Azémars persönlichster Fall

Inspektor DieuswalweAzémar wird zu einem schaurigen Tatort gerufen, denn die Leiche eines Mädchens wurde frühmorgens aus einem Jeep auf einen Müllhaufen an einer Straße geworfen. Das Opfer ist Mikayida, die Tochter von Azémars Freundin Mirlène, so dass Azémar ganz besondere Rache schwört. Mikayida war gestern bei ihrer Freundin Sandra, um den Geburtstag von dessen Bruder Fredrik zu feiern. Drei Männer holten sie dort ab und verlegten die Feier, doch stattdessen wurden sie Opfer eines Ritualmordes. Kurz darauf erfährt Azémar von den Leichenfunden Sandras und Fredriks.
„Man konnte wissen, was im Land im Verborgenen vor sich ging, aber wenn man mit solchen Praktiken direkt konfrontiert war, dann war das eine Erschütterung, die einen zerstörten, einen so verrückt machen konnte, dass man am helllichten Tag mit einer Lampe auf der Straße herumlief und nach einem kleinen Rest an Menschlichkeit auf Erden suchte.“
Viele Zeugen gibt es nicht und nur wenige sind bereit, Azémar zu helfen. Zu groß ist die Angst vor einer Gang, die aus Grande Ravine stammt und versucht, in Azémars Viertel die Geschäfte zu übernehmen. Die Spur führt zu dem Martinistenorden und dem Todestag von Martines de Pasqually, dem schon in den Jahren zuvor junge Menschen aus der LGBT+-Szene geopfert wurden. Eine weitere junge Frau soll aktuell das vierte Opfer werden, um das Ritual zu vollenden. Azémar rennt die Zeit davon und bald sieht er sich einmal mehr einflussreichen Gegnern gegenüber.
Sechster Fall für Dieuswalwe mit zwei W
„Erschütterungen“ ist der sechste Fall für Inspektor Azémar, der einmal mehr auf sich allein gestellt ist. Wie sollte es auch anders sein in einem Land, in dem korrupte Politiker und schießwütige Banden das Land unter sich aufteilen. Die Polizei schaut weg, denn der damit einhergehende Zusatzverdienst wird dringend benötigt. Gary Victor, der in Deutschland eine stabile Fangemeinde haben dürfte, hat seinen neuen Roman erstmals auf Kreolisch geschrieben, der herausgebende Litradukt-Verlag erstmals ein Buch aus dem Kreolischen übersetzt. Beides eine großartige Leistung, denn der selten nüchterne Inspektor bereichert die Kriminalliteratur ungemein.
Fans der Serie wissen, was kleren und soro ist. Ersteres ein billiger Zuckerrohrschnaps, Letzteres eine aromatisierte Variante davon. Beides erfährt man auf den ersten drei Buchseiten und so wird auch für Neueinsteiger klar, dass hier ein recht eigenwilliger Held am Werke ist. Azémar ist einer der ganz wenigen Unbestechlichen auf Haiti, einer der Guten und damit der Feind von fast allen. Gerne würde man ihn tot sehen, doch Azémar ist nicht nur ein begnadeter Trinker, sondern zudem ein Meisterschütze. Hals oder Kopf werden zielsicher getroffen, wobei man die Anzahl der Toten in dem vorliegenden Werk kaum nachhalten kann. Selbstjustiz in einem durch und durch verkommenen Land muss man akzeptieren, mit Verweis auf Menschenrechte kommt man nicht weit.
„Die Demokratie hatte anscheinend Anarchie gebracht, Mittlerweile wurde außer den Gangstern niemand mehr respektiert.“
Victor, zuletzt erschien dessen Solo-Roman „An der Kreuzung der Parallelstraßen“, schreibt einmal mehr eine furiosen, temporeichen Plot und bringt auf nicht einmal hundert Seiten mehr Inhalt unter als manche Autoren auf fünfhundert Seiten. Victor schreibt pointiert, kommt schnell zur Sache und zeigt erneut, dass ihn mit seiner Heimat Haiti eine ganz besondere Hassliebe verbindet. Wäre keine Liebe, keine Hoffnung mehr vorhanden, er wäre wohl schon längst emigriert. Doch der Hass dominiert. Politiker sind gemeinhin alles Gesindel, eine der vornehmeren Formulierungen, die jugendlichen Gewalttäter sowieso. Kommen noch obskure Voodoo-Zauberer und schwarze Ritualmorde hinzu, ist der vergiftete Kern der haitianischen Gesellschaft nahezu komplettiert. Kein Wunder, dass Azémar mitunter schon morgens und regelmäßig bei der Arbeit seinen soro braucht.
„Gehen, um zu leben? Bleiben, um zu sterben? Beschrieben diese beiden Fragen nicht die Hölle Haitis?“
Vielleicht ist Gary Victor die Stimme Haitis, auf jeden Fall eine seiner sprachgewaltigsten. Hut ab!
- Autor: Gary Victor
- Titel: Erschütterungen
- Originaltitel: Sakad. Aus dem haitianischen Kreolisch von Peter Trier
- Verlag: Litradukt
- Umfang: 94 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: März 2026
- ISBN: 978-3-940425-53-8
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Wertung: 13/15 dpt







