Fünfzehn königliche Leckerbissen

Auf die Dame kommt es an
© Unionsverlag

„Auf die Dame kommt es an“ ist eine großartige Zusammenstellung von insgesamt fünfzehn Beiträgen aus der Weltliteratur rund um das Königliche Spiel. Gut, der legendäre Emanuel Lasker, deutscher Weltmeister von 1894 bis 1921, mag nicht zur Weltliteratur zählen, gleichwohl bieten sich hier ebenso unterschiedliche wie herrliche Leseerlebnisse. Es fängt an mit einer Erzählung von Friedrich Dürrenmatt, die den bekannten Ausspruch „Menschen nicht wie Schachfiguren herumschieben“ auf denkwürdige Weise aufgreift. Der Beitrag von Kurt Guggenheim beschreibt eine wichtige Parallele zwischen dem Schachspiel und dem Leben. Hier wie dort kann man einen einmal gemachten Zug nicht mehr zurücknehmen. „In der Nabokovfalle“ will Pavel endlich vom Schachspiel loskommen und greift stattdessen zu einer Gesamtausgabe des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov. Eine fatale Entscheidung, denn wie viele russische Intellektuelle befasste sich auch Nabokov mit dem Spiel und dies nicht nur spielerisch, sondern auch literarisch wie sein Beitrag „Lushins Verteidigung“ belegt.

Gib doch auf, Doktor, sonst verlierst Du noch.Kurt Guggenheim 'Aepplis Tod'

Agatha Christies „Das Schachproblem“ mag etwas aus dem Rahmen fallen, denn – wie bei Kurzkrimis nicht selten – kann hier Hercule Poirot nur bedingt überzeugen. Eines der unterhaltsamsten Highlights ist „Schachmatt“ von Art Buchwald, in dem er den fiktiven Anruf des amerikanischen Präsidenten Richard Nixons wiedergibt, der in Island dem neuen Weltmeister Bobby Fischer zu seinem Sieg gratuliert. Dieser war nicht nur ein Schachgenie, sondern auch wegen seiner exzentrischen Verhaltensweisen, gemischt mit reichlich Paranoia, gefürchtet. „Revanche“ von Stefan Zweig wiederum ist ein Auszug aus der zweifellos bekanntesten aller Schachgeschichten, der „Schachnovelle.“ In „Die Lüneburg-Variante“ von Paolo Maurensig nimmt dieser das zentrale Motiv der „Schachnovelle“ auf.

Weltliteratur trifft auf Königliches Spiel

„Der interplanetare Schachkongress“ (Ilja Ilf & Jewgeni Petrow) ist eine in Russland sehr bekannte Geschichte über den Hochstapler Ostag Bender, der mittels eines gigantischen Schachevents aus einem unscheinbaren Ort eine Welthauptstadt bauen möchte. In „Die Hängepartie“ blickt Arturo Pérez-Reverte auf das Geschehen hinter den Kulissen, wenn die Stunde der Sekundanten schlägt. In „Leben à la Taubenhaus“ erinnert Emanuel Lasker an die widrigen, um nicht zu sagen erbärmlichen Umstände, unter denen Schachgenies seiner Zeit leben mussten. Festgemacht am Leben des in Polen geborenen Schachmeisters Jean Taubenhaus, der sein karges Einkommen in Paris mit dem Schachspiel bestritt. Aktuell noch heute, denn wenngleich Schach inzwischen recht populär geworden ist, sind die Spieler, die allein vom Schach leben können (ohne Sponsoren) an einer Hand abzuzählen. Zum Finale bietet Samuel Beckett die wohl skurrilste, je gespielte Schachpartie, die – bezeichnenderweise – in einem Irrenhaus stattfindet.

Wer durch die Miniserie „Das Damengambit“ im Jahr 2020 bei Netflix wieder oder erstmals Interesse am Schach gefunden hat, wer sich für große Literatur in kleinen Beiträgen oder als Spieler/Spielerin für das Königsspiel schlechthin interessiert, der findet hier erstklassig zusammengestelltes Lesefutter. 2014 erstmals in gebundener Form erschienen, seit Mai dieses Jahres neu als Taschenbuch erhältlich.

  • Titel: Auf die Dame kommt es an
  • Herausgegeben von Richard Forster und Ulla Steffan
  • Verlag: Unionsverlag
  • Umfang: 186 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Mai 2021
  • ISBN: 978-3-293-20921-3
  • Produktseite 


Wertung: 13/15 dpt


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