Kerstin Campbell – In den Wolken schwimmen (Roman)

Karoline von Günderrode (1783-1801) – Wer in die Epoche der Romantik eintaucht, kommt um ihren Namen nicht herum. Doch wer war diese Frau, die lange Zeit nur in die Fußnoten der Literaturgeschichte verbannt wurde? Kerstin Campbell spürt in ihrem Roman „In den Wolken schwimmen“, erschienen im Berliner Aviva-Verlag, dem Werk und der bewegten Biografie von Günderrodes nach.

Nach dem frühen Tod des Vaters, der mit Karoline fünf Töchter zurückließ, wurde sie von ihrer mittellosen Mutter gerade mal vierzehnjährig 1797 in einem Klosterstift in Frankfurt a.M. untergebracht. Entfernt von der Familie lernte sie also schon früh selbständig zu sein. Die sehr gebildete junge Frau bewegte sie sich im Dunstkreis wohlhabender und berühmter Leute. So gehörten auch die Brentanos zu ihrem Freundeskreis. Sie widmete sich intensiv der Literatur ihrer Zeit, studierte philosophische Schriften und verfasste selbst ein beachtliches literarisches Werk. Doch nicht als die Dichterin und hochgebildete Gelehrte wird Karoline von Günderrode nach ihrem Tod erinnert, meist wird ihre Biografie auf ihre letzte unglückliche Romanze reduziert. Das Bild der überspannten, unglücklich Verliebten, die sich das Leben nahm, weil sich ihr Geliebter von ihr trennen wollte, bestimmte lange unangefochten ihr Andenken. Wie falsch, ja sogar diffamierend, diese Darstellung ist, legt Kerstin Campbell mit ihrer beeindruckenden Romanbiografie „In den Wolken schwimmen“ offen.

Campbell erzählt die Geschichte der romantischen Dichterin als Geschichte einer Frauenfreundschaft. Ihre beiden Protagonistinnen sind Bettine von Arnim und Karoline von Günderrode, die sie abwechselnd als Ich-Erzählerinnen zu Wort kommen lässt. Die Leser:innen erleben so alle relevanten Ereignisse, aber auch die Emotionen, die diese auslösen, aus erster Hand. Dabei gelingt ihr etwas ganz Großartiges. Sie nimmt uns mit in diese fremde Epoche, aber nicht, indem sie sie beschreibt, indem sie uns auf sie drauf schauen lässt, nein, sie zieht uns direkt hinein. Sie lässt uns teilhaben. Sie erzeugt nicht nur große emotionale Nähe zu ihren Figuren, sie bezieht auch die Epoche der beiden unmittelbar in ihre Inszenierung ein. Das gelingt vorallem auch dank der hervorragenden sprachlichen Umsetzung. Feinfühlig orientiert sich Campbell am Duktus der Romantik, modernisiert diesen jedoch sehr behutsam. Ihr fiktiver Text erscheint wie ein Echo der realen Stimmen von Karoline und Bettine, die durch Einschübe zu Beginn jedes Kapitels den Grundton vorgeben. Das Ergebnis ist ein im modernen Sinne extrem gut zugänglicher Text, der die Sinnlichkeit der romantischen Epoche aber vollkommen bewahrt.

Der lebhafte, überschwängliche Stil der schwärmerischen Bettine kontrastiert dabei oft mit der oft schwermütigen, nachdenklichen Sicht Karolines und legt das Spannungsfeld, in dem sich die beiden Frauen bewegen, offen. Beide streben nach Unabhängigkeit. Doch ihr Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben hat keine Zukunft in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.

Stell dir vor, es wäre uns alles gegeben wie den Männern.
Ich lebe in meinen Träumen, Bettine. Doch wenn ich die Augen aufschlage, wenn
ich der Wirklichkeit begegne, durchzieht mich eine Kälte.

Seite 123

Die Rolle des weiblichen Geschlechts ist klar festgelegt. Frauen haben Ehefrau und Mutter zu sein. Soziale Absicherung erfährt frau nur in der Ehe. Besonders Karoline ist als mittellose Halbwaise darauf angewiesen, sich möglichst vorteilhaft zu verheiraten. Dem steht jedoch ihr Anspruch, Schriftstellerin zu sein und der Wissenschaft zu folgen, diametral entgegen. Sich einem Mann und dem Lebensmodell von Ehe und Mutterschaft unterzuordnen, kommt für sie nicht in Frage. Ihre Liebessehnsucht ist daher immer die Sehnsucht nach einer gleichberechtigten Partnerschaft. Für die Ehe gilt sie dadurch als untauglich. Ihr „unweibliches“ Verhalten wird als anmaßend und unnatürlich abgewertet. Karoline passt nicht ins patriarchale System.

Schonungslos porträtiert Campbell die damalige Kulturszene, die von mächtigen Männern dominiert wurde und Frauen den Zugang ganz vehement verwehrte. Karoline erfährt Demütigung und Abwertung von ihren Schriftstellerkollegen. Ihre Versuche, als Autorin gleichberechtigt wahrgenommen zu werden, werden durch Intrigen gezielt unterwandert. Besonders Clemens von Brentano erweist sich als unbarmherziger Gegenspieler. Damit scheitert auch ihre letzte Hoffnung auf Selbstbestimmung.

Wie soll ich das Ich, das aus mir entsprungen ist, wieder
einfangen und bändigen. Wenn sich die Freiheit einmal in das Denken eingenistet
hat, ist es schwer, gar unmöglich, sie zu vertreiben.

Seite 163

Obwohl der Ausgang der Ereignisse von Anfang an bekannt ist, versteht es Campbell einen enormen Sog zu erzeugen. Die immer verzweifelter werdende Not der Titelheldin, die weder im Privaten noch durch ihre Kunst einen Ausweg findet, spiegelt sich in der wachsenen Sorge der Freundin, die ihr nicht helfen kann. Bis zum Ende erhöht die Autorin den emotionalen Druck. In einer Welt ohne Möglichkeit zur realen Flucht wählt Karoline den letzten Ausweg.

Campbell tritt an, um Karoline von Günderrode Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihr gelingt weit mehr als das. Ihr fundiertes Wissen zu Leben und Werk der Dichterin gut dosiert unterbringend, gestaltet sie ein anschauliches Porträt der Epoche der Romantik und ihrer vernachlässigten Künstlerin. Mit poetischem Feingefühl bringt sie uns darüber hinaus dem Menschen Karoline von Günderrode nahe, die einem nach der Lektüre fast so vertraut wie eine Freundin erscheint.

  • Autorin: Kerstin Campbell
  • Titel: In den Wolken schwimmen
  • Verlag: AvivA Verlag
  • Erschienen: 20. August 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 280 Seiten
  • ISBN: 978-3949302367

Wertung: 14/15 dpt

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