Gaea Schoeters – Das Geschenk (Buch)

Nur mal angenommen, in Berlin würden von heute auf morgen ganz plötzlich 20.000 Elefanten leben, durch die Parks wandern, in der Spree baden, halt alles das machen, was Elefanten so machen. Ohne Rücksicht darauf, ob eine Großstadt sich dafür eignet oder nicht. Gaea Schoeters hat genau das einfach mal angenommen, nachdem sie in der Zeitung gelesen hatte, dass der Präsident von Botswana 2024 den Deutschen 20.000 Elefanten angeboten hatte – als Reaktion auf eine Verschärfung der Einfuhrbeschränkungen für Jagdtrophäen. Gute Idee für eine Gedankenspielerei, fand die Autorin und hat in ihrem Buch „Das Geschenk“ genau diese Spielerei detailverliebt und ausgiebig recherchiert mal bis zum Ende durchgeführt.

Eines Morgens sind sie einfach da, die 20.000 Elefanten. Die Autorin hat sich das Recht der Fiktion genommen, nicht zu erklären, wie die Tiere denn von Botswana nach Berlin gekommen sind. Aber ab dann läuft in ihrem Roman alles so, wie es auch sehr wahrscheinlich ablaufen würde. Krisenstimmung bei der Politik, Sitzungen ohne Ende mit Bundeskanzler Hans Christian Winkler, Innenministerin, Bundesnachrichtendiensten und Militär, die Wahl einer Ministerin für Elefantenangelegenheit, die von Anfang an auf verlorenem Posten steht. Und das alles, während die Elefanten die Großstadt mit ihrer Kacke eifrig düngen, Pflanzen den Fernsehturm hinaufranken und der Autoverkehr auf wandernde Dickhäuter trifft. Was lässt sich tun? Nicht viel, denn Deutschland muss sich ja an die Regeln halten, die der Westen auch den afrikanischen Ländern zum Artenschutz auferlegt. Zumindest erklärt das Botswanas Präsident Tebego – Verursacher der Elefantenplage in Berlin – schadenfroh in einer Videokonferenz.

„Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht sollt ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. […] Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, sie einzusperren. Jeder Elefant, dem auch nur ein einziger Stein in den Weg gelegt wird, wird sich verdoppeln. Sie müssen sich frei bewegen können und so viel Platz bekommen, wie sie brauchen. Die Bevölkerung muss sich eben anpassen. Alles für den Elefanten. Schließlich stehen diese Tiere unter Artenschutz, also ist ihr Wohlbefinden von allergrößter Wichtigkeit. Viel Spaß damit!“ S. 34/35

Obsessiv recherchiert hat sie, erzählt die Autorin bei einer Lesung im Literaturhaus Köln. Stundenlang Dokumentationen im Fernsehen geguckt, bis sie auch bis ins kleinste Detail beschreiben konnte, wie sich Elefanten bewegen und verhalten. „Ich nehme die Realität für den Anfang und mache dann ein paar Bögen, die die Realität nicht macht.“ Das sorgt dafür, dass man Mäuschen spielen darf bei der Regierung, die ja irgendwie das Elefanten-Problem lösen muss. Vielleicht könnten andere Bundesländer ein paar Elefanten übernehmen? Was schlägt eine Elefantenexpertin vor, die man zur Beratung hinzuholt? Warum denkt niemand daran, dass die Elefantenskelette im Naturkundemuseum bei den eindringenden Elefanten Wut und Trauer auslösen würden? Und spielt das ganze Chaos nicht mal wieder der falschen Partei in die Hände?

Gaea Schoeters spielt mit so vielen Aspekten und alle haben sie ihre Assoziation mit der Wirklichkeit: Es geht um Umweltschutz, Aktivismus, Pöstchen-Schieberei und Korruption in der Politik, das Wegducken vor Verantwortung, das Verhältnis zwischen Europa und Afrika – das Buch schöpft tatsächlich aus dem Vollen und stellt dies schön überspitzt dar. Man merkt an jeder Seite die Freude, mit der die Autorin ihre Ideen gesponnen und mit der Übersetzerin Lisa Mensing mit viel Gehirnschmalz die in Deutschland spielende Geschichte übersetzt hat.

Wer Schoeters Roman „Trophäe“ gelesen hat, wird wiedererkennen, dass die Autorin sich gerne auf Gedankenspiele einlässt, Prämissen bis zum Ende durchdenkt und die Lesenden am Ende ohne Lösung, aber mit vielen neuen Gedanken das Buch zuklappen lässt. Allerdings: „Trophäe“ ist ein düsterer, sehr literarischer Roman mit viel Atmosphäre und existentiellen Fragen. „Das Geschenk“ ist beim Lesen eher leichte Kost, absolut unterhaltsam und nicht bedrückend. „Beim Geschenk soll man lachen können“, sagt die Autorin. Das funktioniert auf jeden Fall. Und auch wenn beide Bücher sehr unterschiedlich sind – man sollte beide gelesen haben.

Fazit:

Gaea Schoeters „Das Geschenk“ macht aus einer realen Zeitungsmeldung eine sehr kluge und sehr skurrile Geschichte, in der viel Wahres steckt. 20.000 Elefanten in Berlin: Selten werden Probleme und Widersprüchlichkeiten – zum Beispiel im Umgang mit Afrika oder in der Krisenbewältigung in der Politik – so gut erklärt und ins Absurde geführt.

Wertung: 14/15 dpt

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