
Ausgangspunkt für „Rebellinnen der Philosophie“ war ein Seminar, das die Autorin Kristin Gjesdal, Professorin der Philosophie, einige Jahre zuvor an der Temple University Philadelphia leitete. Da es auch in diesem Fachbereich noch immer üblich ist, dass sich der Kanon mehr oder weniger exklusiv durch Männer rekrutiert, nahm sie dies zum Anlass, die Aufmerksamkeit ihrer Studierenden auf Philosophinnen verschiedener Epochen zu lenken.
So stellt sie im Folgenden eine Reihe von „Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben“vor, wobei sie deren (Lebens-)Werke und Biografien skizziert. Einige der Porträtierten sind bekannt, die meisten jedoch dürften für die Leser:innen Neuentdeckungen sein. Allen ist gemeinsam, dass sie zu ihren Lebzeiten bedeutenden Einfluss auf Vertreter:innen in Philosophie und Geistesgeschichte hatten, über Geschlechtergrenzen hinaus, also auf Männer ebenso wie auf Frauen.
Gjesdal zeigt, wie die Geschichtsschreibung mit diesen Frauen umging. Größtenteils gerieten sie in Vergessenheit, aber auch dort, wo man sich der Namen erinnert, erfuhren die Frauen eine sehr ungleiche Bewertung im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Sie wurden vorallem unter der Prämisse ihrer Weiblichkeit und in Abhängigkeit zu den Männern, mit denen sie zu tun hatten, betrachtet und dargestellt. Man fragte sich, inwieweit sie sich konform zu geltenden gesellschaftlichen Normen verhielten. Welche Beziehungen sie zu den Männern ihrer Zeit pflegten. Ein vermeintlich unlauterer Lebenswandel und/oder diverse amouröse Beziehungen prägten ebenfalls das Image und verfälschten den Blick auf ihre Arbeit.
Gjesdal geht chronologischen vor, beginnend mit dem 18. Jahrhundert bis in die Moderne. Die von ihr ausgewählten Repräsentantinnen der verschiedenen Epochen sind Germaine de Stael, Karoline von Günderrode, Bettina Brentano von Arnim, Hedwig Dohm, Anna J. Cooper, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Lou Salomé, Gerda Walther, Simone de Beauvoir und Angela Davis.
Viele dieser Persönlichkeiten sind besonders im Hinblick auf den Feminismus bedeutende Stimmen. Trotzdem wäre es falsch, sie darauf zu reduzieren. Der Autorin gelingt es zum Glück, ihre Bedeutung über das Thema Emanzipation hinaus zu würdigen und einen Abriss über die von ihnen repräsentierten Themen zu liefern.
Auf den von Gjesdal gesetzten Rahmen, immer wieder Bezug zu den einzelnen Lehreinheiten des Seminars zu nehmen, hätte ich gerne verzichten können. Aber als Instrument, um auf die Aktualität der vorgestelten Thesen zu verweisen, macht ihr Vorgehen Sinn.
Natürlich kann ein solches Sachbuch nur einen Ausschnitt aus dem weiten Feld der Philosophiegeschichte liefern. Die Autorin gestaltet diesen sehr übersichtlich. Mit ihrer gut zugänglichen Ansprache nimmt sie auch nicht akademisch geprägte Leser:innen mit. Die Balance zwischen Wissensvermittlung und lockerer Erzählung ist sehr ausgewogen. Die Lektüre gewinnt dadurch einen hohen Unterhaltungswert.
Wissenschaftlich aufgewertet wird das Buch durch den umfangreichen Anhang, in dem sich sehr detaillierte Anmerkungen sowie eine nicht minder ausführliche Literaturliste befinden.
Fazit: Hervorragender Einstieg in den noch unbekannten weiblichen Teil der Philosophie
- Autorin: Kristin Gjesdal
- Titel: Rebellinnen der Philosophie. Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben
- Originaltitel: Opprørerne. Kvinner som endret filosofien
- Übersetzerin : Sarah Schmitt
- Verlag: Eichborn
- Erschienen: Juli 2025
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 336 Seiten
- ISBN: 978-3847902027

Wertung: 13/15 dpt







