
Eigentlich hat die perfektionistische Eriko alles – sie sieht gut aus, hat einen guten Job und keine Geldnöte. Eines allerdings bekommt sie nie hin: eine Freundin zu finden und dann auch befreundet zu bleiben. Ihr liebstes Hobby ist die Lektüre des Blogs „Heilbutt – Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau“. Die Lässigkeit und Ziellosigkeit der Bloggerin, die sich Heilbutt nennt, imponiert ihr. „Eriko war fasziniert davon, wie Heilbutt in den Tag hineinlebte, ohne etwas Bestimmtes zu tun, ohne ein Ziel zu haben oder Pläne zu schmieden. Wie eine Katze. Wann hatte sie selbst ihre Zeit zum letzten Mal so verbracht?“ So unterschiedlich ihr das vorkommt, so verbunden fühlt sie sich der Bloggerin, die anscheinend zwar verheiratet, aber auch ohne Freundinnen zu sein scheint.
Zum Glück von Eriko schreibt die Bloggerin Shoko auch gerne über ihr Lieblingscafé und so ist die erste Begegnung im echten Leben schnell eingefädelt. Shoko fühlt sich geschmeichelt, Eriko überreicht zielstrebig ihre Visitenkarte und schon sitzen sich die beiden kurze Zeit später in einem 24-Stunden-Restaurant gegenüber. Das Gespräch ist vertraut, eine Freundschaft scheint erstrebenswert. Doch als die Bloggerin kurze Zeit später keine Beiträge mehr veröffentlicht, beginnt alles zu kippen: Eriko bombardiert Shoko mit Mails und Nachrichten, steht schließlich sogar vor deren Haustür. Spätestens jetzt wird Shoko, aber auch den Leser:innen klar, dass Eriko in ihrer Sehnsucht nach einer Freundschaft keine Grenzen kennt und Übergriffigkeit ihr zweiter Vorname zu sein scheint. Wie so eine Freundschaft zu laufen hat, ist bei ihr ganz exakt festgelegt.
Es gab also eine Vorgeschichte. Eine, bei der es mit einer Freundschaft auch nicht gut gelaufen zu sein scheint. Die Schriftstellerin Asako Yuzuki lässt ihre Protagonistinnen immer weiter in eine toxische Beziehung rutschen. Auch wenn Eriko sich zwischendurch bewusst ist, was bei ihr falsch läuft, bremst sie das überhaupt nicht aus. Und Shoko? Bei der liegt unter der lässigen Oberfläche eine familiäre Situation vor, die sie auch an Vielem zweifeln lässt.
Ein wenig schießt Asako Yuzuki für meine Begriffe über das Ziel hinaus – sowohl bei den zu ausführlichen Selbstreflexionen ihrer Protagonistinnen, die dem Lesenden so ziemlich alles auserklären, als auch bei den extremen Ereignissen und Abgründen, die sie in ihre Geschichte einbaut.
Was aber immer wieder im gesamten Roman durchkommt, ist die Situation der Frauen in Japan: Der Druck, im Äußeren immer den höchsten Ansprüchen zu genügen, geheiratet zu werden und in der Familie selbstverständlich die kümmernde und aufopfernde Rolle zu übernehmen, ist immens hoch. Die Männer haben in der Gesellschaft eindeutig die führende Position, während die Frauen sich in allen Bereichen gefälligst anpassen sollen.
Letztendlich ist der Roman ein Plädoyer für wohlwollende und gegenseitig stützende Frauenfreundschaften und dafür, sich den erwarteten Rollen auch zu widersetzen und ein authentisches Leben zu führen. Asako Yuzuki sieht sich als Feministin an – und betont, dass ihre Bücher in Japan bei weitem nicht den Erfolg haben, wie in Europa. Geschrieben hat sie „Tokyo Girls Club“ bereits 2015, also zwei Jahre, bevor sie mit „Butter“ den Roman schrieb, der in England und Deutschland viel Aufmerksamkeit erhielt.
Fazit:
Asako Yuzukis „Tokyo Girls Club” ist ein Roman, der tief verwurzelt in seinem Schauplatz ist: Wer Japan kennt, findet hier vieles aus der japanischen Gesellschaft nicht nur gespiegelt, sondern auch entlarvt. Die einengenden Ansprüche an Frauen, die Einsamkeit, die gerade in Großstädten entstehen kann und die Sehnsucht nach einem authentischen Leben sind spannende Themen. Allerdings muss man sich auch auf die japanische Kultur einlassen, die die Verhaltensweisen der Charaktere für europäisches Empfinden manchmal sehr fremd erscheinen lässt.
- Autorin: Asako Yuzuki
- Titel: Tokyo Girls Club
- Originaltitel: Nairupachi no joshikai
- Übersetzerin: Ursula Gräfe
- Verlag: Blumenbar
- Erschienen: 03/2026
- Einband: Hardcover
- Seiten: 383
- ISBN: 978-3-351-05138-9
- Kritik zu Asako Yuzikis „Tokyo Girls Club“ bei WDR Westart
- Webseite der Autorin bei Blumenbar im Aufbau-Verlag

Wertung: 13/15 dpt







