Natalie Chandler – Voices – Ich kann euch hören (Buch)

Gefangen im schlimmsten Alptraum

Vor rund drei Jahren änderte sich das Leben der Psychiaterin Tamsin Shaw auf brutalste Weise. Nach einem Autounfall leidet sie unter dem sogenannten SRW, dem Syndrom reaktionsloser Wachheit. Man kann es sich wie ein Wachkoma vorstellen, allerdings mit verbundenen Augen. Sie liegt in einer Spezialklinik und nimmt ihre Umwelt lediglich über ihr Gehör beziehungsweise Gehirn war, denn außer Ohren und Gedächtnis funktionieren nur noch die lebensnotwendigen Vitalfunktionen. Sie hat keine Möglichkeit mit ihrer Umgebung zu kommunizieren, kann sich in keiner Weise bewegen, so dass die Personen in ihrer Nähe nicht wissen, ob sie das Gesagte versteht oder nicht.

„Das Gehirn verfügt über eine Macht und eine Autonomie wie kein anderes Organ. Es arbeitet in einem anderen Rhythmus als der Blutkreislauf oder das Lymphsystem, und deshalb befinde ich mich auch in diesem Zustand der Amnesie. Mein Gehirn sieht die Ereignisse, die zu dem Autounfall geführt haben, als Bedrohung für mich an. Es ist zu dem Schluss gekommen, dass ich mich nicht damit auseinandersetzen darf.“

Bald jährt sich ihr vierzigster Geburtstag und damit zum dritten Mal jener Tag, an dem das Unvorstellbare geschah. Und, nicht zu vergessen, der Geburtstag ihrer Tochter Elise, die wie ein Wunder am Unfalltag zur Welt kam. Doch jetzt sieht sich ihr Mann Jamie zu einer Entscheidung gezwungen, denn eine Besserung scheint unmöglich. Nach drei Jahren erlauben die Richtlinien den Angehörigen zu entscheiden, ob die Behandlung eingestellt und somit die Geräte abgeschaltet werden sollen. Eine unmenschliche Entscheidung, aber dann wäre Jamie endgültig frei für seine neue Liebe namens Lucia, die beste Freundin von Tamsin.

Ebenso packender wie außergewöhnlicher Plot

„Voices“ ist ein außergewöhnlicher Thriller, denn die Protagonistin kann in der Gegenwart nichts machen außer zu verstehen, was ihr ihre Besucher erzählen, dies gedanklich zu verarbeiten und vor allem versuchen, sich an damals zu erinnern. Denn der Unfall ist die entscheidende Blockade, deren Überwindung sie womöglich aus ihrer Lage befreien könnte. Doch will man wirklich immer die Wahrheit wissen?

Erzählt wird die Handlung aus drei Perspektiven. Da liegt Tamsin in der Klinik in ihrem Bett und hört ihren Besuchern zu, deren Erzählungen zu einem gedanklichen Chaos führen. So erfährt sie beispielsweise, dass Jamie und Lucia zusammenleben und schon vor dem Unfall eine Beziehung hatten. Sie erinnert sich an ihren letzten Klienten Richard Mandeville, einen Adeligen, der acht von sechzehn Jahren wegen brutalen Sexualdelikten abgesessen hat und auf ein Wiederaufnahmeverfahren hofft. Sie sollte seine Chancen auf einen Neuanfang in der Gesellschaft als Psychiaterin beurteilen, während für ihren Chef Dan Attwood von Beginn an klar war, dass Mandeville keineswegs unschuldig saß. Parallel zu den Krankenbesuchen von Jamie und Dan sowie den Gesprächen mit den Pflegeschwestern Milena und Hannah, werden die Geschehnisse außerhalb der Klinik damals wie heute gezeigt.

Wie konnte die Freundschaft von Tamsin und Jamie mit Lucia und deren Mann Ben derart außer Kontrolle geraten? Im Fall von Ben waren es Drogen, die zum Untergang beitrugen, aber auch Jamie und Lucia haben ihre dunklen Geheimnisse. Und Tamsin? Die ist keineswegs so unschuldig wie man voller Mitleid angesichts ihrer aktuellen Lage vermuten würde. Was hier nach und nach erkennbar wird, muss man selber lesen. Es ist eine immer schneller werdende Achterbahnfahrt mit zahlreichen Wendungen. Wie die Geschehnisse von damals ineinandergreifen und welche Auswirkungen sie in der Gegenwart haben, ist großes Kino! Sicher, die Geschichte ist konstruiert wie es nur geht, aber so etwas soll in Romanen ja vorkommen und tatsächlich könnte es sich so zugetragen haben. Nicht zuletzt aufgrund der hilflosen Protagonistin ist „Voices“ eine klare Empfehlung. Keine große Action, aber ein fulminanter Plot, der einen von Beginn an packt. Und auch wenn es fünf Euro ins Phrasenschwein kostet, „Voices“ ist ein Pageturner im positiven Sinn mit Spannung bis zur letzten Seite.

  • Autorin: Natalie Chandler
  • Titel: Voices – Ich kann euch hören
  • Originaltitel: The Voices. Aus dem Englischen von Alice Jakubeit
  • Verlag: Knaur
  • Umfang: 352 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: März 2026
  • ISBN: 978-3-426-56932-0
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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