonderen Kindern, aber auch die schrecklichen Gefahren kennen, die unveränderbar mit ihnen verbunden sind…

Echte Fotos
Riggs recherchierte für seinen Roman bei zahlreichen Fotosammlern nach zu seiner Geschichte passenden Bildern. Immer wieder führt er an bestimmten Punkten im Verlauf alte Fotografien – tatsächlich echte – ein, die beispielsweise die besonderen Kinder zeigen. Ein feiner Griff in die Trickkiste, um seinen beschreibenden Worten eine andere, wirksame Ebene zu verleihen. Durch diese Abbildungen entsteht eine besondere Atmosphäre, welche den fantasievollen Charakter der Gesichte verdeutlicht und zudem verstärkt zum Ausdruck bringt.

Allerdings erzählt der Auto ausführlich und langwierig. Bis wirklich etwas passiert, dauert es gefühlte Ewigkeiten. Das stört durchaus. Erst ab Seite 300 (von 416!) nimmt „Die Insel der besonderen Kinder“ endlich an Fahrt auf. Es entstehen Dynamik und Spannung. Bis dahin erklärt Riggs die Welt, die Gegebenheiten und vor allem seine Hauptfigur, den jungen Jacob. Er ist der Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive der Leser die Geschichte erfährt. An einigen Stellen erscheinen seine Ausführungen zu ausschweifend.

Parallelen zur Weltgeschichte
Dennoch fasziniert die schöne Grundidee der Geschichte. Sie spielt mit Wünschen und Sehnsüchten der Menschen. Wer möchte nicht gerne Zeitreisen unternehmen? Viele diesbezügliche Motive finden sich im Roman und lassen den Leser nicht mehr los. Riggs’ Geschichte ist eine Allegorie auf die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Auch die Kindern sehen sich aufgrund ihrer „besonderen“ Fähigkeiten einer Verfolgung ausgesetzt. Verbindungspunkt dazu ist der dem Naziterror entflohene Großvater. Dieser wiederum möchte Jakob und alle besonderen Kinder schützen, weshalb er seinem Enkel den Schubser gibt, Miss Peregrine und das Kinderheim zu besuchen.

Mit der sich im letzten Drittel des Buches entwickelnden Spannung, kommt Zug in den Roman: Bedrohliches nimmt Gestalt an, das ewig lang eingeführte und erklärte Setting wird zur Bühne dramatischer Entwicklungen, die dem Leser zusetzen und ihn in den Bann ziehen. Riggs zieht die erzählerischen Zügel merklich an. Plötzlich geht es „zur Sache“. Das Potential des Stoffes entfaltet sich, endlich wird der Elfmeter geschossen, dessen Anlauf Riggs so quälend lang gestaltet hat.

Anders als Tim Burtons Film
Vor allem das Ende ist im Roman vollkommen anders als es bei der Verfilmung der Fall ist. Es passt und ist in sich schlüssig, macht die Tür für Weiterführung auf. Nicht, dass das Filmende so viel schlechter wäre, nur versucht man dort, eine andere Richtung zu gehen. Allerdings fällt schon auf, dass richtiger Zug in diesem ersten Band der bisher erschienen drei, erst spät entsteht. Vor allem für Leser, die den Film kennen, werden sich die ersten 300 Seiten stellenweise ziehen, aber auch ohne den Film gesehen zu haben, entsteht der Eindruck, dass der Autor hier durchaus hätte schneller vorankommen können.

Wer Freude an der Geschichte der besonderen Kinder gewonnen hat, wird zunächst auf die beiden Print-Fortsetzungen zurückgreifen müssen. Es ist derzeit noch unklar, ob weitere Verfilmungen produziert werden. Viele der Unterschiede zwischen Buch und Film sind sicherlich mit den langwierigen Erläuterungen zu erklären, die sich über weite Strecken dieses ersten Bandes erstrecken. Dennoch ist „Die Insel der besonderen Kinder“ eine spannende Sache, die mit einem schönen und spannenden Cliffhanger endet.

 Cover © Knaur

  • Autor: Ransom Riggs
  • Titel: Die Insel der besonderen Kinder
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 01.08.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3426510575
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Marcus Offermanns


Jahrgang 1980; gefühlt seit Geburt an Cineast und Film-Nerd. Nach Ausbildung und Studium den Weg zur „Schreibenden Zunft“ gefunden und dabei geblieben. Getippt wird am liebsten über Filme, Serien oder Bücher. Genres sind mir egal, wichtig sind Figuren und deren Geschichten oder Bezüge zu meinen Interessen. Und bei Filmen: tolle Bilder! Weitere Hobbys: Kurz- und Städtetrips, Reisen/Road Trips/Outdoor Adventures, Festivals (Musik und Film) und Sport (Fußball, Wrestling, etc.) – natürlich nur drüber reden, nicht selber machen :-)
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von Marcus Offermanns Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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