Was geschah auf dem Forschungsschiff?

Iona Tauber arbeitet in einer Forschungsstation auf Grönland als Glaziologin, wo sie eine sensationelle Entdeckung macht. Nach einer kurzen Feier verschwindet sie plötzlich, verlässt offenbar trotz eines Whiteouts die Station und wird in letzter Minute von ihren Kollegen im Eis gefunden. Um sicher zu gehen, soll sie in ihrer Heimatstadt Kiel geröntgt werden und begibt sich daher an Bord des US-Forschungsschiffes RV Anthropocene, auf welchem ihr Mann Torsten als Erster Offizier arbeitet. Doch etliche Seemeilen vor Helgoland verschwindet Iona und eine Durchsuchung des Schiffs bleibt erfolglos.
Iona war Glaziologin, Klimahistorikerin. Das Eis lesen, das Wasser analysieren, die Anteile der im Eis gefangenen Gase messen, darin war sie gut. In ihrem Fachgebiet dreht sich alles um Klimaschwankungen, Treibhausgase, Erwärmung, Abkühlung. Und Sie können mir glauben, wenn Iona einen Vortrag hielt – ich habe mal einen gehört, in Kanada –, dann ging man nicht mit einem guten Gefühl nach Hause.
Xander Rimbach von der Bundespolizei See übernimmt die Befragung der Schiffsbesatzung und erfährt, dass Iona ihre Kabine kaum verlassen hatte. Zudem lässt sich nicht verbergen, dass die Stimmung an Bord stark gereizt ist, nicht nur zwischen Torsten und Kapitän Gardiner. Vor allem aber gibt Xander zu denken, dass der von der RV Anthropocene abgesetzte Notruf mit erheblicher Verspätung erfolgte. Gemeinsam mit seinem Chef Liewe Cupido versucht Xander den verzwickten Fall zu lösen, denn nicht alle reden offen mit ihnen. Doch selbst Liewe verhält sich nicht immer kollegial zu seinem Zögling, was zu weiteren Spannungen führt. Da Kapitän Gardiner auf eine Weiterfahrt drängt, wird die Zeit für Xander und Liewe knapp.
Vierter Fall für „den Holländer“ Liewe Cupido
Nach „Der Holländer“, „Der Taucher“ und „Der Retter“ ist der vorliegende Roman „Die Lotsin“ bereits der vierte Fall für den eigenwilligen Liewe Cupido, der es den Menschen in seiner Umgebung selten leicht macht. Dies hat Ursachen in seiner eigenen Familiengeschichte, die gleichzeitig den „roten Faden“ der Serie bildet. Vor Jahrzehnten starb Liewes Vater Jan unter dramatischen Umständen, die bis heute nicht in Gänze aufgeklärt sind. Sie führten aber dazu, dass es zum endgültigen Bruch mit seiner Schwester Paula kam. Umfassende Einblicke in Liewes düstere Vergangenheit bieten neue Erkenntnisse, insbesondere zum Verhältnis zu seiner Schwester.
Der Krimiplot selbst ist sehr ruhig angelegt, besticht durch seine Atmosphäre und die Erzählkraft des Autors, der es mit „dem Holländer“ unter anderem wiederholt in die Krimibestenliste geschafft hat. Liewe ist ein eigenwilliger, mürrischer Kauz, der dem klassischen Typ des Einzelkämpfers voll entspricht. Immerhin gibt er sich mit Xander Mühe; zumindest meistens. Zudem wird das Leben und Arbeiten an Bord der RV Anthropocene umfangreich dargestellt, ebenso wie das Schiff selbst. Nicht alles wird man als „Landratte“ verstehen, gleichwohl beeindruckt die Detailverliebtheit der Beschreibungen.
War es nun ein Unfall oder hat jemand nachgeholfen in jenem Moment, in dem Iona von Bord fiel und ins Meer stürzte? Oder war es gar ein Suizid der Klimahistorikerin, der durch ihre Arbeit deutlich bewusst war, in welche Katastrophe die Menschen durch den Klimawandel hineingeraten werden? Für die Zukunft ihrer Tochter, die sie aus eben jenem Grund eigentlich nie haben wollte, sieht sie mehr als schwarz. Einige Passagiere und Besatzungsmitglieder sorgen dafür, dass es an Verdächtigen für ein mögliches Kapitalverbrechen nicht mangelt. Beschaulich und mühsam geht es für die beiden Ermittler voran, langweilig wird es dabei an keiner Stelle. Wer anspruchsvolle Krimis mag und zudem ein Faible für die Schifffahrt oder das Meer hat, ist bei Mathijs Deen genau richtig. Zwei Karten auf der Innenseite des Schutzumschlags erleichtern einmal mehr die geografische Orientierung.
Autor: Mathijs Deen
Titel: Die Lotsin
Originaltitel: De Loods. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Verlag: Mare
Umfang: 368 Seiten
Einband: Hardcover
Erschienen: August 2025
ISBN: 978-3-86648-739-0

Wertung: 12/15 dpt







