Sleep Token – Two (EP)

Mit der 2017 erschienen EP “Two” von Sleep Token wurde der Preis bezahlt, der in “One” angedroht wurde.

Sleep Token

In “One” hat unser Protagonist Vessel in einem Ritual die Gottheit Sleep beschworen, in Hoffnung auf Ruhm und Erfolg. Ihm wurde mit süßlichem Gesang Versprechen gegeben, die ihn high nach Sleeps Aufmerksamkeit machten (die Review gibt es hier). Verborgen hinter träumerischen, organisch klingenden Vocals, antik wirkenden Instrumentals und herzschlagartigen Drums hat Sleep dem vor Rausch blinden Vessel aber deutlich gemacht: Er wird einen teuren Preis für ihre Aufmerksamkeit zahlen müssen.

Calcutta

Mit “Calcutta” macht “Two” den Anfang in einer indischen Stadt, die durch britischen Kolonialismus ausgebeutet wurde, aber sich trotz dieser Gewalterfahrungen zu einem kulturellen Hotspot entwickelte. Obwohl sich die Bevölkerung und die lokale Herrschaft ständig wehrten, hat die britische Ausbeutung tiefe Wunden geschlagen, die auch heute noch kulturell nicht nur in Kalkutta, sondern in ganz Indien zu finden sind. Mit dieser historischen Referenz im Hintergrund beginnt der Song mit einem trägen Erwachen von Vessel – wahrscheinlich direkt nach einem Treffen mit Sleep. Die Stimme ist noch schläfrig und echot, als befände Vessel sich alleine in einem großen Raum. Müde singt er: “I am caught, tangled in / wrapped and quartered / tripping up and over / time, lived again / for just a moment / missing pieces find me”. 

Er klingt fast ungläubig über sein Glück, dass Sleep ihn angenommen hat, während “You said better believe it / I said you don’t even know” im Hintergrund von den nackten Wänden widerhallt. Ein Herzschlag ähnlicher Beat zieht sich durch den Hintergrund, während Vessel sirenenhaft sein Gefühlshoch besingt. Wie eine Farbexplosion steigern sich ein Chor aus der Sirenengesang mit dominanten Schlagzeugeinlagen gegenseitig in die Höhe und klingen so warm und einladend.

Diese Leichtigkeit verfliegt aber auf einen Schlag, als ihn vergessen geglaubte Erinnerungen einzuholen scheinen. Die Musik wird alptraumhaft, der Sirenengesang wird zu einem Warnsignal und die Musik scheint ihn ins Straucheln zu geraten und ihn in kalte Abgründe zu ziehen. Seine Glücksgefühle vom Anfang sind trügerisch und zeigen sein verzerrtes Bild auf seine Beziehung: Obwohl die Beziehung noch frisch ist, macht Vessel seine Abhängigkeit deutlich – “I`m whole again / for just a moment / until the morning comes”. Nur in der Zeit, die er nachts mit Sleep verbringt, fühlt er sich ganz. Alles andere – Freunde, Familie, Hobbys oder Job – spielen keine Rolle. Diese Sehnsucht, die er verspürt, hinterlässt aber Spuren: Sie zehrt an seinem Körper und lässt ihn isoliert zurück – ähnlich wie die Besatzung der Briten Kalkutta hinterlässt Sleep seinen Körper geschunden. 

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Nazareth

“Nazareth” wirkt wie das Aufwachen nach diesem Crash. Mit seinem melancholischen Intro wirkt der Song so, als würde er nach dem Aufwachen in “Calcutta” anschließen und beginnt fast wie eine Predigt, in der Sleep von Vessel nüchtern das einfordert, vor dem sie ihn seit ihrem ersten Treffen gewarnt hat: Vessel wird auf die Probe gestellt und muss sich Sleep beweisen. Wofür Ritualen und Liebessäuseln vorher ausreichten, muss jetzt mit Blut besiegelt werden. 

Die Brutalität, die wir in “One” immer wieder unterschwellig wahrnehmen konnten, wird in “Nazareth” klar benannt: “Ich gebe dir was du willst – Geld, ein Königreich. Aber ich werde dich auch von innen nach außen stülpen, wenn es sein muss” – “Knocking on your bedroom door with money / building you a kingdom / Drippin’ from the open mouth / i’ll show you what you look like from the inside”. In dieser Nacht soll so endlich entschieden werden, ob Vessel es überhaupt verdient hat, Sleeps Aufmerksamkeit zu bekommen – hypnotisch singt sie: “Tonight, tonight, tonight / You have the answer”.

Sleep bringt Vessel dazu eine Waffe vorzubereiten, jemanden zu quälen, fremdes Blut zu vergießen – “Let’s load the gun / make her eat the tape in the bathroom mirror”. In dieser Strophe wird auch Sleep dunkles Verständnis von Lust und Liebe offensichtlich, bei dem Schmerz mit Begehren verschmolzen wird: “See if she can guess what / a hollow point does to a naked body / let`s fuck her up / manifest pain at the core of pleasure”. Obwohl es in den Folgealben auch oft um Blutvergießen, Selbstverletzung und Schlachten gehen wird, ist “Nazareth” dadurch eines der brutalsten Lieder. Nicht nur, weil die Beschreibung der Tat so explizit ist, sondern weil die Hilflosigkeit des Opfers so bildlich ist und es sich um Vessels erste Sünde handelt.

Der Song endet auch in einer direkte Warnung an Vessel: “they won´t be missing you / they won`t be missing you” und macht damit klar – wen auch immer Vessel foltern und töten sollte, ob es ein vorheriger Vessel war oder jemand unbeteiligtes – Vessel sollte sich niemals zu sicher fühlen. Auch er kann nach Belieben ausgetauscht werden. Und niemand wird ihn vermissen, weil er alles für Sleep aufgegeben hat. Mit diesem Mord kann er sich nicht mehr von Sleep lösen, denn er hat damit allem Menschlichen den Rücken zugekehrt – wer würde denn überhaupt einen Mörder, der aus niedrigen Bedürfnissen getötet hat, freiwillig aufnehmen wollen? Für die Aufmerksamkeit einer Gottheit hat er einen Menschen getötet und sich damit von der Menschheit verabschiedet. 

Im Hintergrund spielt Horrormusik neben harten Gitarrenklängen, die zum Schluss in rauschenden Wasser enden – so als würde Vessel nach der Tat dissoziieren. In diesem Instrumental ist es auch, dass wir endlich erfahren, wie es Vessel in dieser Situation geht – den Horror, den er empfindet, das Adrenalin, dass durch seine Adern rauschen und die Leere, die er empfinden muss. SOS spielt durchgängig als Morsecode im Hintergrund.

Damit wird auch der Bezug zum Namen “Nazareth” klar –  der biblischen Heimat von Jesus. In Nazareth war es, dass Jesus sich das erste Mal als Prophet und Sohn Gottes geoutet und für seinen Glauben von seinem Umfeld ausgeschlossen wurde. Auch wenn Vessel nicht als Prophet sondern nur als Prediger dargestellt wurde, ist er jemand, der an eine Gottheit glaubt und durch seine Abhängigkeit isoliert ist – soweit, dass ihn scheinbar niemand mehr vermissen wird.

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Jericho

Jericho ist eine der ersten Städte in unserer Menschheitsgeschichte und einer der ersten Orte, in dem es gebaute Grabstätten und Agrarkultur gab. Die ersten zeremoniellen Gebäude, Altare und Wasseraufbereitung lassen sich dort finden. Auch Jesus soll durch Jericho gereist sein und dort Blinde geheilt haben. Während der römischen Herrschaft wurden hier teure Balme hergestellt, denn Jericho war reich an wertvollen seltenen Pflanzen. Jericho wurde deswegen als ein heiliger Ort beschrieben, in dem sich römische Herrscher gerne aufhielten.

Nach Vessels Opfergabe scheint Sleep sich in eine Art “Jericho” zurückzuziehen, in dem sie sich befriedigt von den Ereignissen in “Nazareth” nährt – “Tread, ancient water salt / Like I / sink, down like precious stones / Until I wake, I dine on old encounters”. Mit langsamer, entspannter, antik klingender Musik schwelgt Sleep selbstzufrieden durch Vessels Anbetung vor sich hin und genießt das “Frischfleisch”, dass ihr jetzt zur freien Verfügung steht – “You taste like new flesh / Say my name again”. Dieses Dahinschwelgen wird von einer Art Duett zwischen Sleep und Vessel unterbrochen und mit rockigen Sounds untermalt. Während Sleep “‘til I wake, I dine on old encounters” singt, erfahren wir, dass Vessel sich immer noch unsicher fühlt: “My hands are not worthy”.

Mit “Jericho” wird die Komplexität ihrer Beziehung auf den Punkt gebracht: Es wäre eine Sache, wenn Vessel ein Gläubiger von vielen wäre, sich Ruhm, Ehre und Liebe wünscht und dafür seine kleinen Rituale in seinem dunklen Schlafzimmer macht. Aber durch seine bestandene Blutprüfung und die ständigen Warnungen von Sleep, die ihm mehrere Chancen gegeben hat, doch noch die Reißleine zu ziehen, hat Sleep Vessel auserkoren und zu etwas Besonderem gemacht. Zu ihrem neuen Stück Fleisch, an dem sie sich satt essen kann, bis sie das Interesse verloren hat. Trotz all dem fühlt sich Vessel aber nicht selbstsicherer oder besser, sondern scheint innerlich immer noch der gleiche Vessel wie in “One” zu sein. Und es ist ganz klar: Diese Beziehung baut nicht auf Augenhöhe auf und jedes bisschen Glück, das Vessel empfindet, wird dadurch gefärbt, dass Sleep eine antike Gottheit ist, die sich nur an seinem Fleisch und der Aufmerksamkeit satt fressen will. Es ist bereits klar: Diese Beziehung ist ein Unheil.

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Aber wieso würde sich jemand das alles freiwillig antun? Das ist eine Frage, die immer wieder in den Folgealben aufkommen wird. An dem Punkt lässt sich nur erahnen, wie massiv beschissen es Vessel vor der Begegnung mit Sleep gegangen sein muss, um seine jetzige Situation als Verbesserung zu interpretieren.

Um Sleep Token als Band zu verstehen, hilft es auch, sich ihre Musik als ein Musical vorzustellen. Während man sich Musik gerne in Genres vorstellt, bei den Künstler*innen in irgendeiner Form ihre Erfahrungen oder eine Geschichte teilen und eine gewünschte Stimmung hervorrufen möchten, sind Sleep Token-Songs vergleichbar mit der Musik, die in Musicals produziert wird. Ähnlich wie beim Phantom der Oper, Tanz der Vampire oder Hamilton (oder Disney-Songs) halten sie sich nicht strikt an Genre-Regeln (auch wenn ihre Musik Rock und Metal zugeordnet werden kann, finden sich auch oft Jazz- oder Gospelelemente in ihre Musik wieder). Stattdessen fokussieren sie sich mit ihren Texten und Musik hauptsächlich darauf, eine fiktionale Handlung voranzutreiben. 

Sleep Tokens Musik ist deswegen nichts, dass man mal ebenso im Hintergrund bei einer Küchenparty laufen lassen kann. Dank ihren zum Nachdenken anregenden Lyrics, komplexen Instrumentals, die auch anders als Üblich das Schlagzeug zu einem für das Storytelling wichtiges Instrument macht, und dem manchmal etwas düsteren Sound, lohnt es sich, “Two” in Ruhe anzuhören. Die Handlung, die sie damit erzählen, bleibt dabei vielschichtig und überraschend: Was sich auf den ersten Blick um eine zum Scheitern verurteilte Beziehung handelt, ist so viel mehr als es scheint. Denn auch wenn Sleep nicht aus Liebe handelt, ist es Sleep, die Vessels Entwicklung maßgeblich formt und auch die Band Sleep Token im echten richtigen Leben berühmt gemacht hat. 

  • Interpret(en): Sleep Token
  • Titel: Two
  • Label: Sleep Token
  • Erschienen: 2017
  • Spielzeit: 17 Minuten
  • Sonstige Informationen:
  • Tracklist:
    • Calcutta
    • Nazareth
    • Jericho

Wertung: 15/15 dpt

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