Michael Robotham – Bruderherz (Buch)

Der erste und einer der besten Romane von Robotham

Yulara liegt rund fünfhundert Meilen von Sydney entfernt, wo Arlo Hackett die letzten zwölf Jahre verbracht hat. Er saß im Gefängnis wegen Beihilfe zu Vergewaltigung und Mord, zwei Taten, zu denen sich sein jüngerer Bruder Luke bekannte. Jetzt ist Arlo wieder zuhause in Yulara, doch alles ist anders. Seine Mutter lebt nach einem Schlaganfall im Pflegeheim, das Haus ist heruntergekommen und seine Rückkehr alles andere als willkommen. Wer will schon einen vermeintlichen Vergewaltiger in der Nachbarschaft? Dabei hat er selber nichts getan, wenngleich er womöglich Luke und sein Opfer hätte retten können. Stattdessen war er mit seiner Mutter in Canberra.

„Warum bist du zurückgekommen?“

„Ich wusste nicht, wohin ich sonst gehen sollte.“

„Es ist ein großes Land.“

Polizeichef DS Gavin Aimes, dessen Vater einst Luke verhaftete, macht Arlo kurz nach dessen Ankunft klar, dass er ihn kaum beschützen könne. Schnell lädt sich die Stimmung auf und nicht zuletzt der langjährige Parlamentsabgeordnete Frank Winacott, zugleich größter Grundbesitzer der Southern Tablelands, macht Druck. Seine Stieftochter Saxon, das Opfer, wurde nach einer Geburtstagsfeier am Morgen des 29. Oktober 1988 tot aufgefunden.

Monate zuvor floh sie vor ihrem gewalttätigen Stiefvater und zog in das Haus von Arlo und Luke sowie deren Mutter Mary ein. Luke, der bei seiner Geburt zu wenig Sauerstoff bekam und daher geistig etwas zurückgeblieben ist, verliebt sich in Saxon, die wiederum Arlo anhimmelt. Arlo sieht in ihr eine kleine Schwester und weiß nicht, was er von dem aufmüpfigen Wildfang halten soll? Zumal ihr Verhalten zu großer Eifersucht bei Helen führt, in die Arlo verliebt ist.

Jetzt, zwölf Jahre später, fragt sich Arlo, was damals wirklich geschah? Luke kann Saxon nicht absichtlich ermordet haben, ein Geständnis hat es zwar gegeben, aber es wurde nicht unterschrieben. Wusste Luke überhaupt, was man ihm vorwarf? Zuhause entdeckt Arlo einen Brief, in dem ein anonymer Schreiber mitteilt, dass er ein Zellennachbar gewesen sei und mitbekam, dass Luke vor seinem Geständnis von den Polizisten misshandelt wurde. Camille Gutterson, die die damalige Rechtsanwaltspraxis von ihrem Onkel übernommen hat, erklärt sich bereit, Arlo bei seiner Suche zu helfen. Und auch Helen nimmt wieder in seinem Leben einen Platz ein.

Großartig! Nicht nur für Fans von Chris Whitaker eine klare Empfehlung

„Bruderherz“ ist laut Nachwort des Autors dessen zwanzigster Roman (in der Reihenfolge ihres Erscheinens), in Wirklichkeit jedoch sein erster, den dieser in seinen 20er-Lebensjahren geschrieben hat. Man darf sagen, dass trotz vieler großartiger Romane, die Robotham seither veröffentlicht hat, „Bruderherz“ sich keinesfalls verstecken muss. Nein, hier wurde nicht eine „olle Kamelle“ ausgegraben, um noch dazu mit dem obligatorischen „SPIEGEL Bestseller“-Aufkleber schnelles Geld zu machen. „Bruderherz“ ist ein kleines Meisterwerk, welches an das im Juli 2021 erschienene Buch „Von hier bis zum Anfang“ von Chris Whitaker erinnert, dass damals hohe Wellen schlug und von Kritik wie Lesern gleichermaßen begeistert gefeiert wurde. Inhaltlich sind die Bücher natürlich verschieden, aber das jeweils ungewöhnliche Setting und der Schreibstil inklusive eines „fantastischen“ Finales sind „vergleichbar“.

Ich-Erzähler Arlo versucht in der fiktiven Kleinstadt Yulara anzukommen, was sich schnell als problematisch herausstellt. Nicht alle erinnern sich mehr an jenen freundlichen und hilfsbereiten jungen Mann, der er früher stets war. Die Zeiten haben sich geändert. Eigentlich will er nur das Haus der Mutter instand setzen und verkaufen, doch die Vergangenheit holt ihn ein. Nicht nur wegen Helen, die nach wie vor große Gefühle für ihn hat, was auf Gegenseitigkeit beruht. Der gefundene Brief weckt Arlos Neugier und so fängt er an Fragen zu stellen, wobei er aufpassen muss, nicht gegen seine Bewährungsauflagen zu verstoßen. Aber wer will nach zwölf Jahren überhaupt noch darüber reden, woher sollen neue Beweise kommen, denn die alten wurden von der Polizei vernichtet, da es keinen Prozess gab. Vor Beginn des Gerichtsverfahrens gelang Luke die Flucht und endete mit dessen Tod. Zudem gab es damals noch nicht die heutige Technik, DNA-Spuren kannte man nicht.

Der Roman erzählt sehr ruhig und einfühlsam, was damals geschah als Saxon von zuhause floh. Nach und nach blickt man hinter die Kulissen der vermeintlich gutbürgerlichen Fassaden, hinter denen zahlreiche moralische Abgründe lauern. Polizei und Honoratioren der Stadt haben alles andere als weiße Westen. Geschickt wechselt das Szenario zwischen Gegenwart und Vergangenheit, bleibt seinem ruhigen Erzählstil treu und dennoch geschieht eine Menge. Es sind mitunter Nuancen, die Arlo auffallen und ihn nachdenklich stimmen. Die Geschehnisse 1988 kommen wie ein gewaltiger Coming of Age Roman daher, inklusive des pubertierenden Streits zwischen Saxon und Helen um Arlo, der auf ungewohnte Art immer wieder durchschlägt. Auch das Verhältnis zwischen Arlo und Luke beziehungsweise zwischen Luke und Saxon ist großes (Gefühls-)kino.

Die herausragende Figurenschilderung sowie die rührende, teils beklemmende Geschichte mit ihrem fulminanten Finish sollte man gelesen haben. „Bruderherz“ ist ein feiner, leiser Thriller und eines der Highlights des Jahres!

  • Autor: Michael Robotham
  • Titel: Bruderherz
  • Originaltitel: Tell me something true. Aus dem Englischen von Kristian Lutze
  • Verlag: Goldmann
  • Umfang: 528 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2026
  • ISBN:   978-3-442-30266-6
  • Produktseite

Wertung: 14/15 dpt

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