Irene Dische – Prinzessin Alice (Buch)

Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Zum Beispiel das von Prinzessin Alice von Battenberg, Mutter des verstorbenen Prinz Philip, damit Schwiegermutter der ehemaligen König Elisabeth II und Großmutter des heutigen König Charles III. Von Geburt an gehörlos, gekonnte Lippenleserin in mehreren Sprachen, durch ihre Heirat Prinzessin von Griechenland, nach der Vertreibung aus Griechenland dann Immigrantin in Paris, die mit dem Verkauf von Handarbeiten Geld verdiente. Schließlich von Freud als paranoid-schizophren, mitverursacht durch sexuelle Frustration aufgrund einer nicht ausgelebten Leidenschaft diagnostiziert und  gegen ihren Willen über Jahre in einer Klinik zur Heilung eingesperrt. Nach der Flucht von dort lebte sie als Nonne unerkannt, bis sie wieder nach Griechenland zurückging und dort unter anderem eine jüdische Familie vor dem Holocaust versteckte. Reichlich Material, aus dem Irene Dische eine fiktionale Autobiographie entworfen hat, die die Prinzessin selbst erzählt.

Wir wollen auch nicht länger so tun, als würde eine allwissende Erzählinstanz dies niederschreiben. Ich, Alice, offiziell als wahnsinnig diagnostiziert, will endlich selbst erzählen.S. 10

Damit sind gleich mehrere Dinge klar: Die Autorin Irene Dische will der Prinzessin mit dem turbulenten und oft fremdbestimmten Leben eine eigene Stimme geben. Und schnell merkt man auch: Es wird sehr subjektiv erzählt. Wie verlässlich die Erzählerin Alice ist, darf und muss jeder selbst entscheiden. Disches Roman ist deftig, manchmal vulgär, aber fast immer lustig. Die eigenwillige Prinzessin erlebt durchs Gebet lautstarke Orgasmen und „ein kleines, obszönes Schimpfwort hier und dort ist doch eine edle Zutat“. Gäbe es nicht die vielen überprüfbaren Fakten (bitte wer beginnt nicht zu recherchieren bei der Lektüre des Buches?!), man würde diesen Roman für vollkommen überdreht und unrealistisch halten. Spätesten aber wenn man bei der Recherche auf Fotos stößt, die Prinz Philip neben einer mageren älteren Dame mit Nonnenhaube zeigen, muss man doch vieles für wahrscheinlich halten.

Vergnügt nahm ich die Rolle der Peinlichen ein. So eine muss es in jeder Familie geben.S. 60

So blättert man oft ein wenig fassungslos über dieses Schicksal von Seite zu Seite und fragt sich, wo die Realität enden und die schöpferische Kreativität der Autorin beginnen mag. Absurdes steht neben Menschlichem, Wahnsinniges neben Nicht-Wahnsinnigem. Prinzessin Alice hat ein sehr eigenes und inniges Verhältnis zu Gott, das nicht unbedingt mit dem der Kirche in Einklang steht. Ihre Beziehung zu ihren Kindern, die sie alle liebt, beruht oft nicht auf Gegenseitigkeit. An dem Leben der Töchter nimmt sie kaum teil, aus der Ferne beobachtet sie heimlich deren Ehen mit deutschen Nazis. Ihr jüngstes Kind, Sohn Philip, wächst bei seinem Onkel auf – erst später wird sie wieder Kontakt zu ihm haben. Vor allem mit ihren Schwägerinnen Marie Bonaparte – glühende Verehrerin von Sigmund Freud und seiner Psychologie – und Edwina Mountbatten – reich und ihre vielen Affären offen lebend – ist Alice in engem Kontakt und auch auf deren finanziellen Unterstützung angewiesen.

So tragisch oftmals das Leben von Prinzessin Alice war, so durchweg heiter und optimistisch lässt Irene Dische sie erzählen: Alices auch sehr körperliche Liebe zu Gott und ihre Gespräche mit Gott („Gott herrschte mich auf Deutsch an: Meine Güte, soviel Larmoyanz ertragen ich nicht.“), ihre Wahrnehmung und Beschreibung der Situationen, ihre Begegnungen mit den Ärzten, die sie einsperren – das alles kann man nur skurril nennen.

Er sprach. Aus der Ferne konnte ich sehen, wie sich der braune Pelz rund um seine Lippen hob und senkte, aber die Silben ergaben keinen Sinn für mich. So muss sich ein Hund in der Tierarztpraxis fühlen.S. 54

Fazit:

Irene Disches „Prinzessin Alice“ ist ein sehr wilder Ritt durch das Leben der Prinzessin – in einer drastischen, oft lustigen Sprache, mit einer Hauptdarstellerin, die alles ist – nur nicht gewöhnlich. Zumindest legt die Lektüre einem auch nahe, warum Prinz Philip für seinen recht eigenwilligen und unköniglichen Humor bekannt war. Bei diesen Genen lag es ihm vielleicht einfach im Blut. „Prinzessin Alice“ ist kein Buch für jeden: Viele werden sich eher irritiert fühlen, für andere aber macht das gerade das Vergnügen am Buch aus.

  • Autorin: Irene Dische
  • Titel: Prinzessin Alice
  • Übersetzerin: Tanja Handels
  • Verlag: Claassen
  • Erschienen: 09/2025
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 160
  • ISBN: 978-3-546-10156-1
  • Verlagsseite zu Irene Dische – „Prinzessin Alice“

Wertung: 12/15 dpt

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