Eine kopflose Leiche im Schlosspark des Thronfolgers

Wien. Juni 1908. In der Galerie des Schlosses Belvedere, der Residenz des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand, soll das Gemälde „Der Kuss“ von Gustav Klimt gezeigt werden. Stolze 25.000 Kronen ruft der Künstler für sein Werk auf, die selbst den erfahrenen Amtssekretär Josef Krzizek beeindrucken. Dieser ist für die Galerie zuständig, die im Oktober mit neuer Ausstellung eröffnet werden soll, wenn Franz Ferdinand von einem Manöver zurückgekehrt ist. Dabei gilt diesem Moderne Kunst als verhasst.
Von alldem erfährt Erna Kührer herzlich wenig. Sie arbeitet als Bedienerin in der Galerie und somit für Krzizek, der Erna und deren Familie als Gegenleistung für gewisse Gefälligkeiten eine Wohnung in besserer Lage zugespielt hat. Franzl, Ernas Mann ist krank und kann nicht mehr arbeiten, mit den drei Kindern kommt man so gerade über die Runden. Als jedoch unerwartet der älteste Sohn Daniel wieder einzieht, droht die Situation zu kippen. Daniel nutzt seine zwölfjährige Schwester Klementine aus, um an Geld zu kommen, während er selbst durch ständige Aggression für Ärger sorgt.
Am 30. September ist es dann soweit. „Der Kuss“ wird geliefert, doch es gibt keinen Grund zum Feiern, denn der Kurator Eduard Ameseder findet an einem der Brunnen des Schlossparks eine menschliche Hand. Einen Tag später erscheint Johann Pospischil, geheimer Agent und Kriminalermittler in Angelegenheiten des Hauses Habsburg und der Monarchie, vor Ort und lässt alle Brunnen nach weiteren Leichenteilen absuchen. Man wird fündig, allein der Kopf bleibt unauffindbar. Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Doktor Leopold Frisch ermittelt Pospischil in einem Minenfeld, denn ein Mord im Schlosspark muss mit aller Diskretion behandelt werden. Am Ende war es gar ein Anschlag auf die Monarchie.
Klimt, k.u.k. Zeit, ein mysteriöser Mord und eine stimmige Kulisse
Christine Neumeyers Roman „Der Kuss des Kaisers“ spielt 1908 und somit inmitten der k.u.k. Zeit, also der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie. Es regiert Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Franz Joseph als Kaiser von Österreich und König von Ungarn, der bereits 77 Jahre alt ist. Sein Thronfolger ist der Erzherzog, der nicht überall Freunde hat, so dass immer wieder Gerüchte über mögliche Anschläge die Runde machen. So auch im vorliegenden Fall.
„Wenn das in die Öffentlichkeit dringt! >Der Kuss< wird angeliefert, wir müssen umhängen wegen der bevorstehenden Hagenbundausstellung, der Thronfolger wird jede Stunde in Wien zurückerwartet und die Fürstin steht kurz vor der Niederkunft. Es ist eine Katastrophe.“
„Der Kuss?“ Pospischil hob die Brauen. „Welcher Kuss?“
Der Aufbau des Romans ist selten zu sehen, denn zunächst erfährt man einiges vom Leben am Hofe, denn kurzzeitig muss Erna Kührer sich sogar persönlich um Fürstin Sophie und deren drei Kinder kümmern, während Krzizek die Ausstellung mit vorbereitet und sogar den Künstler selber trifft. Im Mittelpunkt steht durchgehend die Familiensituation der Kührers und so mag es wenig überraschen, wer da am ersten Oktober zerstückelt im Brunnen aufgefunden wird. Es gibt mehrere Verdächtige, denn der Täter muss Zugang zur Galerie und zum Schlosspark gehabt haben. Durch den eher ungewöhnlichen Beginn dauert es bis Seite 81, wenn Johann Pospischil erstmals vom Mord im Belvedere erfährt.
Die Ermittlungen verlaufen recht langsam, was der damaligen Zeit geschuldet ist, zumal es noch keine „modernen“ Polizeimethoden gab. Erstaunlich ist dennoch, dass sich aufdrängende Befragungen von Zeugen respektive Verdächtigen erst recht spät erfolgen. Spannend bleibt es gleichwohl und es geschieht sogar ein zweiter Mord, wobei hier der Leser den Täter direkt „erraten“ dürfte, was nicht weiter stört, denn es geht nahezu ausschließlich um den ersten Mord.
Wer sich für Kunst, insbesondere Gustav Klimt, die Kaiserzeit sowie die Stadt Wien interessiert, findet einen unterhaltsamen Krimi, der die vorgenannten Themen allerdings nur anreißt. Es soll schon vor allem ein Historischer Krimi sein, der allerdings die Neugier auf eine vertiefende Betrachtung der Kunst und Geschichte Wiens weckt.
- Autorin: Christine Neumeyer
- Titel: Der Kuss des Kaisers
- Verlag: Picus
- Umfang: 270 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: Februar 2023
- ISBN: 978-3-7117-2136-5
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Wertung: 11/15 dpt







