Am 22. Mai wurde beim FOKUS FLINTA*-Konzert drei Musiker*innen eine Bühne gegeben, die sonst von der Industrie ignoriert werden: Jung, experimentell, keine Männer. Auf der Bühne waren Salemn (schimmernder Indie Synthpop), Clarsten (Pop Rock) und Maiva (Pop) die kaum einen Fuß auf die Bühne setzen konnten, ohne dass die Menge tobte. Hinter FOKUS FLINTA* steckten die FSJler der Popakademie Mannheim zusammen mit dem Jugendkulturzentrum FORUM Mannheim, Leute auf die Bühne geholt, die sonst in Line Ups fehlen: FLINTA* oder in Umgangsdeutsch: nicht-(cis)Männer. Und was für eine Show das war!



Wo sind die Frauen? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich mir Festival- oder Konzert- Line Ups anschaue, sehe ich nur Männertrupps. Bands mit Frauen sind ziemlich rar, gerade wenn wir uns die alternative Szene anschauen. Das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt oder Männer Musik machen, die nicht hörenswert ist (meine Lieblingsmusiker bestehen aus Männertrupps), aber es fällt doch langsam auf, dass Menschen auf der Bühne fehlen, die die Musik genauso lieben, genauso im Schlamm auf Festivals übernachten und genauso ihr Geld für Merch ausgeben.
Die Musikbranche ist aber auch tough. Zugang zu Bühnen, Proberäume oder Equipment zu bekommen, schafft man meistens nur über Kontakte oder mit einem passenden Budget. Gerade wenn man anfängt, gehört ganz schön viel Glück dazu, die ersten Auftritt zu ergattern in einer Branche, der maximal überfüllt ist. Da ist es nur selbstverständlich, dass Frauen und Queers, deren Kunst und Errungenschaften seit Jahrhunderten abgewertet oder ignoriert wurden (und die so auch keine Netzwerke aufbauen konnten), erst recht damit hadern, überhaupt (alternative) Musik zu machen und dann auch zusätzliche Startschwierigkeiten haben.
Das ändert sich aber glücklicherweise. Es gibt immer mehr Institutionen und Gruppen, die Frauen und Queers den Zugang zur Branche ermöglichen, Kontakte und Ressourcen zur Verfügung stellen – darunter die Popakademie und die Punk-Akademie in Mannheim. Und das Ergebnis ist phänomenal! Am 22. Mai haben die Musiker*innen gezeigt, wie viel raffinierter und professioneller der Sound und die Stagepräsenz des Nachwuchses ist und dass sie genau wissen, wie eine gute Show auszusehen hat.
Glorious Synthpop. Salemn ist ein Name, den ihr euch merken solltet. They (Neopronomen, weil Salemn nichtbinär ist) kreiert ausgestattet mit der eigenen Stimme und einem Soundpad eine experimentell-futuristische Landschaft, in die sich they in einem Mix aus Wahn und Selbstauflösung fallen lässt und die Menge mit sich zieht – und das wortwörtlich in einem Oldschool Deathdrop. Mit synthetischen Stimmverzerrungen, elektronischen Spielereien und kräftigen Bass teilte Salemn mit uns theys bisher unveröffentlichte EP “Rot ist eine destruktive Entwicklung” und gab uns das Gefühl, mit unseren eigenen Eigen- und Andersartigkeiten nicht alleine auf dieser fliegenden Erdkugel gestrandet zu sein.
Durch den Monsun. Clarsten hat mich mit ihrer Musik wieder wie 12 fühlen lassen, als Tokyo Hotel und Silbermond noch im Radio spielten und Anime-Edits mit Panik “Lass mich fallen” oder Linkin Park “Numb” YouTube dominierten. Und sie wusste ganz genau, dass die Crowd nach ihrer Pfeife tanzen würde, als sie sie auf Kommando in die Knie gehen oder in die Luft springen ließ. Mit 2000er Dramatik sang Clarsten von dem ganzen Gefühlschaos, das einen Anfang zwanzig mitreißt, weil man das erste Mal lebt und keine Sekunde verpassen möchte.
Hier der Linktree, wenn ihr euch Clasten anhören möchtet (leider hat sie weder SoundCloud noch eine YouTube-Präsenz).
Pop Royalty. Hast du schon mal von Maiva gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht und war vollkommen geflasht davon, als sie vor 150 Leuten in einem Jugendtreff performte, als wäre es ein überfülltes Stadion. Mit professionellen Tracks und der Stimmkontrolle eines Popstars hat sie deutlich gemacht, dass man lokale Musiker*innen nicht unterschätzen darf. Wenn du also jemanden suchst, der dir einen Soundtrack für den nächsten Herzschmerz liefert, ist sie genau richtig für dich.
Support. FOKUS FLINTA* hat gezeigt, dass es so viele tolle Musiker*innen gibt, die auf eine Bühne gehören und diese Chance auf die beste Art überhaupt nutzen. Es gibt lokal so viele tolle Künstler*innen, die entdeckt werden wollen, die man kennenlernen kann und für ihre Leidenschaft brennen. Jedes Konzert, das du in deiner Umgebung verpasst – und davon gibt es viele in Jugendtreffs, alten Bars oder in einem Schuppen auf irgendjemandens Grundstück – ist tragisch! Besonders, weil sie meistens noch nicht überteuert sind und es hier noch die Chance gibt, unabhängig von irgendwelchen Algorithmen etwas Neues zu entdecken.
Hier noch die Links:







