Almut Schnerring & Sascha Verlan – Die Rosa-Hellblau-Falle – Für eine Kindheit ohne Rollenklischees (Buch)

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Almut Schnerring/Sascha Verlan - Die Rosa-Hellblau-Falle  Cover © Kunstmann VerlagIhre drei gemeinsamen Kinder haben das in Bonn lebende Autorenpaar sensibel werden lassen für die Geschlechtergerechtigkeit. Initialzündung war der Wunsch des Sohnes Kay, eines Morgens ein grünes Nickikleid plus Gummistiefel tragen zu dürfen und damit gen Kindergarten aufzubrechen. Denn die zu klein gewordenen Kleider seiner älteren Schwester Mika, die in Kleidern immer so schick aussieht, fand er selbst ebenfalls wunderschön, und so ließen sie den Jungen zumindest zu Hause walten, zumal es für das Ehepaar recht lustig anzusehen war. Auf einmal machte der Knirps allerdings ernst und wollte sein Kleid auch im Kindergarten tragen. Doch durften sie das als Eltern zulassen? Wie würden die Kinder, Erzieher und andere Eltern mit der Tatsache umgehen, dass ein Junge in Mädchenkleidung in den Kindergarten kommt?

Nun wurden sich die Eltern der Problematik erst so richtig bewusst, und so erinnerten sie sich auch an den ersten Kindergartentag Mikas, als zwei andere Mädchen fragten, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sei – schließlich habe sie ja Jungsschuhe an. Weiße Turnschuhe mit blauen Streifen. Und auch die Kleiderhaken und Schubladen kamen dem Ehepaar wieder in Erinnerung – typisch Jungs, typisch Mädchen. Jungs sind (hell)blau, Mädchen sind rosa. Dennoch haben sie den Versuch gewagt, und für die Kids war es überhaupt kein Problem: »Du wärst jetzt wohl mal die Mutter.« hieß es dort. Eine Ausnahmesituation?

Auf ihrer Reise durch die Entwicklung ihrer Kinder haben sie geschlechterspezifische Merkmale (Spielzeug, Bücher, Erzieherinnen und Erzieher, Eltern, Schule, Hobbys, Lebensmittel, Werbung, Fernsehen und Kino und Sprache), denen sie begegneten, kritisch und mit Hilfe von Sachverständigen betrachtet. Hierbei  haben Schnerring und Verlan sich persönlich in Kindertagesstätten umgesehen sowie mit Marketingstrateginnen, Pädagoginnen, Eltern oder etwa Genderforschern Gespräche geführt.

Es springt dem Beobachter – sofern dieser über einen wachen Blick verfügt – förmlich entgegen: Gerade im Spielwarenhandel finden sich die Geschlechterklischees erschreckend plakativ wieder: Hier rosa Plüsch, Kutschen, Bürsten und Feenstäbe für die Mädchen. Bunte Perlen, rosa Pferde, flauschige Einhörner und Puppen. Dort Autos, Plastikschwerter, Actionfiguren, Lego-Raumschiffe für die Jungs sowie allerlei dunkle Farben, hierbei reichlich Blau. Und an der Playmobil-Regalwand finden sich in den pinkfarbenen Kartons die Prinzessinnen, Feen, Pferde und Familien für die Mädchen, während die blau kartonierten Handwerker-, Wikinger-, Piraten- und Polizeisets den Jungs vorbehalten sind. Die Cars-Trinkflasche bekommt Jannis-Torben und die Hello Kitty-Trinkflasche ist für Lara-Denise. Das Prinzessinennotizbuch wird für die Tochter gekauft, das Totenkopfmäppchen für den Sohn. Springt der kleine Philipp durch den Spielwarenladen und zeigt seiner Mama eine Puppe, fragt ihn Mutti: »Was willst du denn damit? Du bist doch ein Junge!«, und Papa wundert sich, wenn sein Töchterchen völlig fasziniert vor den ferngesteuerten Autos stehen bleibt.

Für die Industrie und auch für den gesellschaftlichen Mainstream steht fest: Jungs sind die wilden Rabauken und die späteren Handwerker, während die Mädchen brav und ruhig sind und später die typisch „weiblichen“ Berufe wählen. Für Mädchen gibt es derzeit den Snack Pom-Bär „Only for Girls“ in der Geschmacksrichtung „Sweet Paprika“, verpackt in eine quietschpink leuchtende Tüte, und selbstverständlich wurde auch an die Jungs gedacht. Die „Only for Boys“-Edition leuchtet in kräftigem Blau, und dass Jungs natürlich das härtere, wildere Geschlecht vertreten, unterstreicht die Geschmacksrichtung „Wild Paprika“.

Doch auch in der Erwachsenenwelt findet man diese Klischees an allen Ecken und Enden. Da gibt es Brotaufstriche für ihn (herzhaft und scharf) und sie (mild und gerne auch fruchtig). Frauen schauen – laut Gesellschaftsstandarddenken – im Fernsehen Romanzen, Soaps und Boulevardmagazine, während die Männer Sport, Action und Dokumentationen einschalten. Männer schrauben, bohren, hämmern – Frauen kochen, putzen, basteln. Die Frau will Liebe, der Mann Sex. Man könnte es endlos weiterführen.

Verlan und Schnerring finden unzählige dieser tief in der „modernen“ Welt verankerten Geschlechterklischees und legen diese schonungslos offen. Sie demonstrieren anhand all der Beispiele: Glauben die Erwachsenen, das Geschlechterklischeedenken überwunden zu haben, so sind sie gnadenlos dem Einfluss der Allgemeinheit, zu vielen Teilen von der Industrie gelenkt, ausgesetzt. Und somit auch der an die Hand genommene Nachwuchs, der frühzeitig mit in die Rosa-Hellblau-Falle tappt.

„Die Rosa-Hellblau-Falle“ ist allerdings weit mehr als eine Klischeeschau, die aufzeigen soll,  in welcher Weise die Kinder von der Gesellschaft manipuliert werden, sondern auch, wie Eltern und Erzieher den Kindern bewusst machen können, dass sie auch andere Möglichkeiten haben als die geschlechterspezifischen. Auch wird die Frage gestellt, inwiefern Geschlechterunterschiede angeboren sein könnten oder nicht – die Autoren haben somit die Gefahr, ein allzu einseitiges Buch zu schreiben, geschickt gebannt.

Es wird nicht nur eine große Bandbreite der Themen zur geschlechterspezifischen Betrachtung abgedeckt, sondern auch aus der Perspektive jener Menschen erzählt, welche die ersten Erzieher im Leben eines Kindes sind – den Eltern. Das verleiht dem Buch den Eindruck von „mittendrin“, Fachtermini und allzu theoretisierte Pädagogik bleiben weitestgehend außen vor. Verlan und Schnerring offenbaren uns ihre Wünsche und Hoffnungen und zeigen, dass man gar nicht hilflos ist, wenn man einfach mal andere Blickwinkel und Umgangsformen in Betracht zieht.

„Die Rosa-Hellblau-Falle“ ist demnach im heutigen Fortrückschritt Gold wert.

Diese Rezension entstand gemeinsam mit Chris Popps Frau Stephanie Papenbrock.

Cover © Verlag Antje Kunstmann

Wertung: 14/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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