Asako Yuzuki – Tokyo Girls Club (Buch)

Cover: Blumenbar

Eigentlich hat die perfektionistische Eriko alles – sie sieht gut aus, hat einen guten Job und keine Geldnöte. Eines allerdings bekommt sie nie hin: eine Freundin zu finden und dann auch befreundet zu bleiben. Ihr liebstes Hobby ist die Lektüre des Blogs „Heilbutt – Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau“. Die Lässigkeit und Ziellosigkeit der Bloggerin, die sich Heilbutt nennt, imponiert ihr. „Eriko war fasziniert davon, wie Heilbutt in den Tag hineinlebte, ohne etwas Bestimmtes zu tun, ohne ein Ziel zu haben oder Pläne zu schmieden. Wie eine Katze. Wann hatte sie selbst ihre Zeit zum letzten Mal so verbracht?“ So unterschiedlich ihr das vorkommt, so verbunden fühlt sie sich der Bloggerin, die anscheinend zwar verheiratet, aber auch ohne Freundinnen zu sein scheint.

Ich habe eher das Gefühl, Heilbutt und ich könnten gute Freundinnen werden.S. 19

Zum Glück von Eriko schreibt die Bloggerin Shoko auch gerne über ihr Lieblingscafé und so ist die erste Begegnung im echten Leben schnell eingefädelt. Shoko fühlt sich geschmeichelt, Eriko überreicht zielstrebig ihre Visitenkarte und schon sitzen sich die beiden kurze Zeit später in einem 24-Stunden-Restaurant gegenüber. Das Gespräch ist vertraut, eine Freundschaft scheint erstrebenswert. Doch als die Bloggerin kurze Zeit später keine Beiträge mehr veröffentlicht, beginnt alles zu kippen: Eriko bombardiert Shoko mit Mails und Nachrichten, steht schließlich sogar vor deren Haustür. Spätestens jetzt wird Shoko, aber auch den Leser:innen klar, dass Eriko in ihrer Sehnsucht nach einer Freundschaft keine Grenzen kennt und Übergriffigkeit ihr zweiter Vorname zu sein scheint. Wie so eine Freundschaft zu laufen hat, ist bei ihr ganz exakt festgelegt.

„Du hättest dich ja wenigstens mal melden können“, fuhr sie Shoko an. „Ich habe mir Sorgen gemacht. Deine Fans sind wahrscheinlich auch beunruhigt. Ich konnte letzte Nacht kaum schlafen. Immerhin sind wir Freundinnen…“, sagte sie zu ihrer eigenen Verblüffung. Sie hatte die gleichen Worte benutzt wie damals. Unwillkürlich schlug sie die Hand vor den Mund. Genau das Gleiche hatte sie im Frühjahr ihres ersten Jahres an der Oberschule zu Keiko gesagt.S. 62/63

Es gab also eine Vorgeschichte. Eine, bei der es mit einer Freundschaft auch nicht gut gelaufen zu sein scheint. Die Schriftstellerin Asako Yuzuki lässt ihre Protagonistinnen immer weiter in eine toxische Beziehung rutschen. Auch wenn Eriko sich zwischendurch bewusst ist, was bei ihr falsch läuft, bremst sie das überhaupt nicht aus. Und Shoko? Bei der liegt unter der lässigen Oberfläche eine familiäre Situation vor, die sie auch an Vielem zweifeln lässt.

Ein wenig schießt Asako Yuzuki für meine Begriffe über das Ziel hinaus – sowohl bei den zu ausführlichen Selbstreflexionen ihrer Protagonistinnen, die dem Lesenden so ziemlich alles auserklären, als auch bei den extremen Ereignissen und Abgründen, die sie in ihre Geschichte einbaut.

Was aber immer wieder im gesamten Roman durchkommt, ist die Situation der Frauen in Japan: Der Druck, im Äußeren immer den höchsten Ansprüchen zu genügen, geheiratet zu werden und in der Familie selbstverständlich die kümmernde und aufopfernde Rolle zu übernehmen, ist immens hoch. Die Männer haben in der Gesellschaft eindeutig die führende Position, während die Frauen sich in allen Bereichen gefälligst anpassen sollen.

Ob verheiratet oder nicht, schön oder nicht, mit oder ohne Kinder – es sind diese banalen Unterschiede, die Frauen dazu bringen, endlos miteinander zu konkurrieren. Es macht sie unfähig, miteinander auszukommen. Ich glaube nicht, dass wir so sind, weil wir es wollen, sondern weil die Gesellschaft uns so viele Maßstäbe auferlegt und uns in jeder Kleinigkeit in Konkurrenz zueinander bringt.S. 261

Letztendlich ist der Roman ein Plädoyer für wohlwollende und gegenseitig stützende Frauenfreundschaften und dafür, sich den erwarteten Rollen auch zu widersetzen und ein authentisches Leben zu führen. Asako Yuzuki sieht sich als Feministin an – und betont, dass ihre Bücher in Japan bei weitem nicht den Erfolg haben, wie in Europa. Geschrieben hat sie „Tokyo Girls Club“ bereits 2015, also zwei Jahre, bevor sie mit „Butter“ den Roman schrieb, der in England und Deutschland viel Aufmerksamkeit erhielt.

Fazit:

Asako Yuzukis „Tokyo Girls Club” ist ein Roman, der tief verwurzelt in seinem Schauplatz ist: Wer Japan kennt, findet hier vieles aus der japanischen Gesellschaft nicht nur gespiegelt, sondern auch entlarvt. Die einengenden Ansprüche an Frauen, die Einsamkeit, die gerade in Großstädten entstehen kann und die Sehnsucht nach einem authentischen Leben sind spannende Themen. Allerdings muss man sich auch auf die japanische Kultur einlassen, die die Verhaltensweisen der Charaktere für europäisches Empfinden manchmal sehr fremd erscheinen lässt.

Wertung: 13/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share