Clara Leinemann – Gelbe Monster (Buch)

Irgendetwas ist vorgefallen, doch was genau, damit rückt Charlie nicht raus. Ihre Freundin Ella, bei der sie gerade untergekommen ist, fordert von ihr, dass sie an einem Antiagressionstraining teilnehmen soll. Charlie hat eine verwundete Hand und Blutergüsse im Gesicht. Damit hat Clara Leinemann in „Gelbe Monster“ schon auf den ersten Seiten die Erwartungen gesetzt: Was ist da Dramatisches passiert? Wieso sieht Ella die Schuld dafür bei Charlie? Charlie scheint dafür nicht die vertrauenswürdigste Protagonistin zu sein, denn anscheinend färbt sie sich die Vergangenheit schöner oder zumindest anders als sie ist und ertrinkt in Selbstmitleid. Das Einzige, das sie im Vorgespräch mit der Therapeutin zugibt, ist ihre übergroße Liebe zu Valentin – und dass sie verrückt sei, weil sie nicht aufhören könne, ihn zu lieben, obwohl er sie so schlimm behandelt habe.

„Hier ist die Telefonnummer. Wenn du da anrufst, möchten sie, dass du ganz klar sagst, warum du an dem Programm teilnehmen möchtest. Du musst einseitig sein, kriegst du das hin?“ Charlie hatte die Nummer angerufen und gesagt, sie sei gewalttätig gewesen, sie sei einsichtig, und Ella hatte wie ein Helicopterelternteil danebengestanden und genickt, und Charlie hatte sich weggedreht, um in Ruhe mit den Augen rollen zu können. „Ja genau“, sagte sie lustlos ins Telefon. „Ja, ich will mich ändern.“ S. 13

Schon gewagt, einen Roman darüber zu schreiben, wie eine Frau ihrem Freund gegenüber gewalttätig wird. Die Statistiken sprechen eine andere Sprache: Immer wieder werden schockierende Zahlen darüber veröffentlich, dass Männer in Beziehungen Gewalt ausüben, die bis zur Tötung der Frau führt. Clara Leinemann hat sich aber entschieden, die Geschichte einer emotional abhängigen Frau zu erzählen, die verbale und körperliche Gewalt gegen ihren Freund ausübt. Das ist durchaus geschickt: Zum einen werden in den offiziellen Statistiken durchaus auch Männer erfasst, die Opfer sind, zum anderen zwingt es die Lesenden, sich von „einfachen“ Vorstellungen des prügelnden und körperlich überlegenen aggressiven Manns zu lösen. Einfache Erklärungsmechanismen greifen nicht direkt.

Mit Charlie hat eine Protagonistin geschaffen, die alles andere als in sich ruht. Selbstkritisch im Übermaß beobachtet sie ihre Freundinnen und Freunde, die alle so hübsch und beliebt sind. Sich selbst findet sich hässlich, peinlich und bedürftig, wenn das Gedankenkarussell einsetzt, verletzt sie sich selbst – wie zur Bestrafung und zur Kontrolle über sich selbst. Das fällt schwer zu lesen, doch gleichzeitig steht es in einem großen Kontrast zu den Phasen, in denen Charlie sich scheinbar selbstbewusst Szenarien ausdenkt, die mit der Realität nicht mithalten können.

Sie würde ein paar Minuten mit Valentin haben, sie würden sich umarmen, sich küssen, er würde sich freuen und verwundert den Kopf schütteln, verwundert darüber, was für eine tolle Freundin sie war.S. 73

Ihr gutaussehender Freund Valentin, der seine Freundin mit ihr betrogen hat, ist wie ein Aushängeschild für sie: „Sie lief mit ihm herum wie mit einer brandneuen Handtasche. Sie fühlte sich wie ein schöner, wie ein besserer Mensch.“ Ihre Existenz scheint nur berechtigt zu sein, wenn andere – vor allem Männer – sie gut finden. Immer wieder betrachtet sie sich von außen, schätzt ein, wie sie sich verhalten müsste, um diese oder diese Reaktion ihrer Gegenüber zu erreichen. Sie spielt die verständnisvolle Freundin, die fröhliche Kumpelin – Beziehungen werden bei ihr oft zum manipulativen Schauspiel. Ohne einen Bezug oder Vergleich mit anderen hat sie kein Selbstwertgefühl. Die Aggressionen, zu denen die damit verbundene Frustration führt, kommen in kleinen Schritten, sind erst vergleichsweise harmloses Pitschen in den Arm, später dann nimmt die Gewalt zu und die Hemmschwelle sinkt.

Clara Leinemann findet dafür eine Sprache, die die schnellen Stimmungsumbrüche von Scham zu Wut zu Selbstbewusstsein, die gefährlichen Gedankengänge und die Verleugnung der eigenen Verantwortung direkt und ungefiltert vermittelt. Im Wechsel zwischen der Gegenwart, in der Charlie am Antiaggressionstraining teilnimmt, und der Vergangenheit, in der eine Beziehung mehr als aus dem Ruder läuft, setzt sich nach und nach ein Gesamtbild zusammen. Bis zum Ende bleibt das letzte Gewaltszenario nur angedeutet und nähert sich bedrohlich.

Fazit:

Eine gewalttätige Frau, ein Mann als Opfer – Clara Leinemann hat mit „Gelbe Monster“ die übliche Vorstellung von Gewalt in Beziehungen umgedreht und legt damit Verhaltensweisen bloß, die geschlechtsunspezifisch für verbale und körperliche Gewalt verantwortlich sind. Charlie, ihre Protagonistin, wird dabei weder entschuldigt noch aus der Verantwortung genommen, sie wird aber verständlich für die Lesenden. Eine gute und spannende Gratwanderung zwischen Mitleid mit und Entsetzen über die gewaltausübende Person.

Wertung: 13/15 dpt

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