Catrin Ormestad – Wolfssommer auf Wiggö (Buch)

Wolfssommer auf Wiggö – Catrin Ormestad

Ein Schuss reicht aus, um Wiggö, eine windige Insel bei Åland, ins Wanken zu bringen: Ein Inselbewohner tötet einen Wolf – und plötzlich weiß jeder etwas, aber niemand spricht. Als Magdalena, eine zugezogene Journalistin, anfängt, Fragen zu stellen, macht sie sich Feinde. Denn 1989 war schon einmal ein Wolf da und eine junge Frau verschwand spurlos. Und das Inselgedächtnis verzeiht keinen Verrat.

Der Wolf, das größte heute noch lebende Raubtier aus der Familie der Hunde, ist seit vielen Jahrzehnten immer wieder Gegenstand öffentlicher und privater Debatten. Für die einen ist er eine mystische, schützenswerte Schönheit, für die anderen ein gefährliches Monstrum, vor dem es zu schützen gilt.

Als Tillman, Sohn des ansässigen Oligarchen, einen Wolf erschießt, bricht auf Wiggö eine ähnliche Auseinandersetzung aus und unter der insulanischen Oberfläche brodeln plötzlich lange verschüttete Emotionen und Geheimnisse hervor. Während die einen den „Wolfsschützen“ in einer fast schon hysterischen Ekstase feiern und in ihm den Helden der Insel – einen, der jetzt mal ordentlich durchgreifen wird – sehen, betrachten andere diese Begeisterung schon eher nüchterner. So zum Beispiel Magdalena, ihres Zeichens Journalistin, die dank ihres Jobs großen Luxus genoss, bis ein erschreckender Artikel über die Klimaveränderungen sie ernüchterte. Sie ist entsetzt über die Rohheit der Inselbewohner, die den Tod eines Tieres wie die Befreiung eines besetzten Kriegsgebietes feiern, schließlich haben Abgestumpftheit und einseitige Betrachtungsweisen sie dazu veranlasst, sich nach dem Tod ihres Großvaters auf die naturbelassene Insel zurückzuziehen.

„Es fühlte sich so an, als hätten sie ihr Wiggö weggenommen. Sie war durch die Straßen Stockholms gelaufen und hatte jeden gehasst, der ihr begegnete, weil die Leute immer nur in Restaurants und Theater gingen und Urlaubsfotos auf Instagram posteten und sich wegen ihrer Körper und ihres Sexlebens und ihrer Karrieren Sorgen machten, als ob das alles wichtig wäre. Als wäre die Welt nicht gerade dem Untergang geweiht. Sie hatte wirklich gedacht, sie hätte hier ein anderes, einfacheres Leben führen können.“
S. 51

Mit einem kritischen Post in der örtlichen Facebook-Gruppe zieht sie den Unmut der Inselbewohner auf sich und macht sich zum erklärten Feindbild.

In dieser Szenerie offenbart sich ein tieferliegender Konflikt, der auch abseits von Romanseiten existiert und der gerne wenig beachtet wird: Aus Sicht der Insulaner ist Magdalena ein oberflächlicher Luxus-Hippie, der ungeachtet der Realität des landwirtschaftliches Leben sein Wissen aus sozialen Medien bezieht, um Menschen, die ihr Leben lang im Einklang mit der Natur verbrachten, über den Schaden von Flugreisen zu belehren. Aus Sicht Magdalenas sind die Inselbewohner verrohte Trump-Fans, die sich nach dem starken Mann sehnen, der sie vor dem bösen Wolf beschützt, der für so viel mehr als nur ungezähmte Natur steht; deren Angst vor dem Fremden so groß ist, dass nur Gewalt eine adäquate Lösung sein kann und die sich wenig um die Auswirkungen der schmelzenden Polkappen scheren. Beide Seiten haben sowohl Recht als auch Unrecht in ihrer Meinung über einander, doch beide Seiten haben verlernt, der Gegenseite zumindest einmal zuzuhören.

Dies wird auch in Rückblenden in die späten Achtziger Jahre deutlich, die die Geschichte einer jungen Frau erzählen, welche mittels ihrer Andersartigkeit Unbehagen in die Insellandschaft brachte. Auch damals erschien ein Wolf auf der Insel und auch damals stand dieses Tier sinnbildlich für eine uralte im Menschen verankerte Angst. In diesem Handlungsstrang offenbart sich eine der großen Stärken des Romans: die romantisch-düstere Mystik, die sich in einem gelungenen Spannungsbogen entfaltet.

Die zweite große Stärke ist definitiv der Sprachstil, der außergewöhnlich tiefgründig ist und der das düstere und doch so atmosphärische Inselleben perfekt einfängt, ohne dabei zu blumig zu wirken.

Dementsprechend ist es äußerst bedauerlich, dass die Charaktere, die zwar gut ausgearbeitet wurden, dennoch recht oberflächlich verbleiben und manche ihrer Entscheidungen nur schwer nachzuvollziehen sind. So ist es beispielsweise sowohl befremdlich als auch wenig verwunderlich, dass Tillmans eigener Sohn nur wenig davon begeistert ist, als sein Vater nach drei Jahren Funkstille plötzlich vor seiner Schule auftaucht und ihn mit auf die Insel verfrachtet.

Auch die Charakterisierung und Entwicklung der einzelnen Figuren mag nicht jeden ansprechen. Dass Tillman, Sohn des Oligarchen, der immer anders als dieser sein wollte und doch genau das ist – ein reicher Sohn, der sich immer alles erlauben durfte, der flucht, respekt- und rücksichtslos ist und der sich sogar im Erwachsenenalter noch aufführt, als wäre er ein bockiger Teenager, dennoch von ausnahmslos allen Frauen umschwärmt wird, ist unangenehm klischeehaft und ärgerlich. Dass ein kecker Augenaufschlag Tillmans für Magdalena, die sich als nachdenkliche, tiefsinnige und empathische Frau präsentiert, ausreicht, um ihm ebenfalls sofort zu verfallen, obwohl es charakterlich wesentlich angenehmere Charaktere gibt und obwohl sie doch genau vor solcher Stumpfheit floh, bestätigt diesen Stereotyp. Auch Figuren wie der „böse“ Oligarch Samuel, der von allen leidenschaftlich gehasst wird und vor dem doch alle kuschen und ein paar besonders tumbe Inselbewohner wirken fast ein wenig zu überzeichnet.

Diese Entwicklungen machen es zum Teil schwer, mit den Hauptfiguren zu sympathisieren, obwohl die Handlung so viel Raum zum Nachdenken, Träumen und Pläne schmieden bietet.

Aber vielleicht ist auch gerade das die große Stärke von „Wolfssommer auf Wiggö“: Dass alles an ihm, Handlung, Figuren und geschilderte Natur so undurchdringlich ist und so viele schmerzhafte aktuelle Fragen aufwirft, dass sie noch lange nachhallen.

Wertung: 9/15 dpt

Cover © Ullstein Verlag

  • Autor: Catrin Ormestad
  • Titel: Wolfssommer auf Wiggö
  • Originaltitel: Vargskytten
  • Übersetzung: Karoline Hippe
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 07/2026
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 512
  • ISBN: 978-3-550-20315-2
  • Sonstige Informationen:
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