Hjorth & Thorsson – Schlafende Vulkane (Buch)

Temporeicher Island-Thriller

In einem Pferdestall in Hafnarfjördur wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Sie wurde misshandelt und ermordet. Helga Jonsdottir ist erst vor vier Monaten aus Stockholm nach Reykjavik gezogen, wo sie als Junior-Ermittlerin im Dezernat für Gewaltverbrechen arbeitet. Da andere Ermittler gerade nicht verfügbar sind, soll sie den Fall übernehmen und erfährt kurz darauf, dass die Tote Gudny heißt und einen zehnjährigen Sohn namens Kristofer hat. Bei Gudnys Haus stellt Helga Spuren fest, die darauf hinweisen, dass der Junge in eine Auseinandersetzung geriet und in Richtung der etwas entfernten Lavafelder fliehen konnte. Offenbar hatte er zuvor den Täter überrascht, bevor dieser seine Mutter zu dem Stall verschleppte.

Helga kennt sich noch nicht gut aus und bittet Bjarki Gudmundsson, von allen wegen seiner gewaltigen Statur nur Grettir genannt, um Hilfe. Der Verkehrspolizist ist bekannt dafür, dass er vermisste Personen findet, allerdings auch für seine Disziplinlosigkeit. Die Zeit drängt, denn lange kann der Junge, der sich in einer Höhle versteckt, nicht überleben. Währenddessen hat der Mörder bereits ein neues Opfer ausgewählt.

Auftakt für Helga und Bjarki

Das schwedische Krimi-Schwergewicht Michael Hjorth schrieb mit Hans Rosenfeldt die Sebastian-Bergman-Reihe, die über sieben Millionen Mal verkauft wurde. Mit dem isländischen Schriftsteller Bjarni Thorsson startet eine in Island spielende Krimireihe um das eigenwillige Ermittlerduo Helga und Bjarki, deren zweiter Fall „Stumme Fjorde“ im November dieses Jahres erscheinen soll. „Schlafende Vulkane“ schaffte es in die Krimibestenliste Juni 2026, was insoweit ein wenig überrascht, da dort eher weniger verkaufsträchtige Titel landen.

Hjorth & Thorsson bieten in dem tempo- und actionreichen Werk alles, was der Skandinavien-Krimifan erwartet, sofern man eine Vorliebe für die härtere Gangart hat. Der Täter, ein frauenverachtender Soziopath, misshandelt seine Opfer nicht nur, sondern stellt seine brutalen Taten zudem ins Darknet, wo ein ebenso gestörtes Publikum für die Videos zahlt. Helga und Bjarki sind ihm auf der Spur, allerdings unterlaufen beiden Fehler, die ihn davonkommen lassen.

„Wieso sollte es ihm Angst machen, wenn ein Mensch in Schweden aufgewachsen ist?“

„Weil es ihn an etwas erinnert, was er nicht versteht. Gleichberechtigung. Das Selbstvertrauen der Frauen. Eine Kultur, in der eine Frau sich nicht für ihre Existenz entschuldigt.“

„Sind die Menschen auf Island nicht auch ziemlich gleichberechtigt?“

„Wenn du ein Mann bist, dann schon.“

Bei Helga ist dies damit zu erklären, dass es ihr erster Mordfall ist und dann noch gleich ein Serienmörder. Wohlgemerkt in Island, wo die Polizei üblicherweise nicht bewaffnet ist, da es kaum zu schweren Gewaltverbrechen kommt, wenngleich zahlreiche Kriminalromane einen anderen Eindruck erwecken. Helga ist sich teils unsicher, was nicht zuletzt an einem Kollegen liegt, der der „Schwedin“ ihren Job und den möglichen Erfolg neidet. Zudem hat sie Stress mit ihrem Ex-Partner, der für die gemeinsame Tochter das alleinige Sorgerecht beantragen möchte, da die Mutter seiner Meinung nach Privatleben und Polizeijob nicht unter einen Hut bekommt; was aufgrund des besonderen Falls aktuell zutrifft. 

Bjarki gibt den kauzigen Typ, für den es zwei Arten von Menschen gibt: Indoor und Outdoor. Er gehört zur zweiten Gruppe, ist wortkarg und bewegt sich oft außerhalb der Vorschriften, die ihm, ebenso wie Vorgesetzte, ein Gräuel sind. Er ist ein Mann der Tat, nicht der Paragraphen oder Budgetvorgaben. Wenngleich Helga und Bjarki recht unterschiedlich sind, finden sie bald zueinander, was dazu führt, dass es auch Helga mit den Vorschriften nicht mehr so genau nimmt. Das rettet Menschenleben, bringt sie selber aber in große Gefahr.

Bjarki erinnerte sich wieder, warum er sich als Ermittler nie wohlgefühlt hatte. Berichte und Meetings und vor allem diese sinnlose Hierarchie. Immer gab es irgendeinen, der hinter einem Schreibtisch saß und behauptete, es besser zu wissen.

Viele kurze, knackige Kapitel sorgen für hohes Lesetempo. Mitraten, wer der Mörder sein mag, kann man nicht, aber der Roman entfaltet dennoch eine kräftige Sogwirkung. Die Polizeiarbeit wird intensiv dargestellt, die beeindruckende Landschaft und Natur tragen ebenfalls zum Lesespaß bei. Als Kritikpunkt könnte man anmerken, dass die privaten Themen ein wenig zu viel Platz einnehmen, wobei das Leser von skandinavischen Krimis ja wiederum schätzen. Es ist wie so oft Geschmacksache. Nach 287 Seiten ist die Identität des Mörders geklärt, bis zum Buchende folgen weitere stolze hundertsiebzig Seiten. Auch hier hätte man „das Finale“ deutlich abkürzen können, zumal man dies in ähnlicher Form schon x-fach gelesen hat. Alles in allem ist „Schlafende Vulkane“ ein gelungener Serienstart, der Vorfreude auf die Fortsetzung auslöst.

  • Autoren: MichaelHjorth, Bjarni Thorsson
  • Titel: Schlafende Vulkane
  • Originaltitel: Våldets ö. Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
  • Verlag: Rowohlt
  • Umfang: 480 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Mai 2026
  • ISBN: 978-3-8052-0131-5
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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