
Für diesen knackig kurzen psychologischen Thriller lohnt es sich auch als Nicht-Krimi-Leser:in mal die gewohnte Komfortzone zu verlassen. Die Story von Härtls „Kurz bevor der Tag beginnt, …“ ist schnell umrissen. Marie Giddas ist Auftragsmörderin. Das Töten bereitet ihr in der Regel keine Probleme. Gewissensbisse empfindet die seit einem schweren Verlust traumatisierte Frau so gut wie nie. Doch dann begegnet ihr Vincent, der eigentlich ihr nächstes Opfer werden soll. Eine gemeinsame Nacht später stellt sie ihren vor Jahren eingeschlagenen Weg auf einmal grundlegend in Frage.
Wird es ihr gelingen, sich aus der ausweglos empfundenen Situation zu befreien? Ist Maries Vergangenheit der Schlüssel zu allem? Geschickt hält Härtl diese Fragen bis zum Ende offen. Seine konsequent gradlinige Inszenierung hält das Tempo durchgängig hoch. Indem er Marie die Rolle der Ich-Erzählerin verleiht, erhalten die Leser:innen direkten Einblick in die Gedankenwelt der Protagonistin und können ihre Entwicklung quasi aus erster Hand miterleben.
„Bitte erzähle mir von dir.“
Ich zögere.
Dann plötzlich, eine Überzeugung wie eine himmlische
Eingebung zur rechten Zeit, die aber wahrscheinlich nichts weiter ist als eine
Einbildung, die von Hoffnung getragen wird. Aber sollte ich sie verstreichen
lassen, diese Gelegenheit? Es könnte die Chance sein, mir mein Leben
zurückzuholen. Und ich beginne zu erzählen, wie ich die wurde, die ich bin.
S. 22
Der Plot entwickelt sich auf zwei Zeitebenen. Durch die Sprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit entstehen regelmäßig Ciffhanger, die die Spannung befeuern.
Härtl ist ein routinierter Erzähler, der kleine Klischees und Übertreibungen klug platziert. Seine Settings sind atmoshärisch stimmig ausgestattet, egal ob er seine Figuren durch die Elendskulisse einer brasilianischen Favela schickt, oder in einem mondänen Pariser Straßencafé Platz nehmen lässt. Genregerecht würzt auch seinen Plot auch mit Erotik und Gewalt, wobei er diese nicht zum Selbstzweck verkommen lässt. Alles ist sehr ausgewogen aufeinander abgestimmt.
„Kurz bevor der Tag beginnt …“ liest sich locker weg, ohne Leerstellen aufkommen zu lassen. Die zahlreichen Dialoge lockern den harten Stoff angenehm auf und sorgen für empathische Momente. Marie Giddas wird als vielschichtiger Charaker dargestellt, ihre Motive werden am Ende sogar wissenschaftlich erläutert. Der schmale Roman – mit seinen ca. 160 Seiten könnte er auch als Novelle durchgehen – ist gelungenes Kopfkino für Zwischendurch. Perfekt für einen Sommertag am Strand oder auf dem Balkon.
- Autor: Wolf-Ingo Härtl
- Titel: Kurz bevor der Tag beginnt, ist die Nacht am dunkelsten
- Verlag: Ultraviolett Verlag
- Erschienen: Juni 2026
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 164 Seiten
- ISBN: 978-3968870427

Wertung: 12/15 dpt







