
Als Richard „Dick“ Dempsey eines Tages von seiner Schichtarbeit nach Hause kommt, hat seine Frau Lois ihn samt Sohn Dickie verlassen. Richard vermutet Richtung Hollywood, das Glanzlicht in den von der „großen Depression“ gekennzeichneten Dreißiger Jahren. Dort wohnt zudem Verwandtschaft seiner Gattin. Ohne zu zögern lässt Dick San Diego und sein altes Leben ebenfalls hinter sich und fährt Hobo-like als blinder Passagier auf Zügen durch ein geschundenes Land (nicht nur hier besitzt Hallas‘ Roman erstaunliche Bezüge zur Gegenwart).
In Los Angeles angekommen, findet er Lois zwar, doch die weist ihn brüsk ab und setzt ihn mit einer schnöden Erpressung bezüglich einer Vergangenheit als möglicher Deserteur unter Druck. Richard treibt sich unschlüssig herum, wird in einen Raubüberfall mit schwerwiegenden Folgen verwickelt, lernt den umtriebigen Regisseur Quentin Genter kennen und begegnet den beiden Freundinnen Mamie und Patsy. Er lebt fortan mit Mamie zusammen, während Patsy die „Ökanaanomische Partei“-gründet („Reichtum für alle!“) eine Mischung aus Sekte, Partei und Vorläufer des Ponzi-Schemas. Auch hier ist „Wer verliert gewinnt“ geradezu visionär. Das Abzocken von willfährigen Schäfchen mittels vorgeblich vielversprechender Schneeball-Systeme ist ein ewig aktuelles Thema.
Hallas lässt Patsy mit Enthusiasmus, Schwung und dem Vertrauen auf die Dummheit und Gier der Menschen zum leuchtenden Kopf einer Bewegung werden, die, obwohl von unglaublicher Naivität geprägt, dennoch gekonnt mit den Hoffnungen und Ängsten ihrer Anhänger spielt.
Dass durch Genter Bezüge zur Glitzerwelt Hollywoods bestehen, ist ebenfalls nicht von Übel. Patsy würde sich gut als Ikone für Influenzer*innen machen. So sie denn Bücher lesen.
Richard findet derweil einen Job in einem Vergnügungspark und trifft auf die mysteriöse, exzentrische Sheila, die seine große Liebe und Nemesis wird. Neben Genter, dem undurchsichtigem Lebemann, Beobachter und Manipulator. Der eine Doppelrolle als Verdammnis und Retter, auf sehr obskure Art, einnimmt. Denn natürlich ist die Liebe und eine gemeinsame Zukunft mit Sheila nur eine fromme Illusion. Denn da sind noch die Ex Lois, die besitzergreifende Mamie und Patsys Ökanaanomische Partei, allesamt Hemmnisse auf dem Weg zum Ritt in den Sonnenuntergang.
Am Ende wird es einen Prozess geben, mindestens ein Todesurteil und eine Auflösung, bei der sich absurde Komik und Trauer ein munteres Stelldichein geben.
Hinter dem Pseudonym Richard Hallas verbirgt sich, nur dezent getarnt, der englische Autor Eric Knight, bekannt und von manchem geschätzt als Autor jenes Rührstücks, das einen Hund (und vielleicht auch Elizabeth Taylor) zum Star machte: „Lassie Come Home“. Ein Sujet, das „Wer verliert gewinnt“ nahezu diametral gegenüberstehen dürfte. Wobei, Richard Dempsey möchte eigentlich auch nur nach Hause kommen, doch es wird ihm verwehrt.
„Wer verliert gewinnt“ ist ein Noir der besonderen Art, geschrieben von einem englischen Autoren, der sich nur ein einziges Mal daran versuchte und das meisterlich. Der Roman ist düster und lässt seinen Protagonisten allerlei Unbill erfahren, in einer Zeit des Zerfalls, umgeben von Menschen, die undurchsichtig und sich gelegentlich am Rand des Wahnsinns entlanghangeln. Oder wahnwitzige Pläne verfolgen, die nur erfolgreich sein können, weil die Welt betrogen werden will. Gerade das verleiht dem Roman einen Teil seiner bizarr-komischen Züge. Den anderen kann die Hauptfigur für sich verbuchen.
Dempsey ist zwar ein typischer Loner (und Loser), dem die Zeitläufe und seine Mitmenschen übel mitspielen, der das aber mit einer achselzuckenden Lakonik erträgt, welche die Frage impliziert „Warum gerade ich?“, die Antwort aber direkt parat hat: „Weil es eben so ist“. Spätestens als es Dick nicht gelingt auf dem elektrischen Stuhl oder zumindest im Gefängnis zu landen, um Buße zu tun, muss er seine Existenz als Spielball in einem Kuriositätenkabinett des Absurden anerkennen.
Das sich aus dem speist, was alltägliche Bedürfnisse und Begehren verlangen. Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung, Glamour, Gier und die (vergebliche) Aussicht auf ein sorgenfreies Leben. Große Pläne, ins Negative verkehrt, gesellen sich dazu und komplettieren den heillosen Zustand der Welt. „Wer verliert gewinnt“ spielt virtuos mit den Fallstricken, die überall ausliegen.
Zum ersten Mal, zwar nicht in deutscher Sprache, aber in Deutschland erschienen, bedient sich diese Ausgabe der verdienstvollen Übersetzung der Schweizer Publikation aus dem Jahr 1938. Es verwundert wohl kaum, dass „Wer verliert gewinnt“ damals im großdeutschen Reich nicht veröffentlicht wurde. Mit nur kleinen Änderungen, die die sprachlichen Eigenheiten der Übersetzerin Anna Katharina Rehmann-Salten beibehalten, bleibt dem Text ein zusätzlicher Reiz erhalten.
Die Lebensgeschichte der vielfach begabten Künstlerin Anna Katharina Rehmann-Salten wäre ein eigenes Werk wert. Durch sie, die Tochter von Felix Salten, wird „Wer verliert gewinnt“ zu einem Treffpunkt von Lassie und Bambi. Am Rande eines äußerst lesenswerten, spannenden und auf verschrobene Weise ungemein witzigen Noirs.
Martin Compart sorgt einmal mehr für ein kenntnisreiches Nachwort, das unter anderem Lust auf weitere Beschäftigung mit Knight und Rehmann-Salten macht.
© Cover Elsinor
- Autor: Richard Hallas
- Titel: Wer verliert gewinnt
- Originaltitel: You Play The Black And The Red Comes Up
- Übersetzer: Anna Katharina Rehmann-Salten
- Verlag: Elsinor
- Erschienen: 03/2026
- Einband: Paperback
- Seiten: 224
- ISBN: 978-3942788-94-6
- Sprache: Englisch
- Sonstige Informationen:
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Wertung: 12/15 dpt







