Megan Abbott – El Dorado Drive (Buch)

„El Dorado Drive”, das verheißt Wohlstand, Sehnsuchtsort für „American Housewives“ oder doch eher Heimstatt für die Damen aus „Stepford“? Die drei Bishop Schwestern haben zwar noch eine Ahnung von Vermögenswerten, von Teilhabe kann nicht mehr die Rede sein.

Debra, der Ältesten werden die Behandlungskosten für die Krebserkrankung ihres Mannes zur Bürde, Harper, die Erzählerin (und mittlere Schwester, nicht die jüngste wie der Klappentext verlautbart), hat 50 000 Dollar in ihre große Liebe fehlinvestiert, während Pam, das Nesthäkchen, eine Trennung bewältigen muss, die davon geprägt ist, dass ihr Noch-Gatte Doug („Dämonen Doug“, laut Harper) sämtliche Ersparnisse und Ausbildungs-Rücklagen beiseitegeschafft hat.

Doch dann taucht die vermeintliche Rettung in der Suburbia auf: „The Wheel“, eine Gemeinschaft aus Frauen des Vororts, die eine untrügliche Methode des Geldverdienens entdeckt haben. Die nichts anderes als eine Variante des altbekannten Schneeballsystems ist. Man wird nach Anwerbung Mitglied im Club, muss aber ordentlich Startkapital mitbringen. Dann werden weitere Mitglieder angeworben, was irgendwann zu einer Gewinnausschüttung für die akquirierenden Frauen führt.


Eigentlich sollte sich rumgesprochen haben, dass diese Methoden nur eine begrenzte Zeit und nur für die frühen Mitglieder lohnend sind. Doch das Banner „Frauen vertrauen, Frauen geben, Frauen schützen“ hält den Betrieb vorerst am Laufen.


Bald zeigen sich Risse, Misstrauen wächst schneller als der Geldsegen, Warnzeichen werden ignoriert und irgendwann liegt Pam erschlagen in ihrem Haus. Kein Spoiler, denn mit ihrem Tod beginnt der Roman. Bevor er zurückspringt und die unheilvollen Begebnisse rückblickend aufarbeitet. Am Ende mit Erkenntnissen, die vorhersehbar gewesen wären und einigen Überraschungen übler Natur.

Mit „El Dorado Drive“ erweist sich Megan Abbott erneut als eine der ungewöhnlichsten und interessantesten (Krimi)-Autorinnen der Gegenwart. Ihre Bücher sind Chroniken des Zerfalls, keine einfachen Abhandlungen über Verbrechen und deren Aufklärung. Das kommt bestenfalls im Rande vor. So dauert es bis zum letzten Drittel von „El Dorado Drive“, ehe der zu Beginn angekündigte Mord geschieht und sogar Polizisten am Tatort auftauchen. Doch selbst dann ist die Polizeiarbeit in Harpers Erzählung lediglich relevant, wenn sie die eigenen Befindlichkeiten und Erschütterungen des persönlichen Gefüges betrifft. Es wird eine Aufarbeitung und Aufklärung des Mordfalles geben, bei der aber die polizeiliche Ermittlung bestenfalls eine marginale Rolle spielt.


Stattdessen werden Beziehungen auf den Prüfstand geworfen, Geheimnisse und Lügen entlarvt. Was sowohl die vorgeblich eingeschworene Gemeinschaft der drei Harper-Schwestern betrifft wie das wesentliche fragilere Konstrukt der Frauengemeinschaft, die das „Rad“ am Laufen halten wollen. Mit der Ideologie und den Hauptregeln des „Fight Clubs“: „Niemand spricht über den Fight-Club“ und „Neulinge müssen kämpfen“. Eine Illusion natürlich, genau wie das selbstgewählte Banner der „schützenden“ Frauen. Das gilt bestenfalls für eigene Interessen und wird spätestens hinfällig, als Pam ermordet wird.


Auch in der Beziehung der Harper-Geschwister machen sich Risse bemerkbar. Je mehr Harper aus der eigenen Familiengeschichte preisgibt, desto auffälliger werden die nur mühsam gekitteten Bruchstellen. Es wird geschwiegen, wo reden Not getan hätte und gelogen, wenn die Wahrheit schmerzen würde. Das beginnt beim Verhältnis zu den Eltern und führt sich beim Umgang miteinander fort. Unaufdringlich packt Abbott das in einen Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Niedergang Detroits, der in der Vorstadt ebenfalls nachdrücklich seine Spuren hinterlässt.


Megan Abbott schreibt wieder präzise und poetisch zugleich, es gibt kaum Ballast, sie lässt den Lesenden Raum, mögliche Lücken zu füllen. So vermeidet sie jedes Soap Opera-Pathos, hält die Spannung hoch, auch wenn äußerlich scheinbar wenig passiert. Der Autorin gelingt es Interesse zu wecken und aufrecht zu erhalten, selbst wenn man mit den gewählten Themen und Peer-Groups fremdelt. Wobei Erzählungen, die um die unterschiedlichen Arten des „Ponzi-Schemes“ kreisen, leider immer tagesaktuell sind.


Kleiner Fakt am Rande: Im kürzlich erstmalig hierzulande publiziertem (und auf dieser Seite von mir besprochen) „Wer verliert gewinnt“ („You Play The Black And The Red Comes Up“) von Eric Knight (unter dem Alias Richard Hallas), im Original 1938 veröffentlicht, spielt eine Gruppe von Aktivistinnen, die ein ganz ähnliches Schneeballsystem aufbauen wie in „El Dorado Drive“ ebenso eine tragende Rolle. Guter Stoff altert nicht. Und wenn man so damit umgehen kann wie Megan Abbott, wird er sogar besser.

    Wertung: 13/15 dpt

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