
Die Lektüre dieser Miniaturen in „aufbrechen“ gestaltet sich wie der Gang durch eine Gemäldegalerie, jeder Text ein Bild mit eigener Geschichte.
Manche Texte spiegeln Szenen, die man im Alltag übersehen hätte. Die Autorin hält für uns kurz die Zeit an und lenkt den Blick nach innen in die Gefühls- bzw. Gedankenwelt der dargestellten Personen. Die Leser:innen werden zum Publikum innerer Konflikte oder deren Auflösung.
Mal sind von Ochsenseins Protagonisten Ich-Erzählstimmen, mal werden sie durch einen auktorialen Erzähler geleitet, aber immer sie Frauen. Immer stehen sie in Spannungsfeldern, die ihre Existenz dominieren, zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit, Freiheit und Gefangensein.
Jutta von Ochsenstein ist eine genaue Beobachterin, die um die Kraft der Details weiß. Ihre Prosa ist sorgfältig ausgewogen. Schöne Sätze sind bei ihr nicht um ihrer selbst willen schön. Sie erzeugt mit ihren Bildern Metaphern.
„Mit Mühe richtest du dich auf, schaust in die Weite. Teile
der Landschaft fügen sich in ein harmonisches Bild. Andere brechen seitlich ab
oder reißen in der Mitte. Am Horizont nähen Bäume in großen Stichen Oben und
Unten zusammen. Wind streift dein Harr. Das ist kein Wind, der sich etwas
zutraut. Er verliert sich. Wie die Wolken, die im Grau verschwinden.
Seite 43
Eine zentrale Rolle spielt die Natur. Immer wieder steht die befreiende Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der Natur im Mittelpunkt. Die Natur wirkt als Resonanzraum für die Seele des Individuums. Das Drängen nach Draußen, oft ein Gang in die Natur, wird zu einem Einkehren in sich selbst.
Auch die Kunst als Weg zur Selbstermächtigung wird thematisiert. Die Hinwendung zur Kreativität wird zum titelgebenden „aufbrechen“, einem Prozess, der sich sowohl nach außen wie nach innen richtet.
Es ist, als ob er ihre Gemälde gesehen hätte, es ist, als ob
er auch die angedachten Bilder in seinen Worten gestaltet hätte. Wieder liegt ein
Zittern in der Luft. […] Sie wird weiter malen. Sie wird ihn erst einladen,
wenn ihre Bilder so weit sind.
Seite 56
Die kurze Form darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Texte sich nicht einfach so schnell weg lesen lassen. Jede für sich beansprucht einen eigenen Raum. Man sollte sich Zeit – und auch eine gewisse Ruhe – für die Lektüre nehmen.
Manche Texte würden sich gut als Anfänge längerer Erzählungen eignen. Bei einigen hätte ich mir tatsächlich mehr Umfang gewünscht. Andere haben in meinen Augen in ihrer knappen Form perfekt funktioniert.
Eine klare Empfehlung für Fans schöner Sprache in kurzer Form.
- Autor: Jutta von Ochsenstein
- Titel: aufbrechen – Lyrische Prosaminiaturen
- Originaltitel: (bei fremdsprachigen Titeln, sonst entfernen)
- Verlag: ATHENA-Verlag
- Erschienen: Oktober 2025
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 64 Seiten
- ISBN: 978-3745512083

Wertung: 12/15 dpt







