Jonathan Lethem – Bekenntnisse eines Tiefstaplers: Memoiren in Fragmenten (Buch)

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Jonathan Lethem - Bekenntnisse eines TiefstaplersDer US-amerikanische Schriftsteller, der seit den Mittneunzigern neben acht Romanen wie etwa „Als sie über den Tisch kletterte“, „Motherless Brooklyn“, „Chronic City“ und „Knarre mit Begleitmusik“ auch die Novelle „This Shape We’re In“ sowie diverse Sachbücher, Erzählbände, Essays, Drehbücher, Kurzgeschichten und Non-Fiction-Werke geschrieben hat, erzählt in „Bekenntnisse eines Tiefstaplers – Memoiren in Fragmenten“ – im 2011 erschienenen Original viel passender mit „The Ecstasy Of Influence“ betitelt – auf beinahe autobiographische Weise, wie die Kultur Einfluss auf Autoren nimmt. Und umgekehrt. Doch nicht nur dieses Thema wird beleuchtet.

Das schick und schlicht gebundene Buch beginnt mit den jungen Jahren des Jonathan Lethem, in welchen er sich seine ersten Dollars in Buchhandlungen erjobbt. Schummelt er sich anfangs noch mehr oder minder unerwischt durch und nimmt seine Arbeit nicht allzu ernst, entwickelt sich die ganze Sache schrittweise zu einer immer seriöseren Angelegenheit, und im Laufe der Zeit begegnet Lethem einigen wichtigen und auch namhaften Personen.

In all den Jahren entwickelt sich zudem langsam aber stetig echte Begeisterung für Literatur, Science Fiction, und besonders Philip K. Dick wird sein großes Idol. Dessen literarische Aura bestrahlt auch den erwachsen werdenden Jungspund, und so entwickelt sich eine besondere, spezielle Beziehung zu Dicks Werken, und sein größter Traum war, ihn irgendwann leibhaftig zu treffen. Seine Einstellung zur Science Fiction-Literatur verschiebt sich allerdings immer wieder, und auch deren Stellenwert in diversen Zeitaltern stellt Lethem retrospektiv in Frage. Selbstironisch beleuchtet er hierbei seine ersten Gehversuche als Autor. Doch auch der in Kuba geborene italienische Schriftsteller Italo Calvino übt eine Faszination auf ihn aus. Doch Jonathan Lethem lebt nicht nur in der Vergangenheit und vor allem nicht ausschließlich als Bewunderer.

Nach der großen Frage, was Postmodernismus ist und ob er eigentlich noch als solcher existiert, erleben wir im dritten Teil des Buches eine köstliche, gnadenlos satirische Abhandlung über den Plagiarismus und Gebrauchsmonopole, nach deren Lektüre man mit heruntergeklapptem Unterkiefer zuerst den Kopf schütteln muss, um hinterher in Gelächter auszubrechen. Im weiteren Verlauf nimmt sich der schreibwütige gebürtige New Yorker die Popkultur, das Superheldentum, Comics, Superhelden- und Comicverfilmungen, einmalige Filmerlebnisse wie etwa prägende Sexszenen im Kino und die gesellschaftliche und mediale Stellung eines Künstlers zur Brust.

Abschließend erzählt der heute Achtundvierzigjährige von seiner Zeit im Musikjournalismus und seinen Erfahrungen mit Musikern von wahrer Größe. Er wohnt im Jahr 2005 beispielsweise wenige Tage lang den Studiosessions von James Brown bei, erlebt ihn bei einer seiner Shows und ist bis zu diesem Zeitpunkt wohl keiner extremeren, eigenwilligeren, exzentrischeren Persönlichkeit als ihm begegnet. Doch auch mit der kaum aus dem Musikkosmos wegzudenkenden Ikone und lebenden Legende Bob Dylan kommt er in Kontakt und führt mit ihm ein mehr als merkwürdiges Interview. Dazwischen finden sich noch Essays über Pop (was soll das eigentlich nun genau sein?), die Beatles (doch nur eine stinknormale Band?) und Punk.

Eine feste Struktur besitzt „Bekenntnisse eines Tiefstaplers“ nicht, vielmehr ist es ein retrospektives, teils selbstreflexives, teils sympathisch-lästerhaftes, aber niemals arrogantes Patchwork aus verschiedenen Lebensabschnitten Lethems sowie Gedankengängen, ergänzt durch wohldosiert eingesetzte Zitate bekannter Künstler, Journalisten, Schriftsteller, Musiker und dergleichen. Somit ist das vorgeblich Fragmentäre, was uns der Buchtitel suggerieren mag, durchaus etwas irreführend, denn in sich ist diese Sammlung von Texten in sich doch äußerst schlüssig.

Sehr angenehm ist bei alledem, dass zwischen all den mit viel Ironie und Humor gespickten Zeilen eine Art selbstbewusste Bescheidenheit hindurch schimmert. So, als wolle er dem Leser vermitteln: „Hey, ich bin doch auch nur einer von euch und mache meinen Job. Ich habe mittlerweile zwar einen Namen und bin stolz auf meine Bücher, und verkaufen tun die sich wunderbar, aber hey, eigentlich bin ich doch auch nur ein Leser, ein Fan, ein stinknormaler Mensch, der auch mit Wasser kocht und ein Verdauungssystem besitzt.“ – und das weckt einige Sympathien. Letzteres wird dadurch verstärkt, dass Lethem nicht einfach nur über 350 Seiten Blabla niedergeschrieben, sondern tatsächlich etwas zu erzählen hat. Ganz ohne Sensationen oder aufgeblasene Geschichten, sondern einfach, als ob man sich mit ihm morgens zu einem Kaffee getroffen hätte und er von selbst so viel los werden wollte, dass der kurze Plausch erst spät nachts endete.

Cover © Tropen Sachbuch/Klett-Cotta

  • Autor: Jonathan Lethem
  • Titel: Bekenntnisse eines Tiefstaplers
  • Originaltitel: The Ecstasy Of Influence
  • Übersetzer: Gregor Hens
  • Verlag: Tropen Sachbuch/Klett-Cotta
  • Erschienen: 09/2012
  • Einband: Hardcover, mit Prägung
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-608-50318-0

 

Wertung: 11/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Jonathan Lethem – Bekenntnisse eines Tiefs…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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