Irgendwo zwischen Klimachaos und Verfall ist Hoffnung
Anthologien sind so viel mehr als eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ein gemeinsamer roter Faden verbindet. Sie können aufeinander aufbauen, einander ergänzen und in der Summe zu einem großen Ganzen heranwachsen, das weit über die Buchseiten hinausstrahlt. „Arborealität“ von der kanadischen Autorin Rebecca Campbell ist so eine Anthologie, oder vielmehr ein Mosaikroman. Die Geschichten verflechten sich zu einem Bild über ein Leben im Klimakollaps. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich einer Aufgabe verpflichten. Die das Bewahrenswerte zu retten versuchen, die etwas Neues aufbauen, die eine besondere Gemeinschaft bilden. Ein jeder von ihnen führt ein materiell bescheidenes und würdiges, sinnvolles Leben.
Sondersammlungen (Special Collections)
„Sondersammlungen“ erzählt vom Universitätsprofessor Jude, der Bücher aus der Universitätsbibliothek in Sicherheit bringt. Er unterrichtet online, da die Universitätsgebäude zunehmend durch Wassereinbrüche zerstört werden.
Eine wichtige Frage treibt ihn um: Welche Bücher sollten zuerst an einen sicheren Ort umziehen? Sachbücher über Tierhaltung, Geografie, Geologie, Baukunst oder Medizin? Oder Beethovens Kreutzer-Sonate, die Geschichte des Westküsten-Punks oder Abhandlungen über den Zweiten Weltkrieg? Und welche Orte sind wirklich sicher?
Kontrolliertes Abbrennen (Controlled Burn)
„Kontrolliertes Abbrennen“ erzählt von Bernhard, der sich in einer sterbenden Siedlung hingebungsvoll darum bemüht, seinen Garten zu erhalten. Die Siedlung stirbt im zweifachen Sinne: Die Hitzewellen zerstören die Natur und die zunehmend schwierigeren Lebensbedingungen lassen die Nachbarschaft aussterben. Michelle, Chris und schließlich Bernhards Freund Jim ziehen nach und nach ins Landesinnere. Immer mehr Waldbrände zerstören immer mehr Orte auf Vancouver Island. Doch Bernhard möchte nicht weichen.
Ein bedeutender Fehlschlag (An Important Failure)
In „Ein bedeutender Fehlschlag“ begegnen wir dem Instrumentenbauer Jacob, der sein Leben einem Ziel widmet: Die perfekte Geige für die Musikerin Masami Delgado zu bauen. Alte Bäume zu fällen, insbesondere die bedrohten wertvollen Sitka-Fichten, ist strengstens verboten. Doch Jacob weiß, dass nur das „alte“ Holz, welches noch nicht einen höheren CO2-Anteil speichert, geeignet ist zu einer wunderschön klingenden Geige verbaut zu werden. Vielleicht wird es die letzte Geige, gefertigt im Stil der traditionellen Geigenbaukunst von Cremona in Italien.
Reiser und Wurzelstöcke (Scions and Root Stocks)
Nach der Hitzewelle kommt der Regen: Ein Regen der Hänge ins Rutschen bringt, Landschaft und Landwirtschaft unter Schlamm begräbt. Kit George wird an einem Abend geboren, als ein solcher Regen einsetzt. Als Kit heranwächst, ist Benno sein großes Idol, weil er Solarzellen bauen und Satellitenschüsseln reparieren kann. Gemeinsam gehören sie einem Bergungstrupp an und erkunden Relikte aus der Vergangenheit. Um etwas Neues zu erschaffen, vielleicht sogar etwas mit Zukunft.
Kneipenessen (Pub Food)
Sophie und Jacob sind auf Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen angewiesen. Sie plant, was sie benötigen, um zu kochen: Falafel aus Kichererbsen, Tacos mit einem Dip aus schwarzen Bohnen, vielleicht sogar Brioche aus Sauerteig. An Fentanyl oder Oxycodon ist nicht heranzukommen, dann muss eben ein Sud aus Eibennadeln gegen Jacobs Schmerzen helfen. Als er ihr vom Konfetti-Kuchen aus seiner Kindheit erzählt, lässt sie der Gedanke nicht mehr los. Wie schafft sie es, Cheeseburger und einen Geburtstagskuchen für Jacob zu zaubern?
Die Baumkathedrale (The Cathedral Arboreal)
Sophie ist inzwischen alt und es fällt ihr schwer, Gedanken und Wahrnehmungen einzuordnen. Auch das Zeitgefühl geht zunehmend verloren. Doch Kit und sein Sohn Louis schätzen noch immer ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihre Kraft, trotzdem diese schwindet.
Eine Gruppe junger Kanadier besucht die Menschen auf Vancouver Island zum Erfahrungsaustausch. Und sie haben Medikamente dabei, was Sophie schließlich doch motiviert, an einem Treffen teilzunehmen. Sie diskutieren über Bioplastik, CO2 speichernde Pflanzen, CRISPR -6 Modifikation von Kartoffeln. Doch eine Kathedrale aus Aurum-Bäumen haben auch die weitgereisten Kanadier noch nicht gesehen.
Klimakatastrophen, Pflanzen, Forschung und Entwicklung
In die Geschichten des Mosaikromans „Arborealität“ sind Rückblenden und Texte um das Zeitgeschehen integriert. Sie zeigen unmissverständlich auf, wie immens sich der Klimakollabs in der Mitte bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auf das Leben auf der Erde auswirkt. Und wie das Klima sich seit dem 20. Jahrhundert veränderte. Vancouver Island ist entvölkert und die Überlebenden kämpfen einen ständigen Kampf gegen Hitze, Starkregen, Erosion und Verfall. Sie entwickeln Strategien und Lösungen, um das Leben wieder einfacher zu machen. Die einen bringen wertvolle Bücher in Sicherheit, andere lesen sie, um alte Techniken neu zu erlernen. Sie experimentieren mit Pflanzenzüchtungen und Gentechnik. Der Erdbeerbaum hat den Norden des amerikanischen Kontinents erobert, Aurum-Bäume dienen als Teil der Infrastruktur und essbare Wildpflanzen als Grundlage der Ernährung. „Arborealität“ lehrt, welche Bäume und Pflanzen klimaresistent sind und erfolgreich einen erhöhten CO2-Spiegel kompensieren.
Menschen mit Erinnerungen, Frust und Hoffnung
Geschichten, die über eine vom Klimawandel geprägte Zukunft der Menschheit erzählen, werden in literarische Subgenres wie Dystopie, Hopepunkt oder Utopie eingeordnet. Je nachdem ob die Erzählung eher traurig oder zuversichtlich stimmt. Auf „Arborealität“ treffen alle genannten Kategorien und Attribute zu – und auch nicht. Die in dem Mosaikroman enthaltenen Geschichten sind weder betont düster, noch bemüht optimistisch. Der vom Thema abgeleitete Genrebegriff Climate Fiction passt hier sehr gut, da immer wieder wissenschaftliche Aspekte aufgegriffen werden und die Erzählung inspirieren.
Die Protagonisten schauen zurück in unsere Zeit, recherchieren über das Leben im ausgehenden 20. Jahrhundert. Sie träumen vom Wohlstand und Konsum. Oder verachten beides und empfinden Wut über die Verantwortungslosigkeit in der Vergangenheit. Organisch bauen die Geschichten aufeinander auf. Die geretteten Bücher der ersten Geschichte spielen in den folgenden eine wichtige Rolle und auch die geformten Bäume wachsen und entwickeln sich durch die Geschichten zu etwas Wunderbarem. Wir folgen chronologisch drei Generationen und älter werdenden Personen durch ihren Alltag und ihr Leben auf Vancouver-Island. Einfache Lösungen gibt es genauso wenig, wie Vorbilder oder erhobene Zeigefinger. Dafür aber Menschlichkeit und Empathie, überbordende Kreativität und ein ungebändigter Überlebenswille.
„Arborealität“ gewann 2023 den mit 25.000 Dollar dotierten Ursula K. Le Guin Preis. Der Preis würdigt Autor: innen die „sich echte Gründe für Hoffnungen vorstellen und Alternativen zu unserer derzeitigen Lebensweise erkennen.“ Diesem Maßstab folgend, könnte ich mir keine geeignetere Preisträgerin vorstellen als Rebecca Campbell. Dem kleinen Spezialverlag für progressive Phantastik-Weltliteratur, Carcosa sei Dank, dass wir diese Geschichten in der hervorragenden Übersetzung von Barbara Slawig genießen können. Die Anthologie „Arborealität“ von Rebecca Campbell ist eine Empfehlung für alle Lesenden, die sich für den Themenbereich der Climate Fiction interessieren und zugleich poetisch geschriebene, stimmungsvolle und nachhallende Geschichten lieben.
- Autorin: Rebecca Campbell
- Titel: Arborealität (Erzählungen)
- Übersetzerin: Barbara Slawig
- Verlag: Memoranda/Carcosa
- Erschienen: 03/2025
- Einband: ePUB
- Seiten: 115
- EAN: 9783910914315
- Sonstige Informationen:
- Produktseite beim Verlag
- Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt








