Johannes K. Soyener – Der Schatten des Kaisers / Der Chirurg Napoleons (Buch)

Literarisches Denkmal für Jean-Dominique Larrey

Jean-Dominique Larrey (1766-1842) ging in die Medizingeschichte ein, da er 1793 die „Fliegenden Lazarette“, die Ambulance Volante, einführte. Neben anderen Medizinern gilt er als „Vater der Notfallmedizin“. In insgesamt vierundzwanzig Feldzügen begleitete er den späteren Kaiser Napoleon und sorgte mit seinem medizinischen Gefolge für die Versorgung unzähliger, zigtausender Menschen. Dabei machte er keinen Unterschied nach Nationalität, was ihm auch außerhalb Frankreichs zu hohem Ansehen verhalf.

Johannes K. Soyener (1945-2018) widmet dem Mediziner und Militärchirurgen ein literarisches Denkmal und beleuchtet dabei die Entwicklung Frankreichs und den Aufstieg Napoleons. Die Französische Revolution, das daraus resultierende Chaos, Napoleons Griff nach der Macht und sein denkwürdiger Feldzug nach Ägypten, bilden, von privaten Verstrickungen abgesehen, den Auftakt dieses lesenswerten und kenntnisreichen Romans.

„Eine humane Handlungsweise für den Patienten ist nach meiner Auffassung nur dann gewährleistet, wenn man in der Lage ist, zum Beispiel einen Unterarm in weniger als dreißig Sekunden abzunehmen.“

Ägypten ist vom Seitenumfang her gesehen der Schwerpunkt des militärischen Geschehens (gefolgt vom Russlandfeldzug), wohl auch, weil sich hier Napoleon entscheidend veränderte. Nach verlustreichen Feldzügen in Ägypten, wo ein Rückzug per Schiff plötzlich nicht mehr möglich war, da Admiral Horatio Nelson die französische Flotte vor Abukir versenkte, entschied sich Napoleon später, seine Armee zurückzulassen und nur mit engstem Gefolge nach Frankreich zurückzukehren. Dies begründete Larrays späteren Legendenstatus mit, denn er weigerte sich, die verletzten Soldaten im Stich zu lassen.

„Die ärgsten Kriecher, die krummsten Rücken werden sich alsbald aufrichten, doch nur zu dem Zweck, um ihre Titele, Paläste und Pfründe zu retten. Dafür sind sie bereit, alles zu unterschreiben. Zu dieser Sorte Mensch werde ich nie gehören!“

Später folgten geschichtsträchtige Schlachten wie die Dreikaiserschlacht von Austerlitz, die Schlacht von Preußisch Eylau, die Völkerschlacht bei Leipzig, die Schlacht von Borodino als Bestandteil des Russlandfeldzuges bis hin zur für Napoleon finalen Schlacht von Waterloo. Larrey und seine Helfer mussten dabei unzählige Amputationen und Resektionen vornehmen, nicht selten direkt auf dem Schlachtfeld.

24 Feldzüge unter Napoleon aus der Sicht eines Chirurgen

Der Schatten des Kaisers
© Lübbe

Soyener erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven. So gibt sich Larray als Ich-Erzähler seinen Erinnerungen hin, zudem gibt es einen Erzähler in der dritten Person, was zunächst ein wenig befremdlich anmutet. Dabei folgt der Autor zudem einer Erzählweise, die vermutlich Stephen Crane in seinem Roman „Die rote Tapferkeitsmedaille“ (The Red Badge of Courage) im Jahr 1895 als Erster verwendete. Er erzählt darin vom Amerikanischen Bürgerkrieg, den er selber altersbedingt nicht erlebte, aus der Sicht eines einfachen Soldaten. Zuvor schrieben derartige Berichte und Bücher ausschließlich am Kampf beteiligte Offiziere oder Gebildete der Oberschicht und setzten die Schwerpunkte auf das „große Ganze“. Strategie und Taktik waren die beherrschenden Themen und natürlich die Klugheit der Generalität. Was nicht vorkam, war die Rolle und das Empfinden des einfachen Soldaten, des Kanonenfutters, welches man nach Belieben in die Schlacht werfen vulgo verheizen konnte. Auch darüber berichtet das vorliegende Buch ausführlich.

„Unsere Lazarette waren die Orte der Wahrheit in diesem Feldzug; hier wurde Bilanz geführt über das Töten und Sterben.“

Die geschichtlichen Ereignisse von 1789 (Revolution) bis 1815 (Waterloo) stehen im Mittelpunkt der Handlung, aber eben nicht unter militärischen Aspekten. Das Geschehen wird aus der Sicht des Chirurgen Larray erzählt, der ebenso verzweifelt wie aussichtslos um jeden Verletzten kämpft. In den gnadenlos heißen Wüstenlandschaften Ägyptens und Syriens ebenso wie in der eisigen Kälte des russischen Winters. Dabei raffen nicht nur Hieb- und Schusswunden die Soldaten massenhaft dahin, Seuchen wie Pest und Typhus sorgen für enorme Verluste. Die medizinischen respektive chirurgischen Eingriffe werden detailliert geschildert, was als Warnhinweis gemeint ist für jene, die sagen, sie könnten kein Blut sehen. Soyener beschreibt die Auswirkungen der Schlachten ebenso kenntnis- wie blutreich. Es hilft ja nichts. Für den „Schlächter“ Napoleon, der sich immer für Larrays Arbeit und die Versorgung verletzter Soldaten einsetzte, zählen Menschenleben am Ende seines Wirkens nicht mehr.

„… die Verantwortung vor Frankreich, vor der Weltgeschichte übernehme ich …  Von Ihnen verlange ich nichts als Gehorsam!“

Der Chirurg Napoleons
© Lübbe

Wer sich für die Zeit der Napoleonischen Kriege oder Medizingeschichte interessiert, dem sei dieser Roman unbedingt empfohlen. Johannes K. Soyener werden oder sollten Fans historischer Romane übrigens kennen, denn er schrieb das großartige Buch „Der Meister des siebten Siegels“.

Die vorliegende Rezension bezieht sich auf eine Sammler-Ausgabe, erschienen 2004 im Weltbild-Verlag, unter dem Titel „Der Schatten des Kaisers“. Später erschien der Roman bei Lübbe unter dem gleichen Titel als Hardcover sowie als Taschenbuch „Der Chirurg Napoleons“. Antiquarisch oder im Internet ist das Buch noch erhältlich.

  • Autor: Johannes K. Soyener
  • Titel: Der Schatten des Kaisers / Der Chirurg Napoleons
  • Verlag: Weltbild (Sammler-Edition „Aventuria“)
  • Umfang: 704 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen:  2004

Wertung: 13/15 dpt

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