
Nach einem Kinoabend mit der besten Freundin steigt eine Frau ins Auto und fährt los. Eigentlich nach Hause, aber tatsächlich fährt sie immer weiter und weiter und je weiter sie fährt, desto mehr wird ihr bewusst, dass sie nicht zurück nach Hause will, nicht zu ihm, zu ihrem Mann und zu der Beziehung, die sie führen.
Esther Schüttelpelz hat eine interessante Roadstory geschrieben, bei der der Weg das sprichwörtliche Ziel ist. Interessant deshalb, weil sie einiges anderes macht als genreüblich und genau das hebt den Roman aus dem Genre hervor.
Der Plot entrollt sich quasi in Echtzeit beim Lesen, d.h. die Leser:innen nehmen – wie die im Roman zusteigenden Tramperinnen – quasi den Beifahrerplatz ein und erleben das Geschehen aus direkter Nähe. Handlungsort ist größtenteils der Wageninnenraum. Das verleiht dem Setting eine kammerspielartige Intensität.
Die Perspektive der fahrenden Frau dominiert den Erzählton. Es ist ein nach innen gerichteter Monolog, der sich eher nachlässig auf die äußere Umgebung bezieht. Es fühlt sich an, als ob die Fahrt der Frau durch deren Inneres stattfindet.
Ich muss etwas tun, wurde ihr klar, weil ich hier die
Protagonistin bin, weil niemand hier ist, an meiner Stelle zu handeln.
Seite 70
Sukzessive werden Details aus dem Leben der Protagonistin bekannt. Wir erfahren die Geschichte einer Frau, die ihren bisherigen Weg in Frage stellt: Fehlende Freiräume in der Beziehung, im Alltag, die Herausforderung, Künstlerin zu sein als eine von vielen. Und die Andeutung körperlicher Übergriffe durch den Partner. Dabei erzählt Schüttelpelz längst nicht alles aus. Geschickt platziert sie zahlreiche Indizien, deren Interpretation sie uns, den Beifahrern, überlässt. Das Lesen zwischen den Zeilen wird zur Pflicht.
Wie konnte mir das passieren, fragte die Frau sich jetzt,
und sie fragte das tatsächlich zum ersten Mal. Was habe ich getan, und warum
und womit habe ich das verdient? Den letzten Teil ihrer Frage nahm sie zurück,
der war ihr zu blöd, denn natürlich wusste die Frau, dass es nichts brachte zu
fragen, womit man etwas verdient oder nicht verdient hatte. Was also habe ich
getan und wieso?
Seite 90
Schüttelpelz geht zurückhaltend mit den von ihr gesetzten Effekten um. Die Metaebene spielt eine große Rolle. Auch hier werden die Leser:innen aktiv miteinbezogen.
Die Fahrt, die anfangs wie eine Flucht ohne Ziel beginnt, entwickelt sich zu einer Rückkehr zu vergessen geglaubten Ursprüngen, wobei die beste Freundin der Frau in den Fokus gerät. Dass Schüttelpelz diese völlig unabhängig von ihrer Hauptfigur in einem zweiten Handlungsstrang agieren lässt, unterstreicht die stille Kraft ihrer Verbundenheit. Die beiden Frauen bewegen sich aufeinander zu, die eine Verantwortung und Hilfe für die andere übernehmend.
Vieles bleibt am Ende offen, doch die gesetzten Akzente sind hoffnungsvoll und daher tröstlich. Ein Roman, der seine ganz eigene Dynamik dem behutsamen Stil der Autorin verdankt. Klare Leseempfehlung!
- Autorin: Esther Schüttelpelz
- Titel: Grüne Welle
- Verlag: Diogenes
- Erschienen: Februar 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 208 Seiten
- ISBN: 978-3257073812

Wertung: 13/15 dpt







