Einhörner, Drachen, Meerjungfrauen … – bekannte Fabelwesen, die wir alle kennen. Was ist aber mit den anderen, eher unbekannteren Fabelwesen? Den Wesen aus (in Mitteleuropa) eher unbekannteren Mythologien und den Wesen, die irgendwie in Vergessenheit geraten sind?
Genau um diese geht es in Jenny Rubus „Fabelherz“.

Die Protagonistin Lexi wird von ihren Eltern in ein Camp für „schwer erziehbare“ Jugendliche nach Island geschickt. Als wenn das nicht reichen würde, verschwinden über Nacht plötzlich alle Menschen außer ihr und dem arroganten Gaming-Nerd Joro und stattdessen tauchen überall Fabelwesen auf. Gemeinsam mit Joro, der eigentlich nichts anderes im Kopf hat, als das PC-Game, das er gerade programmiert, muss sich Lexi jetzt auf die Suche nach dem Ursprung für dieses Chaos machen. Eine Reise quer durch Island beginnt und am Ende erfahren Lexi und Joro, dass man manchmal genau die Herausforderung erhält, die man gebraucht hat …
So weit meine eigene Zusammenfassung, in der ich ein paar Bestandteile des eigentlichen Klappentextes weggelassen habe. Die empfand ich nämlich als recht spoilernd, wodurch sich das erste Drittel des Buches für mich ein wenig gezogen hat. Das ist aber für mich auch nur ein geringfügiger Kritikpunkt, abgesehen von der für Young-Adult genretypischen Lovestory, die es für mich persönlich nicht gebraucht hätte, die ich aber dennoch schön geschrieben fand.
Besonders gut gefallen haben mir die einzelnen Fabelwesen, denen die Autorin immer einen sehr unerwarteten charakterlichen Twist mitgibt, wodurch sich letztendlich eine wunderbar chaotische Gruppe zusammenstellt. Ein Wesen spricht Dialekt (das war wirklich herzzerreißend süß!) und leidet bei Nervosität unter Flatulenzen, ein anderes ist militanter Vegetarier, eins hat eine Hundehaarallergie und das letzte ist furchtbar tollpatschig und stolpert immer über die eigenen acht Beine. Wie man daran erkennt, mangelt es dem Buch definitiv nicht an Humor und ich hab mich mehrmals selbst dabei erwischt, laut kichern zu müssen. Trotzdem fehlt es ihm aber nicht an Tiefgang.
Diese Tiefe gelingt vor allem durch die Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und die Themen, die die beiden Protagonist*innen mitbringen. Lexi und Joro sind beide nicht ohne Grund in diesem isländischen Camp gelandet. Im Buch bezeichnen sie sich selbst als „schwer erziehbar“. Abgesehen davon, dass der Terminus in der Pädagogik nicht mehr verwendet wird, weil er den Grund für Probleme beim Kind sucht, trifft dies auf beide auch nicht so ganz zu. Sie verhalten sich nicht delinquent, aber beide haben sich, auf Grund der Dinge die ihnen geschehen sind und die sie belasten, in ihre eigene Welt zurückgezogen und lassen niemanden mehr an sich heran. Ihre Eltern machen sich Sorgen und haben deswegen dieses Camp für sie ausgewählt. Plötzlich für ihr Überleben aufeinander angewiesen bleibt ihnen aber nichts anderes übrig als sich einander anzuvertrauen und zusammen zu arbeiten. Themen, die dabei immer wieder hochkommen sind Trauer, Trauma, körperliche Behinderung und chronische Erkrankung und der Umgang der Mitmenschen damit, Mobbing, Leistungs- und Erwartungsdruck und Suizidalität. Jenny Rufus beschreibt dies äußert sensibel und feinfühlig, das hat mir (besonders in einem Jugendbuch) besonders gut gefallen.
„Der Mensch neigt dazu, seine eigene Wahrheit aus allgemeingültig zu betrachten“, meint sie. „Das überträgt er auf alle anderen, in der irrigen Annahme, jeder müsste funktionieren wie er selbst. Sogar jene, die wir lieben.“
Dadurch, dass Lexi und Joro es letztendlich aber schaffen sich zu öffnen, geht es auch sehr viel um die Bedeutung von Freundschaft, das Umkehren von angeblichen Schwächen in Stärke und das Überwinden des eigenen Egos und eigenen Unsicherheiten. Found Family ist hier wohl das Trope, das am meisten zum tragen kommt, und mich auch sehr berühren konnte.
Atmosphäre erschafft die Autorin zum einen durch die Beschreibung der isländischen Landschaft und des nicht immer ganz so campingtauglichen Wetters, aber auch durch einen Aspekt, den ich vorher gar nicht erwartet hatte: die Gaming-Atmosphäre. Mehr möchte ich dazu gar nicht verraten, da ich hoffe, dass es euch dann ebenso positiv überrascht. Nur so viel sei gesagt: wer gerne zockt, hat an diesem Spiel mit Sicherheit auch Freude!
„Fabelherz“ ist für den diesjährigen SERAPH in der Kategorie „Bestes Jugendbuch“ nominiert und meiner Meinung nach hat es diesen auch definitiv verdient! Ein Jugendbuch (das ich auch schon ab 12 Jahren empfehlen würde), das sich feinfühlig mit verschiedenen Themen auseinandersetzt; Jugendsprache und -themen einsetzt, ohne sich den Lesenden anbiedern zu wollen; verschiedenen Fabelwesen eine Bühne bietet und mit tollem Humor aufwarten kann.
Aber auch für Erwachsene ist das Buch sehr gut lesbar, wenn man genretypische Merkmale beachtet.

Wertung: 12/15 dpt
- Autor: Jenny Rubus
- Titel: Fabelherz – Die Jagd nach dem Glatisant
- Verlag: Drachenmond
- Erschienen: 10/2025
- Einband: Hardcover
- Seiten: 426
- ISBN: 978-3-69130-046-8
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