Zwischen Traum und Albtraum – Lisanne Surborg zu Gast bei „Autorinnen im Porträt“

Vier Jahre „Autorinnen im Porträt“. Vier Jahre Gespräche über Literatur, über leise Zwischentöne und laute Visionen, über das Schreiben als Handwerk und als Wagnis. Im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2026 haben wir uns daher wieder etwas Besonderes einfallen lassen und sprachen mit einer Autorin, die für Fantasie mit Tiefgang, für Dunkelheit mit Bedeutung und die für Figuren steht, deren Namen mehr erzählen, als man auf den ersten Blick ahnt.

(c) Hobbit Presse / Klett Cotta

Lisanne Surborg war bei uns zu Gast und sprach über ihren Roman Nachtlügen, der 2025 bei Klett-Cotta erschien und 2026 für den Seraph Award nominiert ist, der auf der Leipziger Buchmesse verliehen wird. Ein Titel, der bereits andeutet, worum es geht: um Wahrheiten, die sich in Träumen tarnen und um Wirklichkeiten, die sich verschieben.

Als Lisanne mit uns über die ersten Funken von Nachtlügen redet, landet sie nicht bei einem Notizbuch oder einer Plotidee, sondern bei einem Bild und einem Schulmoment. Bei diesem einen Gemälde, das sich festsetzt und nicht mehr verschwindet: „Der Nachtmahr“ von Johann Heinrich Füssli.

Das Bild zeigt eine Frau, hingestreckt im Schlaf, ihr Körper schwer und preisgegeben. Auf ihrer Brust hockt ein dämonisches zwielichtiges Wesen – ein Alb oder eben auch Nachtmahr. Im Hintergrund starrt ein Pferdekopf mit aufgerissenen Augen aus dem Dunkel. Es ist eine Szene zwischen Traum und Übergriff, zwischen Ohnmacht und unheimlicher Präsenz.

Für Surborg war dieses Bild schon in der Schulzeit mehr als Kunstgeschichte. Es war eine Ahnung, sowie eine frühe Begegnung mit dem Motiv des Albs; jenem Wesen aus der europäischen Sagenwelt, das sich im Schlaf auf die Brust der Menschen setzt, ihnen die Luft nimmt, ihre Träume verformt oder raubt. In Surborgs Roman sind die Albe keine staubigen Mythen. Sie leben mitten unter uns. Sie bewegen sich menschengleich durch Städte und nachts durch die Schlafzimmer der jenigen, die sie um ihre Träume bringen. Figuren, wie Protagonistin Isra, tragen dieses Erbe in sich: die Fähigkeit in die Träume anderer einzudringen, Träume zu stehlen und sie in Albträume zu verwandeln.

Fantasy ist nicht immer Eskapismus

Im Gespräch über Nachtlügen wurde schnell klar: Fantasy ist für Surborg kein bloßes Ausweichen in andere Welten. Gerade das Subgenre Urban Fantasy, in dem auch Nachtlügen verortet ist, lebt davon, dass das Übernatürliche mitten in unsere vertraute Realität einbricht.

Urban Fantasy stellt so keine Flucht dar, sondern erschließt sich für uns eher als eine Erweiterung der Realität. Sie macht sichtbar, was wir im Alltag übersehen: Machtstrukturen, innere Konflikte, Identitätsfragen. Lisanne Surborg beschreibt eindrücklich, wie das Fantastische ihr erlaubt, gesellschaftliche und persönliche Themen in einer Weise zu verhandeln, die realistischer kaum sein kann.

Hört hier unsere aktuelle Folge von Autorinnen im Porträt mit der Autorin Lisanne Surborg

Von der Idee zum Roman: Wenn eine Geschichte entsteht

Besonders spannend war der Einblick in die Entstehung von Nachtlügen. Kein plötzlicher Geistesblitz, sondern ein organischer Prozess, bei dem es dann auch passiert, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln und die Autorin wissen lassen, wie sie ihren Kaffee am liebsten trinken. Begonnen hat Surborg mit einem Exposé, in welchem sie die Geschichte zusammenfasst und das dann ihr Leitfaden wurde, um die einzelnen Kapitel mit Leben zu füllen. So erschuf Sie die Welt rund um die Protagonistin Isra, die sich Schicht um Schicht aufbaut und die sie innerhalb von zwei Jahren mit viel Disziplin und Leidenschaft zum Leben erweckte.

Was uns beeindruckt hat, waren die Sorgfalt, die Geduld und ihre Bereitschaft, sich von der eigenen Geschichte überraschen zu lassen. Lisanne Surborg sprach offen darüber, wie lange bestimmte Motive gereift sind und wie wichtig es war, nicht jede Idee sofort festzuzurren, sondern auch ganze Abschnitte und Figuren zu ändern oder gar zu streichen.

Mehr als nur ein Name

Einen besonderen Moment der Folge machte für uns auch das Gespräch über die Bedeutung der Namen, etwa Isra und Orphea, aus.

Namen sind bei Lisanne Surborg nicht selten zufällig. Sie tragen Klang, Herkunft, Symbolik. Sie sind Identität und Verheißung zugleich. Lisanne erzählt, wie viel Recherche bei ihr in diese Entscheidungen fließt und geht auf die Hintergründe ein, ihre Figuren mit Namen, wie Isra, Orphea oder Marek zu versehen. So öffnet die Autorin Interpretationsräume und verleiht ihren Figuren Tiefe, die weit über das Offensichtliche hinausgeht.

Solche Details machen deutlich, wie sorgfältig die Autorin ihre literarische Welt baut und wie viel bei ihrem Werk auch zwischen den Zeilen zu finden ist.

Vier Jahre Podcast – und ein Geschenk

Dass Sarah und ich diese Folge ausgerechnet zu unserem vierten Geburtstag aufnahmen fühlt sich richtig an. Vier Jahre bedeuten viele inspirierende literarische Begegnungen mit spannenden Autorinnen und eine stetig wachsende Community von Menschen, die uns auf unserem Weg begleitet. Dafür bedanken wir uns herzlich bei euch!

Mit freundlicher Unterstützung von Klett Cotta verlosen wir ein Exemplar von Nachtlügen – schaut für die Teilnahme auf unserem Instagram Kanal vorbei! Taucht ein in diese Welt der (Alb-) Träume und ihr werdet sehen wie geschwind sich diese 460 Seiten weglesen.

Auf die nächsten Jahre und auf viele weitere Autorinnen, die uns zeigen, wie viel Kraft und Esprit in einer guten Geschichte stecken kann.

Liebe Buchmesse-Grüße sendet euch

Eure Mariann

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