Domenico Müllensiefen – Manchmal muss man sich entscheiden (Roman)

Sandra hat allen Grund verbittert zu sein. Seit ihr Mann tot ist, gefallen in Afghanistan, befindet sich die junge Witwe in einer ständigen Abwärtsspirale. Ihre Ersparnisse sind aufgebraucht, nachdem sie spielsüchtig geworden ist. Ihre Tochter Mia lebt bei der Mutter des verstorbenen Mannes, nachdem sie das Sorgerecht verloren hat. Das Verhältnis zur der Schwiegermutter ist alles andere als herzlich, alle 14 Tage darf sie ihr Kind besuchen. Im Alltag bestimmen permanenter Zeitdruck, miese Entlohnung und prekäre Arbeitsbedingungen ihre Arbeit als LKW-Fahrerin. Aussicht auf irgendeine Verbesserung ist von keiner Seite nicht in Sicht.

Vor diesem Hintergrund schickt Domenico Müllensiefen Sandra zusammen mit ihrer Tochter Mia auf Tour. Das Mädchen hat ein paar Tage schulfrei und darf die Mutter begleiten, Sandra hofft durch das gemeinsame Erlebnis, das angeschlagene Verhältnis zur Tochter zu kitten. Schnell wird klar: Die Fahrt wird nicht so reibungslos, wie Sandra sich das gewünscht hat. Eine Panne führt zur nächsten, die Probleme mehren sich, die Lage eskaliert und es kommt zu einem schicksalshaften Moment, an dem es heißt „Manchmal muss man sich entscheiden.“

Mit Sandra präsentiert uns Müllensiefen eine Protagonistin, in der man kaum eine Sympathieträgerin sehen kann. Ihr Auftreten ist tough und unnahbar. Auf die Komplexität der Welt reagiert die permanent am Rande der Überforderung Agierende mit Trotz und Wut. Raum für Mitleid sozial Schwächeren gegenüber gönnt sie sich nicht. Lieber denkt sie „die Ausländer sind schuld“, als sich eine weitere Verantwortung aufzubürden. Doch obwohl Sandra keine positive Figur ist, entwickelt man schnell Verständnis für sie und ahnt, unter vergleichbaren Umständen eventuell gar nicht so anders wie sie zu reagieren.

Ach, wem machte sie da etwas vor? Sie hatte sich die letzten
zwei Wochen komplett verzockt (…) Durchhalten. Irgendwie.

Seite 17

Wie man es bei Müllensiefen gewohnt ist, sind die Protagonist:innen sehr authentisch dargestellt. Die Dialoge sind pointiert, die Charakterzeichnung ist komplex und meidet gängige Klischees. Im Verhältnis zwischen Mutter und Tochter kristallisiert sich der Kernkonflikt des Romans und sorgt für emotionale Momente.

Müllensiefen hat das Fernfahrermilieu mit gut recherchiertem Insiderwissen ausgestattet. Der Plot der Roadstory ist temporeich inszeniert, nur das Ende kam mir ein wenig zu plötzlich. Für meinen Geschmack hätte er die Handlung ruhig noch etwas mehr auserzählen dürfen.

Das gezeigte Setting spiegelt das Bild der aktuellen Gesellschaft, Probleme und daraus resultierende Differenzen inklusive. Müllensiefen vermeidet Schuldzuweisungen. Er zeigt Menschen im Angesicht ihrer verschiedenen existentiellen Probleme. Wenn Sandra ohne Empathie handelt, dann ist das kein Egoismus um eines billigen Vorteils willen, sondern weil sie keinen Ausweg sieht.

Ebenso wie Müllensiefen uns Lesende dazu bringt, Verständnis durch Einsicht zu entwickeln, fordert er auch seine Protagonistin heraus, ihr Weltbild zu öffnen. Denn – auch das macht er deutlich –  einen Ausweg aus der persönlichen Verantwortung gibt es für keinen von uns. Für jeden kommt der Punkt, an dem man sich entscheiden muss.

Müllensiefen hat bei mir die durch seine vorherigen Bücher geschürte hohe Erwartungshaltung erneut eingelöst. „Manchmal muß man sich entscheiden“ bildet Zeitgeschehen aus Sicht des „kleinen Mannes“ respektive der „kleinen Frau“ ab. Der Roman macht Gegensätzliches sichtbar, und zwingt uns dazu, diese Gegensätze auszuhalten. Mit dem offenen Ende lädt er dazu ein, sich eine versöhnliche Fortsetzung der weiteren Ereignisse vorzustellen. Die persönliche Entwicklung der Hauptfigur nährt diese Hoffnung.

Klare Leseempfehlung!

  • Autor: Domenico Müllensiefen
  • Titel: Manchmal muss man sich entscheiden
  • Verlag: Kanon Verlag Berlin
  • Erschienen: Februar 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 192 Seiten
  • ISBN: 978-3985682041

Wertung: 12/15 dpt

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