Mechtild Borrmann – Lebensbande (Buch)

Drei bedrückende Frauenschicksale von 1931 bis 1993

Im September 1931 ist Lene Gertens siebzehnter Geburtstag und so darf sie erstmals ihren älteren Bruder Karl zu einem Tanzabend begleiten. Ein schicksalsträchtiges Ereignis, denn Lene lernt dort Joop kennen, zu dem sie sich sofort hingezogen fühlt. Der elterliche Bauernhof liegt am Niederrhein und da es nur einen Sohn gibt, wird erwartet, dass Lene einen der Bauernsöhne aus der näheren Umgebung heiratet. Die Beziehung zu Joop, der in Holland lebt, wird von den Eltern abgelehnt und als Lene dies nicht akzeptieren will, schickt man sie zu Tante und Onkel nach Ratingen, wo sie als Zimmermädchen arbeiten und Vernunft annehmen soll. Plötzlich bricht der Briefkontakt zu Joop ab und Lene gibt sich in einer alkoholgeförderten Situation Franz Krähler hin. Eine Situation mit Folgen, denn neun Monate später kommt Leo zur Welt, der allerdings aufgrund eines Sauerstoffmangels deutliche Beeinträchtigungen zeigen wird. Notgedrungen wird geheiratet, von Liebe kann keine Rede sein, doch ein Jahr später kommen immerhin gesunde Zwillinge zur Welt. Diese müssen von ihm sein, ist sich Franz sicher, „der Blödmann“ von einem anderen.

Franz stirbt unerwartet bei einem Arbeitsunfall und nach einem Einschulungstest wird Leo in eine Heil- und Pflegeanstalt verbracht. Lene will sich mit der Situation nicht abfinden und findet in Nora eine wichtige Hilfe. Sie arbeitet dort als Krankenschwester und stellt bestürzt fest, dass es zunehmend zu plötzlichen Todesfällen kommt. Sie flieht mit Leo und steht nun mit Lene vor dem Problem, wo sie diesen verstecken soll, denn ein Mensch mit geistiger Einschränkung passt nicht mehr in das neue System vom Herrenmenschen. Jahre später wird Nora nach Danzig versetzt, wo sie Lieselotte Plass kennenlernt. Man freundet sich an, doch der Kriegsverlauf nimmt eine dramatische Wendung und führt die beiden Frauen letztlich in das russische Arbeitslager Workuta. Dort müssen sie nach vielen schrecklichen Jahren eine folgenschwere Entscheidung treffen.

Das nächste große Leseerlebnis der preisgekrönten Autorin

„Lebensbande“ ist das neue Leseereignis von Mechthild Borrmann (Deutscher Krimipreis für „Wer das Schweigen bricht“), deren Leserinnen und Leser sind nicht wundern werden, dass die Geschichte erneut in zwei Zeitebenen und vor allem zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt. Achtzig Jahre nach Kriegsende arbeitet sich die Autorin an jener grauenvollen Zeit noch immer ab. In einem Interview sagte sie: „Es scheint mir wichtig, in einer Zeit in der Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus zunehmend an Boden gewinnen aufzuzeigen, was eine solche Haltung in der Vergangenheit mit sich gebracht hat.“ Es wäre für diese Rezension der passende Schlusssatz gewesen.

Lenes unmögliche Beziehung mit Joop, aus Sicht der Eltern, aber auch aufgrund der politischen Entwicklung, und die aufsteigende Gefahr für Leo dank der nationalsozialistischen Rassenhygiene, prägen einen Großteil der Handlung. Diese wird aus Sicht von Lene ab 1931 beginnend erzählt und in einem zweiten Handlungsstrang, 1993 in Kühlungsborn spielend, in Rückblenden von Nora. Der Schrecken des Dritten Reiches und der blinde Gehorsam gegenüber dem Führer, werden eindringlich geschildert. „Der würde doch niemals …“.

„Wenn man damals gewusst hätte, was man heute weiß. Hat man aber nicht. Und glauben kann man doch nicht, dass so was vor sich geht.“

Mechthild Borrmann erzählt von drei starken Frauen, von denen Lene und Nora schon bald erkennen, dass irgendetwas komplett falsch läuft. Die Sorge um Leo bestimmt ihr Leben, während Lotte, sie tritt gegen Ende der ersten Buchhälfte erstmals auf, eine glühende Verehrerin des Führers ist. Selbst in Danzig, wo ihr Freund später an der Front desertiert und um sein Leben fürchten muss, will sie lange nicht glauben, wie es tatsächlich zugeht und welche Verbrechen verübt werden. Nach der Festnahme geht es für Nora und Lotte in das Arbeitslager Workuta, welches bereits in dem Roman „Der Geiger“ eindringlich beschrieben wurde. Einmal mehr werden die unfassbaren Zustände dort geschildert. Vierzehn Stunden arbeiten, sechs Tage die Woche und das in der sibirischen Tundra.

Nach und nach wird erkennbar, wie sich das Leben der drei Frauen bis in das Jahr 1993 entwickelt hat und sogar ein Mord eine zentrale Rolle spielen wird. Nach dem Mauerfall öffnen sich nicht nur die Grenzen, es kommt auch zu einer Zusammenlegung des Rentensystems und so wird Nora gebeten, einen Nachweis über ihre Tätigkeiten vor 1953 nachzureichen. Dies ist Nora unmöglich und dann meldet sich ausgerechnet ein ihr unbekanntes Familienmitglied und droht ihr größtes Geheimnis zu entdecken. Die Erlebnisse von Lene und Rückblicke von Nora, die das Vergangene aus deren Perspektiven zusammenführt, sind bedrückend, denn die Autorin schreibt nicht mit Weichzeichner. Noch etwas ist der Autorin wichtig, wie ein vorausgehendes Zitat des römischen Kaisers Marc Aurel zeigt: „Man bereut nie, was man getan, sondern immer, was man nicht getan hat.“

Haltung ist ein zentraler Begriff in „Lebensbande“. Der Roman ist, wie zahlreiche Vorgänger („Der Geiger“, „Feldpost“, „Grenzgänger“ oder „Trümmerkind“), eine packende Geschichtsstunde. Einfühlsam, ohne dabei kitschig-klischeehaft abzudriften und vor allem spannender als mancher Thriller. Ein Pageturner der anderen Art, dessen Aktualität nicht zu übersehen ist. Gefährlicher Populismus und mangelnde Haltung sind eine große Gefahr für die Demokratie. Und so stellt das Buch indirekt die wichtige Frage: „In welcher (politischen) Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?“  

  • Autor: Mechtild Borrmann
  • Titel: Lebensbande
  • Verlag: Droemer
  • Umfang: 288 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: November 2025
  • ISBN: 978-3-426-28220-5
  • Produktseite

Wertung: 13/15 dpt

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