
Kerstin Specht ist eine überaus renomierte Bühnenautorin, die für ihre Theater- und Filmprojekte mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt wurde. Nun hat die 70-jährige Autorin mit „Mittelberge“ ihren ersten Roman veröffentlicht.
Auf den ersten Blick ist „Mittelberge“ ein klassischer Dorfroman, beginnend in den 1930-er Jahren. Handlungsort ist ein Dorf in Ostfranken. Im Mittelpunkt steht Sophie, das einzige Kind einer Kleinbauernfamilie. Das Leben ist hart und entbehrungsreich. Von den modernen Errungenschaften des frühen 20. Jahrhunderts ist man an diesem Ort gefühlt Lichtjahre entfernt. Man lebt hier so, wie man immer lebte. Leben ist Arbeit und nochmals Arbeit. Tradition ist Überlebenstrategie. Haus und Land sind weit mehr als nur ein Besitz. Sie sind die alleinige Lebensgrundlage.
Specht romantisiert nichts. Zwischen seltenen Momenten zarter Schönheit und kleinen liebevollen Gesten dominieren durchweg harte Bedingungen Sophies Kindheit und Jugend. Die Enttäuschungen, die die Protagonistin erfährt, werden klaglos angenommen wie vorgegebene Gesetzmäßigkeiten. Wir folgen einer Kindheit, die keinen Raum zur Auflehnung bietet, in der Anpassung und Schicksalsergebenheit überlebenswichtig sind.
Hervorzuheben ist die dichte, poetische Sprache, mit der die Autorin unter die Oberfläche des Gezeigten dringt. Specht schreibt schnörkellos, direkt und immer auf den Punkt. Die aufs Wesentliche konzentrierte Prosa unterbricht die Autorin durch einige lyrische Passagen. Die Kapitel sind kurz und kompakt, jedes einzelne wie eine in sich geschlossene Erzählung. Diese kompromisslose Fokussierung erzeugt einen kraftvollen Sog, der von Beginn an mitreißt.
Specht vermittelt nicht nur die Geschehnisse in kargen, naturalistischen Bildern, sondern auch deren Auswirkungen auf die Menschen. Emotionalität findet in den unausgesprochenen Zwischenräumen statt. Die spröde Mentalität der menschen wird nachvollziehbar. Dabei kommen die Leser:innen auch der zentralen Figur Sophie sehr nah, deren Lebensgeschichte ausgehend von ihrer frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter nachgezeichnet wird. Einzelnen Figuren schenkt die Autorin dabei besondere Aufmerksamkeit. Dort, wo das Mädchen Sophie liebevolle Aufmerksamkeit erfährt, porträtiert Specht mit feiner Feder kaum sichtbare Zärtlichkeiten.
Auch die historischen Hintergründe fließen in die Handlung ein und bilden den jeweiligen Rahmen für Sophies Lebensgeschichte: Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, Kriegsende und Neuordnung der Gesellschaft sowie das Wirtschaftswachtum mit seinen Versprechungen und den unumkehrbaren Folgen für die traditionellen Strukturen. Sophie ist für uns dabei stets der Spiegel, der all diese Entwicklungen fühlbar macht. Ungerechtigkeit und Willkür im Klassenzimmer durch den Lehrer mit diktatorischen Allüren, die grausame Kinderlandverschickung während des Krieges, der Schmerz der Dorfbevölkerung über den Verlust der im Krieg gefallenen Söhne, das Verlassen des Elternhauses für eine Niedriglohnanstellung ohne Perspektive, die Akkord-Arbeit in einer Fabrik, um dem Wirtschaftswunder wenigstens einen Hungerpfennig abzutrotzen, nachdem die Landwirtschaft den Existenzerhalt nicht mehr trägt.
Ich hätte mir für Sophie eine bessere Wendung der Dinge gewünscht, einen echten Aufbruch, eine stärkere Emanzipation, einen Funken mehr Erfolgsgeschichte. Doch auch das gehört wohl dazu: Dass genau das ausbleibt. Dieses Auf-der-Strecke-bleiben. So ist „Mittelberge“ nicht nur ein Dorfroman sondern auch ein Porträt der „kleinen Leute“, ein Gesellschaftsroman, der die Seele „einfacher Menschen“ erklärt.
„Mittelberge“ ist ein kompositorisches Meisterstück, bei dem jedes Wort an der richtigen Stelle sitzt. Ein sprachlicher Hochgenuss und die berührende Dokumentation eines Lebens, das im Allgemeinen – weil es „nichts Besonderes“ zu sein scheint – nur selten gesehen wird.
- Autorin: Kerstin Specht
- Titel: Mittelberge
- Verlag: STROUX edition
- Erschienen: Mai 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 244 Seiten
- ISBN: 978-3948065508

Wertung: 14/15 dpt







