
Es beginnt langsam und für den 14-jährigen Noah irgendwie lächerlich: Im Bekleidungsgeschäft des Vaters muss er die Werbepappen mit den Frauengesichtern mit einem dicken schwarzen Filzstift zensieren. Nur noch die Augen dürfen sichtbar sein, so lautet die neue Regel im Kalifat. „Das Schwärzen der Gesichter ist eine merkwürdige Aufgabe. Grotesk. Onkel Ali sagte neulich, dass die Mudschahedin mehr Angst vor der Frauenhaut hätten als vor der amerikanischen Marine. Er hat recht, denke ich. Von allen absurden Regeln, die Erwachsene aufstellen, ist die die verrückteste, die ich in meinem vierzehnjährigen Leben kennengelernt habe.“ Autor Abbas Khider nennt weder Ort noch Zeit, in der sein kurzer Roman spielt, sondern zeigt, wie „Gotteskrieger“ ein Land zunehmend drangsalieren, es mit Regeln und Angst regieren.
Noah ist Taubenzüchter, eine Tradition seines Landes, mit der er seinem Onkel Ali folgt. Er versorgt den Taubenschwarm auf dem Dach des Hauses, kennt die verschiedenen Charaktere seiner Tauben „Regenbogen“, „Tänzer“, „Schneeweiß“ oder auch „Karamelle“ und beobachtet ihre kunstvollen Flüge am Himmel. Liebevoll kümmert er sich um den Schwarm, der zumindest am Anfang noch die Freiheit ausleben kann, die für Noahs Familie mehr und mehr eingeschränkt wird.
Der religiöse Fanatismus, der eine rasante Entwicklung in seiner Stadt nimmt, ist etwas, was er durch seine Familie, seine Freunde und die Ereignisse auf der Straße nach und nach realisiert. Erst müssen die Abbildungen von Frauen im Geschäft des Vaters zensiert werden, dann muss der Onkel sein Café schließen, Zigaretten und Handys werden verboten, Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und unbegleitet aus dem Haus gehen, die schwangere Schwester fürchtet um das Leben ihres verschwundenen Ehemanns, der vor dem Kalifat Polizist war – Noah sieht dies mit den Augen eines Jugendlichen, der den Ernst der Situation nicht immer gleich versteht und seine Witze darüber macht. Allerdings besteht seine jugendliche Unbefangenheit nicht lange, denn in der Stadt sieht er Steinigungen von Frauen und unbarmherzige Bestrafungen von Männern für kleine Vergehen. Der Griff der Mudschahedin wird immer stärker und brutaler, die Angst breitet sich aus.
Schließlich werden auch die Taubenschläge auf den Dächern verboten, weil das Kalifat verhindern will, dass die Tauben zum Transport von Informationen in die Außenwelt genutzt werden. „Dieser Sommer hat den Himmel gestohlen. Es schmerzt, die Tauben in ihrem neuen Taubenschlag im Hof zu sehen. Ihr ganzes Leben ist jetzt auf Gitter und enge Kästen beschränkt.“
Schriftsteller Abbas Khider bleibt konsequent bei der Wahrnehmung seines 14-jährigen Erzählers Noah. Der erzählt in seiner einfachen Sprache und mit seinem Wissensstand vom Sommer, in dem seine Tauben ihre Freiheit und die Menschen ihre Rechte verloren. Er erzählt vom Onkel, der sich seine Freiheiten nicht nehmen lassen möchte, vom Bruder, der zum „Gotteskrieger“ wurde, und von den Freunden, die er an die Mudschahedin verliert. Das macht den Inhalt seines Romans enorm emotional – was bedeutet die Herrschaft der „Gotteskrieger“ für jeden einzelnen und wie greift es bis in das letzte Eckchen des Privatlebens ein?
Fazit:
Abbas Khider hat es mit „Der letzte Sommer der Tauben“ auf nur 216 Seiten geschafft, zu offenbaren, wie totalitäre Regime funktionieren. Vermittelt aus einer unvoreingenommenen Perspektive, festgemacht an Familie und Freunden, fühlt man beim Lesen die zunehmende Schwere der Situation, versteht komplexe Vorgänge durch den Einblick ins Privatleben besser als durch umfangreiche Sachbücher. Ein sehr emotionaler Roman, einfach, nahegehend und sehr eindringlich. Wer sich wichtige und ausdrucksstarke Stellen in Romanen markiert, findet hier auf jeder Seite mindestens drei sehr gute Kandidaten.

Wertung: 15/15 dpt
- Autor: Abbas Khider
- Titel: Der letzte Sommer der Tauben
- Verlag: Hanser Verlag
- Erschienen: 01/2026
- Seiten: 216
- ISBN: 978-3-446-28222-3
- TV-Beitrag über Abbas Khiders „Der letzte Sommer der Tauben“ (3Sat)
- „Der letzte Sommer der Tauben“ beim Hanser Verlag







