
Im Kanon klassischer Kunst ist man daran gewohnt: Frauen finden so gut wie gar nicht statt. Das Patriarchat hat ganze Arbeit geleistet, um weibliche Karrieren zu verhindern oder im Nachhinein unsichtbar zu machen. Was in der Malerei und in der Literatur gilt, ist in der Musik nicht anders. Kein Wunder, dass der Name Mélanie Bonis darum bisher nur wenigen Insidern bekannt ist. Mit ihrer Romanbiografie „Die Komponistin“ (erschienen im Wagenbach Verlag) setzt Alissa Wenz, selbst Musikerin, der großen französischen Komponistin ein verdientes Denkmal.
Wenz inszeniert die Geschichte der außergewöhnlichen Frau in kurzen, atemlos anmutenden Kapiteln. Sie wählt dafür eine ungewöhnliche Perspektive: Die Erzählstimme wendet sich an die Hauptfigur in Form eines ständigen inneren Monologs und mit jedem „du“ adressiert sie indirekt auch uns, die Lesenden. So entsteht von Beginn an ein enormer Sog und eine große Nähe zur Protagonistin, deren sinnliche Wahrnehmungen den Lesenden unmittelbar mitgeteilt werden.
Das Klavier ist da, unverrückbar. Ein Möbelstück. Niemand
hat es je angerührt.
(…)
Du willst lernen.
Vielleicht spürst du ja, dass sich genau da, unter diesem
Holzdeckel, die einzig mögliche Antwort auf die ursprüngliche Stille, die große
Stille des Todes verbirgt.
Du bleibst hartnäckig. Klappst den Deckel wieder auf, sobald
die Mutter nicht da ist. Du spielst. Spürst den Noten nach, den Klängen. Deine
Finger platzieren sich irgendwo, das Ergebnis klingt schief, doch du bist
geduldig. Du hörst hin, versuchst die Töne einzufangen, willst lernen.
Eines Tages verstehst du es dann. Ganz allein findest du es
heraus.
(…)
Du bist sieben Jahre alt. Ganz allein hast du das entdeckt,
und du bist glücklich.
Es kommt dir vor, als hättest du dir gerade eine Welt
erdacht.
Seite 12-13
Obwohl Wenz‘ Darstellung auf Fiktion beruht, bewegt sich die Autorin präzise entlang der bekannten biografischen Daten:
Mélanie Bonis (1858 – 1937) wächst Mitte des 19. Jahrhunderts in einfachen bürgerlichen Verhältnissen auf. Kein Umfeld, in dem einem Mädchen eine höhere Bildung oder gar eine künstlerische Karriere zugestanden wird. Die Eltern wünschen sich für Mélanie eine gute Partie, zu dieser Zeit der einzige Weg für Frauen, zu sozialem Aufstieg und Absicherung zu gelangen.
Doch ihre außergewöhnliche musikalische Begabung führt Mélanie zu einem Vorspielen ans Pariser Konservatorium. Prompt erhält sie ein Stipendium, wird Kommilitonin von Claude Debussy und Eric Satie und brilliert durch erste Kompositionen.
Als sie ihren Mitstudenten, den Sänger Amédée-Louis Hettich, heiraten will, erlebt ihre gerade beginnende Karriere ein abruptes Ende. Die Eltern widersetzen sich der unstandesgemäß empfundenen Heirat und erzwingen die Trennung. Mélanie verlässt das Konservatorium und ehelicht wenig später den sehr wohlhabenden, 22 Jahre älteren Albert Domange.
Es dauert Jahre bis Mélanie ihre künstlerische Laufbahn wieder aufnimmt. Unter dem Psyeudonym Mel Bonis veröffentlicht sie sehr erfolgreich ihre Kompositionen und wird in der Szene anfangs für einen Mann gehalten. Amédée-Louis Hettich, mit dem sie erneut eine Liebesbeziehung eingeht, wird ihr künstlerischer Partner und eine intensive und sehr fruchtbare musikalische Zusammenarbeit beginnt.
Dort wo die Faktenlage Leerstellen aufweist, interpretiert Wenz die historische Figur Mélanie Bonis‘ authentisch im Kontext ihrer familiären und gesellschaftlichen Situation. Die strukturelle Benachteiligung der Künstlerin gegenüber ihren männlichen Kollegen wird dabei präzise dargestellt. Den Zwängen ihrer Zeit stellt Wenz die ungebrochene künstlerische Leidenschaft und starke Willenskraft der Komponistin gegenüber. Melanie wird als Persönlichkeit porträtiert, die sich in vielerlei Hinsicht ihre Freiräume erkämpft.
„Die Komponistin“ ist ein mitreißend geschriebener Roman, der große Lust macht, die Musik der fast unbekannten Künstlerin zu entdecken. Vieles ist auf Youtube gut zugänglich und hat mich während der Lektüre begleitet. Darüber hinaus macht der Roman mehr als eine Biografie sichtbar. Die Kunst selbst steht im Mittelpunkt. Sie wird zum Synonym individueller Freiheit. Sie ist gleichermaßen Ausdruck und Weg persönlicher – hier weiblicher – Selbstermächtigung.
Übersetzerin Alexandra Baisch hat den Roman von Alissa Wenz ebenso einfühlsam wie kraftvoll ins Deutsche übertragen.
Große Empfehlung!
- Autorin: Alissa Wenz
- Titel: Die Komponistin
- Originaltitel: Le Désir dans la cage
- Übersetzerin: Alexandra Baisch
- Verlag: Verlag Klaus Wagenbach GmbH
- Erschienen: 20. August 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 240 Seiten
- ISBN: 978-3803133908

Wertung: 14/15 dpt







