Helene Winter – Das Bettelmädchen (Buch)

Henriette Arendt, Deutschlands erste Polizeiassistentin

Stuttgart 1906. Schwester Henny, eigentlich Henriette Arendt, trat 1903 als erste deutsche Polizeiassistentin ihren Dienst an, nachdem sie zuvor als Krankenschwester arbeitete. Genug Aufgaben gibt es, nicht zuletzt dank eines starren Obrigkeitsdenkens, welches Veränderungen im Keim erstickt. Insbesondere der § 361 Nr. 6 des Reichsstrafgesetzbuches sorgt für Empörung, denn dieser bestraft ausschließlich Frauen, wenn diese gegen sittliche Vorschriften verstoßen. Liegt beispielsweise der Verdacht der Prostitution und damit möglicherweise einhergehender Krankheiten zugrunde, müssen sie beim Polizeiarzt eine intime Untersuchung über sich ergehen lassen. Schwester Henny versucht zu helfen, vor allem den Ärmsten, den Kindern, die mittlerweile sogar auf offener Straße entführt werden. Im positiven Fall, werden sie nur zum Betteln gezwungen wie die elfjährige Sophie, die zu gern zu ihrem Vater zurückkehren möchte.

Als sie an einer Kirche mit ihrem vermeintlichen Vater bei einer Hochzeit bettelt, scheint irgendetwas schief gegangen zu sein, denn die Braut namens Mitzi verlässt die Kirche allein. Einige Tage später gibt es ein unerwartetes Wiedersehen, denn Mitzi fällt vor Sophie bewusstlos und blutend auf der Straße zusammen. Wegen des Verdachts einer Abtreibung kommt sie ins Gefängnis und kann nur dank des beherzten Einsatzes von Henny einer langen Haftstrafe entkommen. Derweil wird Sophie an den nächsten Kriminellen weiterverkauft. Auf schicksalhafte Weise werden sich die Wege dieser drei unterschiedlichen Frauen wiederholt kreuzen.

Informativer Serienstart

Helene Winter alias Janet Clark setzt der ersten deutschen Polizeiassistentin Henriette Arendt (1874-1922) ein literarisches Denkmal, wobei sich die Romanhandlung an wahren Begebenheiten orientiert. Wem der Nachname bekannt vorkommt irrt nicht. Die Philosophin Hannah Arendt war eine von Henriettes Nichten. Der Roman beginnt im Juni 1906 und endet im Dezember 1908, wenig überraschend – da auf der Buchinnenrückseite vorweggenommen – mit Henriettes Kündigung. Das Mobbing bei der Polizei selbst sowie aus Gemeinderat und Kirche hatte „Erfolg“. Danach arbeitete sie als erste Privatdetektivin Deutschlands, wovon die Fortsetzung „Der Bettelkönig“, erscheint im Dezember 2026, erzählen wird.

„Tötete eine Frau in ihrer Verzweiflung das ungeborene Kind, war das ein unverzeihliches Vergehen. Ließ sie das geborene Kind elendiglich verrecken, dann interessierte das keinen.“ 

Einfühlsam wird der harte Arbeitsalltag der Polizeiassistentin dargestellt. Dabei muss sich Henny nicht nur an ihren Vorgesetzten und Kollegen reiben, sondern vor allem an den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Kommt es beispielsweise zu Syphilis, so sind – laut § 361 Nr. 6 StGB in der Fassung von 1871 – ausschließlich die Frauen an der Übertragung der Krankheit schuldig. Mitzi, die tatsächlich wegen einer Abtreibung blutend auf die Straße stürzte, schafft dank Henny den Weg in eine einigermaßen geordnete Zukunft.

„Männer übertragen also die Krankheiten in gleichem Maße wie Frauen?“

„In viel höherem Maße, solange die Freier nicht erfasst und untersucht werden.“

„Das wäre undenkbar. Stellen Sie sich vor, wir müssten einen Geheimrat oder Amtsrichter auf die Wache bringen. Das geht niemals durch.“

Eigentlich wollte die schwangere Mitzi ihren Freund heiraten, doch der brannte mit der besten Freundin durch. Ihr Vater wollte sie daraufhin zwangsverehelichen, Kuckuckskind gegen väterlichen Schusterbetrieb. Mitzi reißt aus und findet einen Job als Kellnerin, die gesellschaftlich nahe am Rang der Prostituierten stehen. Arbeitsmittel müssen sie selber zahlen, von einem Lohn, den es trotz langen Schichten nicht gibt. Man lebt ausschließlich vom Trinkgeld, muss dementsprechend den Männern gefallen und sich einiges anhören (im besten Fall). Später wird sich Mitzi, ebenso wie Henny, für Frauenrechte engagieren und eine Art Gewerkschaft für Kellnerinnen gründen. Bedeutende reale Frauenrechtlerinnen wie Anna Pappritz (1861-1939), die eine Expertin der „Prostitutionsfrage“ im Kaiserreich war, treten in Gastrollen in Erscheinung.

Während sich Schwester Henny zunehmend gegen ein haarsträubendes Mobbing zur Wehr setzen muss, welches die „moralische“ Gedankenwelt der damaligen Zeit beklemmend-eindrucksvoll aufzeigt, sucht Mitzi unerschrocken ihren Weg und träumt gar von Amerika. Und Sophie? Diese wird von einem Unhold zum nächsten weitergereicht. Die dramatische Lage der ärmsten Bevölkerungsgruppen, Kinderhändler, Frauenrechte, Polizeiobrigkeit und Widerstand gegen die frauenverachtenden Zustände werden intensiv thematisiert und empathisch dargestellt. „Das Bettelmädchen“ ist ein lesenswertes, bedrückendes Sittenbild des frühen 20. Jahrhunderts.

  • Autorin: Helene Winter
  • Titel: Das Bettelmädchen
  • Verlag: Piper
  • Umfang: 384 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: April 2026
  • ISBN: 978-3-492-06831-4
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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